"Passanten drehen total durch": Die Leserreporter der Bild-Zeitung fotografieren alles und jeden - und unter Prominenten macht sich Paranoia breit.
Moderator Jörg Pilawa rammte gerade ein Auto, als es klick machte. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee saß beim Friseur, Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse schwebte im Sessellift zu Tal, Bahn-Chef Helmut Mehdorn machte im ICE ein Nickerchen. Immer machte es klick.
Das ist ja noch harmlos: Eine Frau knipst ein Robbie-Williams-Bild mit dem Handy ab Foto: ddp
Leserreporter schauen genau hin: Seit Wochen druckt die Bild-Zeitung Handy-Schnappschüsse und zahlt dafür bis zu 500 Euro. "Viele Tausend Leser haben mitgemacht. Wir sind begeistert", schwärmt Bild-Online. Dort kann man sich in Galerien durch die "verrücktesten Unfälle", die "schönsten Naturaufnahmen", die "niedlichsten Tierbilder" und - "hautnah erwischt" - die "schönsten Promibilder" klicken. 266 Fotos druckte die Zeitung nach eigenen Angaben bisher und gab dafür insgesamt 90300 Euro aus. "Es ist ganz einfach: Sie machen klick und wir zahlen"
"Schwarz-rot-klick": Da konnte selbst der Chefredakteur der Nachrichtenagentur dpa nicht widerstehen. Im gemeinsamen Toskana-Urlaub knipste Wilm Herlyn seinen Freund Heiner Bremer - oben ohne beim Baden. Nach Protesten aus dem eigenen Haus ging das Honorar an eine Kinderkrebsstiftung.
Jeder Deutsche ein Paparazzo? Eine unsägliche Vorstellung, findet der Berliner Medienrechtler Christian Schertz. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) geißelt den Aufruf des Springer-Blattes: Er bringe einen ganzen Berufsstand in Misskredit. Schertz hält die Aktion sogar für rechtswidrig. Der Jurist verweist auf das Caroline-Urteil: Demnach haben auch Prominente das Recht, dass man sie in ihrem privaten Alltag in Ruhe lässt. Die Realität sieht anders aus: "Wir kriegen Anrufe von Klienten, weil Passanten total durchdrehen und mit Fotohandys vor ihrem Gesicht hantieren", sagt Schertz: "Da macht sich berechtigerweise eine gewisse Paranoia breit."
Der frühere Außenminister Joschka Fischer kam gerade mit einem Baguette unterm Arm aus einer Konditorei in Saint Tropez, als ein Amateurfotograf abdrückte. Er klagte - wie Fußballer Lukas Podolski - erfolgreich: Es gebe kein "irgendwie geartetes Berichterstattungsinteresse", urteilte das Landgericht Berlin. Die Bilder dürfen nicht mehr verbreitet werden. Im Fall eines Leser-Fotos, das den Fußballprofi David Odonkor zeigte, wie er auf einem Parkplatz an seiner Hose hantiert, hatte Bild freiwillig eine Unterlassungserklärung abgegeben.
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In diesem Artikel:

Das Leben der Anderen
Prado des Prustens

Der Louvre des Lachens