Von Fritz Göttler

Persönlichkeitsspaltung, Doppelgängervisionen, Exkursionen im psychischen Cyberspace... Filmemacher David Cronenberg will auch in seinem neuen Film "Spider" vor allem eins – den Zuschauer in einem Zustand der Verunsicherung halten. Ein Interview über Sein und Zeit, Stoffwechsel und die Welt als Wille.

SZ: Ein, zwei Jahre in der düsteren Welt von Spider, in dieser depressiven Atmosphäre – wie hält man das aus, hat das Spuren hinterlassen?

David Cronenberg: Hm, Sie finden den Film also depressiv ... Nun, ich hatte durchaus Vergnügen, als ich ihn drehte, ein schöpferisches Vergnügen. Ich will nicht sagen, dass ich in diesem Haus, wo Spider logiert, längere Zeit leben möchte – aber all die Details der Ausstattung dort sind doch sehr schön, die Tapeten, die Kleider. Ich habe mich mit meinen Mitarbeitern intensiv um sie gekümmert.

SZ: Es gab also keine Gefahr, selbst in Depression zu geraten?

Cronenberg: Überhaupt nicht. Wenn man gute Schauspieler um sich hat und ein tolles Team, kommt man eher in eine Art überschwängliche Stimmung. Wir haben drei Wochen in London gedreht, den Rest dann in Toronto, meiner Heimatstadt, und abends ging es zurück zu den Kindern ... Ich habe gehört, selbst auf den Sets von Ingmar Bergman ging es teilweise fröhlich zu – obwohl er einige ganz schön depressive Filme gemacht hat.

SZ: Ralph Fiennes hat sich stark für die Rolle des Spider engagiert, er war es, der mit dem Projekt zu Ihnen kam?

Cronenberg: Er hat eng mit der Produzentin Catherine Bailey und dem Romanautor Patrick McGrath – der auch das Drehbuch schrieb – zusammengearbeitet. Sie hatten schon ein paar andere Regisseure kontaktiert, aber ich war sofort begeistert: Mit einem guten Schauspieler wird eine so komplexe Sache gleich viel einfacher, die Finanzierung ist gesichert.

"Man besprach einfach alles: wie viele Nikotinflecken er haben sollte, wie lang seine Fingernägel waren, wie dreckig."

SZ: Ralph Fiennes hat seinen Spider von Anfang an also intensiv mitkreiert.

Cronenberg: Das war eine echte Teamarbeit – nicht nur mit mir, auch mit den Kostüm- oder Makeup-Leuten. Man besprach einfach alles: wie viele Nikotinflecken er haben sollte, und auf welchen Fingern, wie lang seine Fingernägel waren, wie dreckig. Man baute die Figur aus den Details zusammen ... Ralph hatte schon ein starkes Gefühl entwickelt für die Rolle. Aber man wartete auf einen Regisseur, der die Kontrolle übernahm, das war wie auf einem Schiff ohne Kapitän.

SZ: Der Film wirkt vor allem durch seine düstere Londoner Atmosphäre.

Cronenberg: Genau so haben sich mir die Sechzigerjahre dort eingeprägt. Der Roman versuchte, eine Stimmung zu beschreiben in einer bestimmten historischen Phase – und für mich konzentrierte sich das dann in der Frage der Tapete. Wir suchten sie sehr sorgfältig aus, als wir den Set in Toronto bauten, und achteten darauf, dass wir sie ordentlich vergilbt und fleckig auf die Wände brachten. Ich hatte in Zimmern mit solchen Tapeten gelebt, als ich als Student durch England fuhr, in den Sechzigern, und ich erinnerte mich, wie dumpf und kalt und depressiv das war. In gewisser Weise ist der Film meine Hommage an England.

Ich hatte genau diese Erfahrungen damals, fühlte mich genau wie Spider – ein Außenseiter. Die englische Gesellschaft war völlig geschlossen, hermetisch den anderen gegenüber. Es ist, als hätte man kein eigenes Leben mehr – weil keiner weiß, wer du bist. Alles, was einem eine Identität gibt, ein Ich, war weg. Keine Familie, keine Freunde, kein intellektueller Kontext. So ist das mit dieser Art des Unterwegsseins, besonders wenn man jung ist und kein Geld hat. Das ist richtig existentialistisch. Sie steigen aus dem Zug, und plötzlich sind Sie ein Niemand. Das ist klassisches Beckett- und Kafka- und Dostojewski-Territorium. Und Freud natürlich.

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