Camouflage waren die Synthie-Pophelden der Achtziger. Doch ihre Melancholie starb nicht. Eine Kritik ihres neuen Werkes.
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Heiko Maile, Oliver Kreyssig und Marcus Meyn (von links) gründeten Camouflage 1983. Foto: voll:kontakt
Die Garage war wohl belegt, oder es gab sie gar nicht. So musste der Keller des Elternhauses herhalten, um Geschichte zu schreiben - genauer: Synthie-Pop-Geschichte. 1985 saßen drei Jungs im baden-würtembergischen Städtle Bietigheim-Bissingen und mixten ihre ersten Tapes zusammen.
Ein Jahr später schickten sie die Aufnahmen unter dem Bandnamen Camouflage zu einem Wettbewerb vom Hessischen Rundfunk. Sie gewannen. Das Frankfurter Label Westside interessierte sich für sie und half ihnen bei neuen Aufnahmen. Schließlich nahm sie die Firma Metronome unter Vertrag und 1987 war es soweit. Das poetische „The Great Commandment“ verzauberte die Discowelt. Plötzlich standen die 20-Jährigen auf einer Stufe mit Depeche Mode, mit denen sie, sehr zu ihrem Leidwesen, immer verwechselt werden sollten.
Jetzt gibt es wieder eine neue Platte von den dunkel angehauchten Klangmixern. Die Hoch-Zeit des Synthiepops ist lange vorbei. Er hat sich aber, wie so viele Stile, ins Gemenge unserer heutigen Musikvielfalt eingegliedert.
Um es gleich vorweg zu sagen: Das Album mit dem Titel „Relocated“ wird mit seinen Stücken einige Freunde finden. "Dreaming" beispielsweise besticht durch klare Rockattitüden. Es gibt zwar kräftigere Stimmen als die von Frontmann Marcus Meyn, doch den Volume-Knopf dreht man trotzdem gerne beschwingt ein Stück weiter nach rechts. "How do you feel" kommt als opulenter sieben Minuten-Absacker daher. Bedächtig bahnt er sich seinen Weg - begleitet von dem operngleichen Hintergrundchor. Ein guter Song für graue Tage. Wesentlich beschwingter ist "Confusion", ergänzt von einer guten Portion Gleichgültigkeit. Laisser-faire in synthetischen Welten.
Um jedoch das Gewicht dieses Albums zu verstehen, muss man einen Blick in die Wirrnisse der Bandgeschichte werfen. Die ersten beiden Platten waren Meilensteine. Dann verabschiedete sich 1990 Oliver Kreyssig von der Gruppe und hinterließ ein kompositorisches und texterisches Loch. Während noch das zweite Werk „Methods of Silents“ den Hörer behutsam mit fernöstlichen Klängen bereicherte, ließ das Album nach dem Bruch ("Meanwhile") jegliche alte Melancholie vermissen. Man experimentiere selbst mit heiteren Saxophonklängen. Den schwarz gestimmten Fans wird es die Strümpfe ausgezogen haben. Selbst vor einer Annäherung an die Alternative-Rock-Bewegung machte Camouflage nicht halt. Das Resultat klang wie "Bon Jovi" im Stimmbruch.
„Bodega Bohemia“ sollte wieder auf alten Pfaden wandeln. Doch eigentlich sagten schon die Pommes auf dem Cover alles aus. Der Song „Time is over“ war wörtlich zu nehmen. Camouflage sahen das nicht ein und gingen 1995 erneut ins Studio. Das Ergebnis findet sich heute nicht einmal mehr bei Online-Musikläden oder im Shop der Band-Website. Nun wurde es doch noch dunkel um die süddeutschen Musiker.
Jeglichen zweifelhaften Einflüssen, die bis dato ihren Weg ins Bandrepertoire gefunden hatten, wurde in dieser Zeit das Licht zum Leben genommen. Vergessen legte sich über die Synthi-Popper.
2003 waren sie plötzlich mit dem Album „Sensor“ wieder da. Erfolgreich. Fünf Jahre hatten sie sich Zeit genommen, um ihre Musik auszurichten. Camouflage hatte sich neu erfunden. Dass Kreyssig seit 1999 wieder zur Band gehörte, mag einen guten Teil dazu beigetragen haben.
Die traurig-schöne Stimme von Meyn war gereift und selbst seine Bon-Jovi-Variationen kamen mit erstaunlichem Druck daher, und das, ohne dem Schwermut zu schaden. So ist die Textstelle aus dem Song „Thief“ ein Indiz für die Integrität der Band: „Waiting’s over - Feel it in my blood - And in my veins - All the pressure and the pain - Is coming back again.“
„Sensor“ kann somit als Ankündigung verstanden werden. Ein Vorbote, welcher „Relocated“ zwar nicht in den Rang eines neuen „Methods of Silence“ erhebt, aber doch immerhin erfolgreiche Wege weiter ausbaut. Camouflages Experimente tragen Blüten. Wo „Sensor“ aufhört, setzen die neuen - mit komplexeren Nuancen versehenen - Aufnahmen an. Zwischen die unterschwellige Kraft, die sich über die Zeit aufgestaut haben muss, mischt sich ein düsteres Ambiente in die Lieder, das - in scheinbar paradoxer Weise - von einer gewissen Heiterkeit verfeinert wird. Es hört sich bisweilen fast so an, als gäbe es vereinzelt soulige Untertöne. "Relocated" ist trotz allem kein Album, dass man jeden Tag hören muss. Doch einmal im Player, ist die Endlosschleife Programm.

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