Nichts zeigt den Niedergang des Spiegel sinnfälliger als sein jüngster Eifer, einfach nur wundergläubig zu staunen, wo früher an allen hohen Festtagen gezweifelt wurde. Für den Spiegel ist der Dalai Lama "Der Gott zum Anfassen". Vom derart haptischen Glücksgefühl ist die Redaktion offenbar zu berauscht, dass sich jeder Zweifel an der fernöstlichen Fünf-Pfennig-Weisheit als gotteslästerlich verbietet.

Das Schöne am Dalai Lama ist, dass er niemandem wehtut, allen wohlwill und zu allem dieses naive Gesicht macht. "Außerdem", so fährt er fort, "hat alles seine Grenzen" - und die Wurst hat ja sogar zwei. "Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass das Leben eines Menschen kurz ist" - ja, so ist das mit dem Leben, aber der Dalai Lama geht kühn noch weiter: "und wir aus dieser kurzen Zeit auf Erden besser etwas Nützliches machen sollten, für uns und für die anderen."

"Alles eins und drum auch Wurscht"

Kein vernünftiger Mensch würde daran zweifeln, dass es zwei Geschlechter gibt, dass Mann und Frau sich um ein halbwegs manierliches Zusammenleben bemühen sollten etc. Gott nimmt, Gott gibt, Mohammed ist sein Prophet, oder waren es Ying und Yang? Hare Krishna, Jesu Wunden und Luthers Gnadenwahl, Butter und Hare Rama, es ist alles eins und drum auch Wurscht.

Aber: der Dalai Lama ist ein Friedensbotschafter, rufen seine Anhänger. Völlig gewaltlos kämpft er für seine Heimat, prangert den "kulturellen Genozid" an, der in Tibet stattfindet und wirkt auf den Westen ein wie eine Gesichtscreme, damit die Fremdherrschaft endlich beseitigt werde. Es ist schon komisch, wie leichthändig der friedfertige, ewig lächelnde Mann die halbe Welt in finster entschlossene, wenn auch sehr friedliche Widerstandskämpfer verwandelt hat.

Das Schöne daran ist: Dieser Widerstand kostet absolut nichts, denn China, das Tibet seit 1950 besetzt, Mönche umgebracht und Klöster zerstört hat, wird da nicht so schnell wieder weggehen. Praktischerweise hält der Mann, an den der Widerstand delegiert ist, auch nichts von Gewalt. So bleibt alles, wie es ist, wenn auch dummerweise daheim Mönche abgeschlachtet werden.

Unterstützungs-E-Mails für Tibet

Denn wie ist es? In der Volksrepublik China herrscht ein turbokapitalistisches Regime, das mit seinen Gegnern kurzen Prozess macht; im Jahr 2005 wurden schätzungsweise dreitausend Menschen und vermutlich noch viel mehr hingerichtet. China ist der ehrfürchtig bewunderte Wirtschaftsfaktor der Zukunft; und dass er es mit den allerschlimmsten Menschenrechtsverletzungen geworden ist und gar nicht die Absicht hat, über Nacht dem Liberalismus der langnasigen westlichen Teufel nachzueifern, das wissen wir Teufelchen doch selber am besten.

Der Deutsche im Jahr 2008 versteht unter seinem Menschenrecht das haufenweise Versenden von Unterstützungs-E-Mails für Tibet (Wieso immer nur Tibet? Wieso nicht Darfur, Russland, Tschetschenien?) an seine Freunde - und auch versteht er unter seinem Menschenrecht, aus kaum ethnoromantischen Gründen, sondern für die private Vorsorge in chinesische Fonds zu investieren (300 Prozent Wachstum!).

Und ebenso versteht er unter seinem Menschenrecht, dass ein T-Shirt im Schlussverkauf nicht mehr als zehn Euro kosten darf, und so sind dann auch die Arbeitsbedingungen, unter denen diese günstigen Textilien entstehen. Was China im Sudan anstellt, um die Verfügungsgewalt über die dortigen Ölreserven zu behalten, das interessiert weder Lieschen Müller noch Richard Gere noch Madonna noch Roland Koch, der sich schon lange zu den Verehrern des frommen Bruders gesellt hat.

"Geld ist nicht alles"

An seinem immerwährenden Wort zum Sonntag wird nicht die Welt und nicht einmal China genesen, nur kommt leider all’ die feine Religionskritik zuschanden, die in Europa seit der frühen Aufklärung formuliert wurde. Voltaires grimmiger Humor, Lessings Witz, Feuerbachs Strenge, Nietzsches Revolution, selbst vorsichtige Korrekturen wie die von Bultmann und Barth erwiesen sich an dieser Wohlfühl-Botschaft aus Dharamsala als sinnlos; der Brei ist stärker.

Wenn der Katholizismus oder auch der Islam in seiner fundamentalistischen und barttragenden Observanz dem Gläubigen die strenge Kammer offeriert, so schließt der Dalai Lama den Sinn- und Gottsuchern, den frei flottierenden Religions-Shoppern den Wellness-Bereich auf: "Ich zum Beispiel bin Buddhist, aber gleichzeitig achte und schätze ich das Christentum und die anderen Religionen."

Nichts für denkende Menschen

Und von oben, von links und rechts, sogar von unten braust, summt und ommt es: So ist das Leben. Endlich sagt mal einer, wie es ist: "Geld ist nicht alles", "Ein wahrer Freund sollte ein Herzensfreund sein", "Güte und Freundlichkeit sind für den inneren Frieden unentbehrlich." Stundenlang könnte man da lauschen, und die Massen tun’s bei seinen Versammlungen. Derlei stand früher auf der Rückseite des täglichen Blatts im Kalender der Raiffeisenkasse. Der war aber umsonst und deshalb nichts wert.

Am Ende dieser irdischen Himmelfahrt durchs transzendentale Wellness-Becken ergeht es einem nicht besser als dem Münchner Dienstmann Alois Hingerl, den Ludwig Thoma vor einem Jahrhundert aus erzählerischen Gründen in den Himmel versetzte. Aber wie ihm da die Augen aufgehen in der überirdischen Glückseligkeit: "Frohlocken!" soll er dauernd und ein mantraiges "Hosianna!" wird ihm nebst Harfensaitenspiel abverlangt. Nein, nein, er kann es einfach nicht.

Der Himmel ist nichts für den denkenden Menschen.

(SZaW vom 05./06.04.2008/ehr)

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