SZ: Alle, die übers Lager geschrieben haben, sagen, dass man es eigentlich nicht schildern könne. Liegt es daran, dass der Autor dem Schicksal aller Opfer gerecht werden müsste, was aber dramaturgisch nicht möglich ist?

»Der Roman ist ein Trick, kein Leben«

Kertész: Das auch. Vor allem aber kann man das Lager darum nicht beschreiben, weil man das Leben dort nicht noch einmal erleben kann.


SZ: Es ist fremd geworden?

Kertész: Der Autor scheitert, weil er sich sein eigenes Leben im Lager nicht mehr vorstellen kann. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, wie ich es geschafft habe, einen Tag nach dem anderen. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, wie es war, als ich Kartoffelschalen in mich hineinstopfte, oder wie es war, dass ich während der Arbeit nicht aufs Klo gehen durfte. Wenn ich das schildern wollte, ergäbe es schlechte Literatur.


SZ: Man kann nur dann gut schreiben, wenn man sich selbst in die Lage dessen versetzt, den man beschreibt?

Kertész: Dass mir das nicht möglich war, habe ich sehr schnell eingesehen, als ich am "Roman eines Schicksallosen" arbeitete. Literatur ist Literatur. Sie besteht in der Sprache. Und die Sprache hat Gesetze. Die darf man nicht verletzen. Ich kann im Roman nur so handeln, wie die Gesetze der Sprache es erlauben. Das geht - ironisch. Aber das ist ein Trick. Der Roman ist ein Trick, kein Leben. Man verzichtet auf die Einfühlung in das, was man erlebt hat, und beschreibt etwas anderes.


SZ: Daher die Haltung des Jungen im "Roman eines Schicksallosen", alles für "normal" zu erklären, was ihm an grausamen Widerwärtigkeiten zustößt.

Kertész: Ja, und das so aufzuschreiben, hat großen Spaß gemacht. Aber das kann ich nur wenigen verständlich machen. Die meisten Leute beharren darauf, dass ich gelitten haben müsse unter der Schriftstellerei. Das war aber nicht so. Es war das reine Vergnügen. Jeder Satz, den ich fand, war ein Wunder.


SZ: Das ist ungewöhnlich, andere Autoren haben berichtet, das Schreiben übers KZ sei ihnen sehr schwer gefallen.

»In der Diktatur ist für Rationalismus kein Platz, man kann nur an Gott glauben - oder an das System«

Kertész: Ich bin sicher, dass es auch dem Leser Freude macht, wenn ich ihn in eine Welt erhebe, wo er nicht leiden muss. Der Leser kann und soll etwas begreifen, aber dies Erlebnis kann er nur an einem Punkt haben: am Ende des Buches. Daraufhin musste ich den "Roman eines Schicksallosen" komponieren. Ein Stoff wie das KZ kann den Leser unmöglich interessieren.


SZ: Ihr Kunstgriff im "Roman eines Schicksallosen", alles Fürchterliche "natürlich" zu nennen, funktioniert ja auch deshalb so gut, weil Sie im KZ noch ein halbes Kind waren. Kinder nehmen meistens als gegeben hin, was ihnen widerfährt. Haben Sie die Wirklichkeit, die Sie erlebten, für genauso natürlich gehalten wie der Junge in Ihrem Roman?

Kertész: In Wirklichkeit ist das ganz egal. Es ist keine Frage. Ich musste mich anpassen und durchkommen. Ich hatte keine Zeit für Introspektion.


SZ: Und als Sie noch zu Hause lebten? Hat man sich da über den wachsenden Antisemitismus empört?

Kertész: Nein. Meine Eltern waren überzeugte Ungarn, sie konnten sich nicht vorstellen, dass ihnen etwas radikal Schlechtes passieren würde, sie vertrauten auf den Staatsführer, der war unser Vater. Erst war der Kaiser Franz-Joseph unser Vater, dann Mihály Cárolyi, dann Miklós Horthy...


SZ: Dann hat man in Ihrer Familie tatsächlich als natürlich hingenommen, was geschah.

Kertész: Es war ganz natürlich! Was ich im Buch nicht erwähnt habe, was es aber auch gab, ist etwas anderes: Neugierde. Ich und meine Freunde, wir waren neugierig und interessierten uns für alles. Wenn man nicht gut behandelt wurde, von den Gendarmen zum Beispiel, ging man einfach weg - nach Haus.


SZ: In Ihrem neuen Buch "Dossier K." ist zu lesen: "Jede einmalige Geschichte ist Kitsch, weil sie sich dem Gesetzmäßigen entzieht. Jeder einzelne Überlebende zeugt von einer Betriebspanne. Nur die Toten haben recht." Das ist eine schöne Definition von Kitsch. Ist es aber nicht auch kitschig, wenn man das Geschehene ins Transzendente überhöht, wie Sie es mitunter tun? Sie sind Agnostiker, schreiben aber, dass man Auschwitz nur dann verstehen könne, wenn man Gott seinen Platz im Weltgefüge lässt.

Kertész: Wenn es Gott gäbe, könnte er erklären, warum Auschwitz notwendig war.


SZ: Das ist doch absurd!

Kertész: Ja, einverstanden.


SZ: Aber warum sagen Sie es dann?

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