SZ: Man kann bei aller Kontroverse Ihre Bilder ja immer noch virtuos finden.

Richter: Ich bin nicht virtuos.

SZ: Aber wenn Sie eine Figur von Courbet oder eine Comicfigur in Ihre Bilder reinzitieren, muss man das Zitat erkennen können, sonst macht es keinen Sinn.

Richter: Das stimmt. Wenn ich bestimmte Ideen habe und die im Bild formulieren will, dann kann ich das auch. Wenn man das virtuos nennt: von mir aus. Aber die Idee der Malerei ist nicht, Können vorzuführen. So funktionieren meine Bilder nicht. Oft weiß ich vorher nicht, wie sie aussehen werden. Der Gedanke, was ich malen will, ist nur die Zündung. Aber daraus entsteht noch nicht das Bild. Wenn man das gleich erkennen würde, könnte ich ja auch Fotocollagen machen.

SZ: Gut malen zu können ist also kein Wert an sich.

Richter: Dann müsste man ja sagen, dass Traditionalisten wie David und Gérôme größere Künstler gewesen seien als die Neuerer Courbet und Manet. Die letzten beiden galten als Schmierfinken in ihrer Zeit, die anderen als große Könner. Wenn wir so denken, sind wir Reaktionäre.

SZ: Was bedeutet diese Erkenntnis für Sie?

Richter: Es droht die Neorauchisierung! Das vorgeführte Könnertum. Nein, was ich bei Neo wirklich faszinierend finde, ist, dass sein Werk eigentlich Ernst-Jünger-artig anfängt: Der fragmentierte Offizier, der Handwerker auf der Suche nach Beschäftigung inmitten einer konservativ-surrealen Welt. In dieser Phase konnte man Neo Rauch einen konservativen Modernen nennen, dessen Werk etwas über die Gesellschaft aussagt, über den Verlust des Manuellen zum Beispiel. Er beschreitet nun aber den Weg dieses Könnertums immer weiter. Das ist auch logisch und erfreulich, aber sein Werk ergeht sich jetzt in Einfällen: Frauenaugen verwandeln sich in Spiegeleier, die Bücher lesen, welche in gotischen Lettern gefasst sind, die wiederum von Triangeln gefasst werden, während sich von oben links interessant und faszinierend gemalte Monster nähern - und im Hintergund entfalten sich vielfarbige Horizonte.

SZ: Effekte um der Effekte willen?

Richter: Er ist tatsächlich der Meister der irren Effekte, der faszinierenden Einfälle, aber ideologisch gesehen ist diese Malerei Elfenbein: ein verrückter Surrealismus. Ein Mann tagträumt sich durch die Welt. Auf einem wahnsinnig hohen Niveau. Aber ich finde seine Bilder vor allem gut als abstrakte Bilder. Bei Neo bleibt das Virtuose insofern experimentell, dass man immer überrascht wird von den Oberflächeneffekten.

»Wir sind die rechte und die linke Hand des Teufels.«

SZ: Rauch und Sie werden oft in einem Atemzug genannt. Sie produzieren beide wiedererkennbare, gegenständliche Malerei.

Richter: Wir sind die rechte und die linke Hand des Teufels, wie ich immer so flau witzele. Wiedererkennbar zu sein ist in Ordnung. Und doch sind wir Getriebene. Diese irre idealistische Idee, sich fortwährend selbst zu geißeln und neue Fragestellungen zu entwickeln, ist etwas zutiefst Deutsches, eine romantische Idee. Nur diese mitteleuropäische romantische Tradition bringt die Leute dazu, sich immer wieder beweisen zu müssen, den Status quo wieder und wieder zu befragen. Im Rest der Welt versteht das kein Mensch.

SZ: Der Rest der Welt schätzt das solide Handwerk, die Wiederholung?

Richter: Handwerk spielt in der Malerei gar nicht so eine große Rolle. Bei Terence Koh, Jeff Koons, Damien Hirst oder Urs Fischer schon. Nur redet niemand darüber. Diese Kunst ist viel konservativer als die Malerei, weil sie ihre handwerkliche Perfektion verbirgt. Da arbeiten 400 Polierer an einem Werk, es fließen viel Arbeit und Geld hinein, es wird also mit Handwerk Luxus produziert. Aber bei der Malerei heißt es höhnisch: Jetzt kehrt das gute alte Handwerk zurück. Dabei ist immer gemalt worden. Es ist ja nur Farbe auf Leinwand, mal groß, mal klein, hat’s immer gegeben, wird’s immer geben, fertig, Feierabend. So wie Leute, die Gitarre spielen.

SZ: Bei der Herstellung der ultrateuren Skulpturen von Jeff Koons geht ja schon mal eine Stahlfirma pleite.

Richter: Die Haupttendenz heute - hauptsächlich außerhalb von Deutschland - ist Aristokratenkunst. Die ist erfolgreich. Da bleibt aber letzten Endes nicht viel mehr übrig als das, was man im Wiener Silbermuseum sehen kann. Glänzendes, hochspezialisiertes Kunsthandwerk. Wie Ledertaschen von Louis Vuitton. Es ist das, was jeder Spießer, jede Omi und Dieter Bohlen kennen: Es ist teuer, es ist glossy, und es ist viel Arbeit reingeflossen.

»Du bist nicht James Dean, du bist leider Götz George.«

SZ: Malerei ist keine Aristokratenkunst?

Richter: Weltweit gesehen bedeuten Künstler wie Neo, Jonathan oder ich nicht das, was die Leute hier aus uns machen. Wir sind nicht arm, aber es gibt 30 Chinesen und 500 Raumausstatter, die höhere Auktionspreise erzielen.

SZ: Sie können sich nicht beklagen, oder?

Richter: Tu ich ja auch nicht. Es geht mir um die Relationen. Wie die hier aus dem Blick geraten. Real bist du vielleicht in Deutschland eine große Nummer. Aber du bist kein Gigant. Du bist nicht James Dean, du bist leider Götz George. Wenn der über James Dean eine kritische Bemerkung macht, sagt man: Na klar, Götz. Geh’ mal schön Schimanski spielen.

SZ: Sie sind gescheitert beim Versuch, James Dean zu sein? Ist es das?

Richter: Gescheitert ist man immer dann, wenn man das, was man wollte, erreicht hat - das ist das Problem. Es gibt doch diese Kalendersprüche. Also: Wen Gott bestraft, dem erfüllt er seine malerischen Ambitionen. Ich würde gerne immer so weitermalen, andererseits leide ich aber auch an dem Bedürfnis, mir selbst immer wieder beweisen zu müssen, dass ich in der Lage bin, etwas Neues zu tun. Das ist ein idealistischer Krampf, der aus der Erziehung kommt, aus dem politischen und sozialen Umfeld. Der Krampf besteht darin, dass man der Kunst um ihrer selbst willen folgen soll. Das ist schwierig. Am Ende gibt es aber einfach gute Bilder und nicht so gute Bilder. Das ist es dann auch schon.

"Daniel Richter, geboren 1962 in Eutin, ist süß und lebt in Hamburg und Berlin" - so hat es der Mann, der als einer der wichtigsten Maler Deutschlands gilt, selbst aufgeschrieben. Nach deutlich linksautonomer Vergangenheit in der Hafenstraße (Richter: "Hasenstrafe") studierte er in Hamburg Malerei bei Werner Büttner. Bis zum Jahr 2000 malte er abstrakt; seitdem giftigglühende Untergangsszenen. Inzwischen unterrichtet Richter an der Wiener Kunstakademie und leitet das Plattenlabel "Buback". Seinen Erfolg kommentiert er so: "Ruhm? Ich bin dagegen."

(SZaW vom 26./27.07.2008/mst)

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