Von Ingo Salmen

Öffentlich-Rechtliches kommt jetzt auch aus dem Netz. Das ZDF stellt in seiner "Mediathek" TV-Produktionen wie die Hitlerpersiflage ein und hofft so Jüngere an den Sender zu binden.

Eine Brille mit schlichtem Metallgestell, blaues Oberhemd, schwarzes Sakko, Geheimratsecken. Der Mann, der dem ZDF den Weg in die digitale Zukunft weisen soll, sieht nicht aus wie ein Vertreter der Internet-Avantgarde. Und was er sagt, klingt zunächst keineswegs visionär. Er wolle die Marken ZDF und heute stärken, es gehe um "Auffindbarkeit" - das ZDF müsse seine "Inhalte dorthin bringen, wo der Nutzer ist".

Spitzenreiter unter den Einzelvideos ist eine Hitler-Persiflage ("Ich kapituliere nicht, niemals") von Comicautor Walter Moers ("Ich hock in meinem Bonker"), die im Juli im Kulturmagazin "Aspekte" lief und seitdem 694.000 Mal in der Mediathek abgerufen wurde. (Foto: Piper Verlag)

Sobald Robert Amlung, seit August Leiter der Hauptredaktion Neue Medien des Mainzer Senders, aber konkret wird, klingt es wegweisend für die Vereinigung von öffentlich-rechtlichem Fernsehen und Internet: Amlung will die Kontrolle über die Urheberrechte fürs ZDF-Programm in begrenztem Maße aufgeben und jedem Zuschauer die weit gehend freie Verwertung von online verfügbaren Videos gestatten. Das wäre eine kleine Revolution.

Ungeliebte Juristen stören das Vorhaben

Vorbild ist die britische BBC, die als Teil ihrer Digitalisierungsstrategie unter Senderchef Mark Thompson derzeit ein "Creative Archive" aufbaut. Dazu bedient sie sich so genannter Creative-Commons-Lizenzen, einer Erfindung des Stanford-Juristen Lawrence Lessig im Geiste frei verfügbarer Software ("Open Source").

BBC-Zuschauer können Beiträge aus dem Archiv auf den eigenen Computer herunterladen und in ihre eigene Homepage oder ihr Weblog einbetten - in voller Länge oder nach Belieben zerschnippelt und neu montiert. Bedingung ist lediglich, dass auch in der neuen Version die BBC als Urheberin erkennbar bleibt, die Nutzung nicht kommerziell ist und keine Kampagnenzwecken verfolgt werden.

So etwas hat auch der neue Chef von ZDF-Online im Sinn. "Der mündige Bürger soll Inhalte, für die er schon bezahlt hat, auch weiterverwenden dürfen", sagt Amlung. Er will Portale wie YouTube "für das ZDF nutzbar machen". Erhoffter Effekt: Die Beiträge sollen durchs Internet wandern und so neue Zuschauer, vor allem jüngere, zum Mainzer Fernsehsender locken.

Freilich kommen die meisten Videos für die Weitergabe bislang nicht in Frage: Sie sind fremdproduziert, das ZDF besitzt dafür keine Rechte. Den Anfang könnten daher eigene Sendungen wie heute machen - doch selbst dort ist die Lage vertrackt: Auch die Nachrichten setzen so genannte "Klammerteile" ein, etwa Agenturmaterial.

"Rechtlich schwierig" sei das alles, sagt Amlung. Er sitzt in seinem Büro im dritten Stock des Redaktionsgebäudes auf dem Lerchenberg. Wenn er so erzählt, muss er immer wieder über "die Juristen" reden. Dann windet er seinen Kopf hin und her.

Die passende Plattform für Amlungs Pläne ist schon vorhanden: Es ist die ZDF-Mediathek (www.mediathek.zdf.de), ein Portal mit Videostream, Bilderserien und Flash-Animationen, das im Sommer mit dem Deutschen Multimedia Award ausgezeichnet wurde. Derzeit umfasst sie rund 50.000 Ausschnitte aus dem ZDF-Programm, vom Promi-Interview hinter den Kulissen der Show "Wetten, dass...?" bis zur letzten Sendung von "Berlin Mitte".

Jeden Monat werden die Videos rund 4,4 Millionen Mal abgerufen. Online-Dauerbrenner ist die Telenovela Julia - Wege zum Glück, von der sämtliche Folgen, bislang weit über 200, verfügbar sind. Rund 730.000 Mal breiten sich Monat für Monat Seelenschmerz und Liebesträume auch übers Internet aus.

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