Wegen Protesten wurde ein Auftritt von Papst Benedikt an der römischen Universität La Sapienza abgesagt: Was der Papst der Universität sagen wollte, die ihn nicht sprechen ließ.
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Der Papst spricht: hier am 6. Januar dieses Jahres im Vatikan. Foto: dpa
Auf den ersten Blick könnte die Geschichte so aussehen: Eifernde Atheisten oder Laizisten unter den Professoren und Studenten der römischen Universität La Sapienza haben es nicht ertragen, dass der Papst bei der Eröffnung des akademischen Jahres dort am Donnerstag als Redner auftreten sollte. Die Proteste dieser antipapistischen Fundamentalisten wurden so massiv, dass sich der Heilige Stuhl gezwungen sah, den Auftritt abzusagen.
Führende Vertreter des Staates und der Parteien rügten daraufhin die "Intoleranz" der Akademiker und ihrer Unterstützer, welche einer Institution des freien Dialogs nicht würdig sei. Es gibt nun eine breite Solidarisierung mit dem Vatikan.
Und überdies, so geht die Geschichte weiter, scheint die nicht gehaltene Rede des Papstes, deren Text der Vatikan dennoch veröffentlicht hat, gerade von Aussagen der Toleranz geprägt zu sein, die die beklagte Intoleranz seiner Gegner noch greller wirken lassen. Demnach hat sich das alte Verhältnis umgekehrt: Aus der einstigen Verfolgerin von Andersgläubigen, der katholischen Kirche, ist eine Instanz der Offenheit und der Verständigung geworden, die ihrerseits von Zerstörern der Religions- und Gedankenfreiheit verfolgt wird.
Für diese Kontrastierung lassen sich aus der verhinderten Rede Zitate wie diese ins Feld führen: "Gewiss, die Sapienza war einmal Universität des Papstes, aber heute ist sie eine säkulare Universität mit der Autonomie, welche von ihrer Gründungsidee her immer zum Wesen der Universität gehörte, die allein der Autorität der Wahrheit verpflichtet sein soll. In ihrer Freiheit von politischen und kirchlichen Autoritäten kommt der Universität ihre besondere Funktion gerade auch für die moderne Gesellschaft zu, die einer solchen Institution bedarf." Und: Es sei ein großes Verdienst des Thomas von Aquin, dass er "die Eigenständigkeit der Philosophie und mit ihr das Eigenrecht und die Eigenverantwortung der von ihren Kräften her fragenden Vernunft herausgestellt hat".
Im Lichte solcher freundlich und modern klingenden Worte hat ausgerechnet die Katholische Nachrichtenagentur KNA, sonst mangelnden Gespürs für die Tiefe der Tradition unverdächtig, in ihrer Meldung über den Vorfall in Rom geschrieben: "Die Absage ist ein für Italien bislang einmaliger Vorgang." Davon kann aber überhaupt keine Rede sein. Vielmehr ist eine konstituierende Idee der Gründung des italienischen Nationalstaates gerade die Absage an die weltliche Macht des Papstes. Und die im selben Jahr, 1870, erfolgte Umwidmung der Universität La Sapienza von einer 1303 gegründeten päpstlichen in eine staatliche Universität war und ist eine einzige Absage an den kirchlichen Einfluss.
Diese Abgrenzung von der alten Dominanz der Päpste in der Stadt Rom selbst musste einst gegen massiven Widerstand durchgesetzt werden. Als etwa am Pfingstsonntag 1889 auf dem Campo de' Fiori das Denkmal für Giordano Bruno enthüllt wurde, der daselbst im Jahr 1600 nach einem Urteil des päpstlichen Inquisitionsgerichts als Ketzer verbrannt worden war, da waren die Unterstützer wüsten Protesten des klerikalen Roms ausgesetzt - ein internationales Ehrenkomitee, zu dem Victor Hugo, Ernst Haeckel und Henrik Ibsen gehörten, sah sich genötigt, sich für die Errichtung des Denkmals zu verwenden. Die damaligen Streiter für Aufklärung und freies Denken hätten gesagt: Der Papst hat doch eine eigene Universität, die Gregoriana, da kann er Reden halten, so viel er will.
Einzigartige Sinnressourcen
Gut, könnte man heute erwidern, die Situation des Jahres 2008 ist eine andere: Man hätte wohl, wie 2006 die Universität Regensburg, die Rede eines amtierenden Papstes an der Universität durchaus ertragen, hätte dem alten und gelehrten Mann doch erst einmal höflich zuhören können. Das stimmt; und das historisch vielleicht nachvollziehbare, aber doch ungeschickte und allzu kategorische Verhalten der römischen Laizisten hat in Italien nur dem Vatikan einen PR-Erfolg, jenen aber viel Unverständnis verschafft.
Auf der anderen Seite jedoch muss man die Rede, die Benedikt XVI. halten wollte, zu Ende lesen, um zu dem Schluss zu kommen, dass die jetzt in Italien behauptete Umkehr der Toleranz-Intoleranz-Relation keineswegs den Tatsachen entspricht. Zeigt doch die Rede den klugen Papst wieder einmal in seiner geübten Rolle als Wolf im Schafspelz. Der nicht zum ersten Mal angezogene, in dieser ungehaltenen Rede aber besonders hübsch ausgearbeitete Schafspelz ist der Begriff der "Wahrheit". So macht Benedikts Text zunächst mit den bereits zitierten Offenheits-Beteuerungen gegenüber der Universität gut Wetter, um dann von der gemeinsamen Wahrheitssuche von Kirche und Wissenschaft, besonders von Theologie und Philosophie zu handeln.
Der Papst postuliert eine kaum auflösbare Verquickung beider Sphären. Die Kirche liefere, so wird in expliziter, dankbarer Vereinnahmung der Philosophen John Rawls und Jürgen Habermas ausgeführt, einen unverzichtbaren Beitrag zum allgemeinen moralischen Diskurs, und zwar wegen ihrer einzigartigen Sinnressourcen (um Habermas' jüngste Diktion zu verwenden): "Der Papst spricht", so Benedikt, "als Vertreter einer Gemeinschaft, die zumindest einen Schatz an moralischer Erkenntnis und Erfahrung in sich verwahrt, der für die ganze Menschheit von Bedeutung ist: Er spricht in diesem Sinne als Vertreter moralischer Vernunft."
Ob Habermas das mit seinen eher schwammigen Ausführungen der letzten Jahre über die Bereicherung der modernen demokratischen Gesellschaft durch "Beiträge" in religiöser Sprache gewollt hat? Dass der Papst jetzt schreibt, "dass die Geschichte der Heiligen, die Geschichte der vom christlichen Glauben her gewachsenen Menschlichkeit diesen Glauben in seinem wesentlichen Kern verifiziert und damit auch zu einer Instanz für die öffentliche Vernunft macht"?
Intoleranz als Imperativ
Umgekehrt nimmt Benedikt in seiner abgesagten Sapienza-Rede, Regensburgger Worten folgend, eine Umarmung der Universität vor, zumal der Philosophie, die allem freundlichen Ton zum Trotz einer Zerquetschung gleichkommt. Er resümiert die Geschichte der abendländischen Universität mit dem Nebeneinander der philosophischen und der theologischen Fakultät und kommt zu dem Ergebnis: "Man könnte geradezu sagen, dass dies der bleibende, wahre Sinn beider Fakultäten ist: Hüter der Sensibilität für die Wahrheit zu sein, den Menschen nicht von der Suche nach der Wahrheit abbringen zu lassen." Und er, der Papst, biete der akademischen Wissenschaft "eine Einladung, mit dieser Frage unterwegs zu bleiben".
Der rhetorische Trick dieses Papstes ist es, den Wahrheitsbegriff mit Formeln wie "Mut zur Wahrheit" gegenüber dem wissenschaftlichen Fragen der Moderne und der liberalen Gesellschaft ohne Differenzierung zu gebrauchen. Er tut wider besseres Wissen so, als seien "Wahrheit" im Sinne der Offenbarung und "Wahrheit" im Sinne der für Falsifikationen offenen kritischen Vernunft dasselbe. Das ist begrifflich frech, so wie es historisch frech ist, in der Stadt, in der Giordano Bruno verbrannt wurde, zu sagen - so steht es im Manuskript -, es habe bei den Wahrheitskämpfen der Vergangenheit ein "spannendes Ringen" zwischen Theologie und Philosophie gegeben, davon aber könne "hier nicht gehandelt werden".
Die wegen "Intoleranz" verhinderte akademische Rede des Papstes verkündet, gefällig verschleiert, ihrerseits einen im Kern intoleranten Wahrheitsbegriff. Dieser ist nicht etwa allein in der christlichen Offenbarung begründet - jede der großen Religionen muss ja ihrer Natur nach eine "intolerante" Wahrheit behaupten -, sondern eben auch in dem Lehramt, das der Papst beansprucht.
(SZ vom 18.1.2008)




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