Die falsche Antwort
Kommentar
20.02.2006, 10:14
Es geht mal wieder um "Tal der Wölfe - Irak". Jenes Machwerk, das gerade dabei ist, der erfolgreichste türkische Film aller Zeiten zu werden. Auch in Deutschland ist er ein Renner: 200.000 Zuschauer sahen ihn in den ersten zehn Tagen in deutschen Kinos.
CSU-Chef Stoiber will das jetzt ändern. "Rassistisch und antiwestlich" sei das Werk, sagte Stoiber der Bild am Sonntag: "Dieser unverantwortliche Film fördert nicht die Integration." Der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech (CDU) schloss sich an: "Der Film schürt antisemitische und antiamerikanische Ressentiments."
| Bildstrecke Szenen aus "Tal der Wölfe" | ||||||||||||||
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
|||||||||
Sie haben Recht. Nicht Recht hat Stoiber aber, wenn er die Kinos auffordert, den Film aus dem Programm zu nehmen, wie es zuvor Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden in Deutschland verlangt hatte. Stoiber will den Zensor spielen.
Und er möchte den Spieß umdrehen. Nachdem wir uns wochenlang von hasserfüllten Demonstranten der muslimischen Welt vorhalten lassen mussten, der Westen habe mit den Mohammed-Karikaturen den Islam beleidigt, sollen durch diesen Film aus einem muslimischen Land nun angeblich die Kultur und die Werte Europas beleidigt werden.
Nun meinten wir doch gerade, aus den Debatten der letzten Wochen als Stärke der europäischen Kultur dies herausdestilliert zu haben: Dass sie Beleidigungen erträgt und wegsteckt, ohne nach der Zensur zu rufen. Eigentlich können die Europäer froh sein, dass der Film sie erreicht hat.
Nie hätten ihn die deutschen Zeitungen diskutiert, würde er nicht auch in Berlin, Hamburg und München laufen. Nie hätten sie, erstaunt und erschrocken, eine Tendenz zur Kenntnis genommen, die große Teile der türkischen Gesellschaft trägt und die der Film schamlos ausbeutet und befördert: der engstirnige Nationalismus, der in "Tal der Wölfe" aus jeder Einstellung spricht.
Das zu einer Zeit, da die antidemokratischen, antieuropäischen Nationalisten wieder Aufwind wittern in der Türkei. Türkische Bestseller wie "Metallsturm" und "Der dritte Weltkrieg" predigten in den letzten Jahren ähnliche Botschaften - sie blieben im Westen aber weitgehend unbeachtet, weil sie es nie auf die dortigen Märkte schafften.
Kein Zweifel, der Film betreibt die "üble Stimmungsmache", die Stoiber ihm unterstellt. Er hetzt gegen Amerikaner, gegen Juden und gegen Kurden. Er stellt noble Muslime, die Ehre und Vaterland verteidigen, gegen mordlüsterne Christen, die auf die Eroberung der Welt sinnen.
Er betreibt die bei aller Propaganda übliche Vermischung von Fakt (im Gefängnis von Abu Ghraib haben US-Soldaten gefoltert) und Fiktion (im selben Gefängnis betreiben Amerikaner und Juden eine Organfabrik).
Der eigentliche Skandal aber ist nicht der Film selbst, die Welt hat schon Schlimmeres gesehen. Und im Unterschied zu manchen islamischen Demonstranten wissen wir, dass weder Karikaturen noch Filme auf Befehl und unter Aufsicht von Regierungen entstehen.
Unsäglich jedoch waren die Reaktionen der türkischen Politiker. Das halbe Parlament wohnte einer Galavorführung von "Tal der Wölfe" bei und applaudierte begeistert. "Fantastisch" fanden den Film die einen, sie hätten beinahe geweint, sagen die anderen.
Erdogans Frau Emine saß während der Vorstellung neben Hauptdarsteller Necati Sasmas und fand den Film "sehr schön". Parlamentssprecher Bülent Arinc, erklärte, dies sei "ein großartiger Film, der in die Geschichte eingehen werde".
Der Mann gilt als besonnen. Da möchte man doch nachfragen als Europäer beim EU-Beitrittskandidaten Türkei. Hat sich nicht die Regierung von Premier Tayyip Erdogan das Projekt "Allianz der Zivilisationen" auf die Fahnen geschrieben? Wie passt das zusammen?
Der Kolumnist Suat Kiniklioglu kam nach dem Besuch des Films zu diesem Schluss: "Die Türkei ist orientierungslos." In diesem Punkt also möchte man Stoiber wieder beipflichten: Sie sollen sich ruhig erklären, jene Politiker in Ankara, die "Hurra" gerufen haben. In welche Richtung möchten sie nun laufen?
Edmund Stoiber wird sich übrigens freuen: Er hat einen Mitstreiter in der Türkei. Seyfi Dogan, ein Autoverkäufer aus Kayseri, findet, der Film sei gewaltverherrlichend und schade dem Image der Türkei. Nun ist er vor Gericht gegangen, um ein Verbot des Films zu erwirken.
|
|
ANZEIGE
mehr ...

Türkischer Erfolgsfilm - Die Hooliganisierung des Publikums
Edmund Stoiber - Der Erdogan aus Wolfratshausen
Friedenstruppe für Nahost - Deutsche Soldaten sollen den Frieden sichern
Beteiligungsmodelle von Union und SPD - Kampf um die Arbeitnehmer
Wirtschaftsmacht Bayern - Stoiber, die Bilanz
Meinung - Populistische Kampfansage
Aquariumsgespräch (2): Georg Ringsgwandl - "Ich falle negativ genug auf"
Themen

Mr. Wong
Delicious
Digg
Yigg
Technorati
Google
MySpace
Facebook
Webnews


























