Von Jonathan Fischer

Bisher gehörten Ausfälle gegen Homosexuelle zum guten Ton in dem von Männlichkeitsklischees protzenden Hip-Hop-Milieu. Nun erschüttern schwule Rapper mit ihrer "Homo-Revolution-Tour" die Szene.

johnny dangerous homo-revolution

Von der Martini-Mafia: Der homosexuelle Hip Hopper Johnny Dangerous. (Foto: www.myspace.com/johnnydangerous)

Als der Berliner Rapper Bushido vor zwei Jahren prahlte, "Tunten vergasen" zu wollen, ging ein Aufschrei durch die Öffentlichkeit. Der Hip-Hop-Star entschuldigte sich für seine "Dummheit" und strich die entsprechende Textstelle auf dem fertigen Album. Menschenrechtsaktivisten und schwule Organisationen hatten Protestmails an die Plattenfirma initiiert, die Staatsanwaltschaft rechtliche Schritte wegen Volksverhetzung eingeleitet.

Nur in der Hip-Hop-Welt schien sich kaum jemand über Bushidos Worte aufzuregen. Hatte man sich nicht längst daran gewohnt, dass Konkurrenten im Hip-Hop als "Schwule", "Stricher" oder eben "Tunten" beschimpft werden? Und: Übernahm Bushido nicht nur ein Feindbild, das die HipHop-Kollegen aus Amerika schon lange als Teil des Rap-Kanons predigen?

Tatsächlich scheint die Homophobie dem Hip-Hop so tief eingeschrieben, dass ein amerikanischer Rapper ohne "faggot" im Fluchrepertoire leicht in den Verdacht kommen könnte, selbst eine "Schwuchtel" zu sein. Im Macho-Milieu des Hip-Hop eine der schlimmsten Ächtungen überhaupt . . . Undenkbar, also dass ein Rapper sich zu seiner Homosexualität bekennt?

Die unsichtbare Szene

Nicht für Deadlee. Der Rapper aus Los Angeles bläst zur Offensive und bedient sich dabei einer bewährten sprachlichen Guerilla-Taktik: Wenn schwarze Rapper das Schimpfwort "Nigger" zum Respektsbeweis "Nigga" umdeuten konnten, dann posiert er eben als "queer bastard child of DMX & Lil Kim": Das schwule Bastardkind zweier bekannt homophober Hip-Hop-Stars.

Deadlees Raps - er selbst bezeichnet sie als "Homo-Hop" oder "Gayngsta Rap" - gelten als Untergrund-Bestseller und waren bereits auf Soundtracks von Filmen zu hören. Jetzt will er das Coming Out der bisher unsichtbaren Szene erzwingen - und als Headliner der ersten organisierten Tournee von schwulen, lesbischen und bisexuellen Hip-Hop-Künstlern den Status Quo erschüttern.

Die Homo-Revolution-Tour soll im März durch zehn Städte in sechs amerikanischen Bundesstaaten führen. "Die Zeiten ändern sich", erklärt Deadlee, "und wenn offen schwule Künstler nicht eingeladen sind, dann treten wir eben die Tür ein, und greifen uns das Mikro. Jetzt sind jedenfalls wir dran." Sollten die Homo-Revolution-Rapper auf maximale Medienwirkung spekulieren, ist ihre Tournee schon vor dem ersten Gig ein Erfolg: CNN, New York Times, die großen Hip-Hop-Magazine - alle berichten darüber.

Gewaltphantasien gegen "Faggots"

Sollten dem durchschnittlichen Hip-Hop-Fan Namen wie Johnny Dangerous oder Bigg Nugg auch nicht viel sagen: Allein ihre Existenz scheint vielen ein Skandal. Eine Flut von wütenden bis sarkastischen Leser-Mails bestätigte ein offenes Geheimnis: Männliche Homosexualität bleibt das Tabu des Genres. "Warum verstehen die Schwulen nicht," so einer der freundlicheren Kommentare, "dass sie im Hip-Hop nichts verloren haben?"

Die großen Rapstars haben es den Fans vorgemacht. 50 Cent lästerte im Playboy gegen "die uncoolen Schwulen". Eminem ließ in dem Song "Criminal" seinen Gewaltfantasien gegen "faggots" freien Lauf. "Wenn Eminem die selbe Sprache gegen Latinos oder Schwarze benutzt hätte, wäre er heute wahrscheinlich tot", schimpft Deadlee. "Er glaubt, er könne auf den vermeintlich Wehrlosen herumhacken. Aber wir Schwule sind schlagkräftiger als solche ignoranten Rapper denken!"

Das demonstriert der selbsternannte "Homo Thug" bereits äußerlich: Mit Bandana, Tattoos, Kinnbart und durchtrainiertem Oberkörper erinnert er eher an einen Gangster als an das Klischee vom affektierten Tuntentyp. Fragt man ihn nach 50 Cent, legt er einen verächtlichen Blick auf: "Der klassische Typ mit homosexuellen Neigungen, der um sich schlägt, um nicht seine wahren Gefühle auszuleben".

In Frage gestellte Männlichkeit?

Man kann diese Unterstellung wie auch die angebliche Homoerotik männerbündelnder Gangsta-Rapper als Hausmanns-Psychologie belächeln: Zumindest hat Deadlee die Lacher auf seiner Seite, wenn er sagt, dass die ölglänzenden Oberkörper, die 50 Cent und seine Crew auf ihren Albumcovers ausstellen, verblüffend an die Ästhetik von Schwulenmagazinen erinnern.

Doch was hat Hip-Hop zu einem derart homophoben musikalischen Genre gemacht? "Wir sind, was Homosexualität, Transvestitentum und ähnliches betrifft, in unserer Kultur überempfindlich", erklärt Michael Eric Dyson, Professor für African American Studies an der Columbia University. "Und so avantgardistisch Hip-Hop in manchen Bereichen wirkt - diese Begrenzungen hat er niemals in Frage gestellt."

Andere Kulturkritiker wie Houston Baker erklären Rap als Restauration einer von der schwulen schwarzen Discokultur der siebziger Jahre in Frage gestellten Männlichkeit. Macho-Hip-Hop contra schwule Discomusik? Ganz geht die Gleichung nicht auf: Denn so wie Discosamples die ersten Rap-Hits inspirierten, war das Genre nie die heterosexuelle Festung, als die es die Hip-Hop-Geschichtsschreibung gerne suggeriert.

Schon 1986 veröffentlichte der homosexuelle Rapper Man Parish den Genre-Klassiker "Hip Hop Be Bop Don't Stop". Auch wenn ihm der Erfolg im Mainstream verwehrt blieb: Schwuler Rap eroberte sich in der Folge im Untergrund ein loyales Publikum.

Tabuisierung sexueller Gewalt

In New Yorker HipHop-Clubs wie dem U & M treffen sich seit Jahren die sogenannten "Banjee Boys", schwule B-Boys mit Goldzähnen und Baggy-Jeans, deren Posen sich kaum von denen der heterosexuellen Kollegen unterscheiden. Und seit 2001 findet in Oakland ein jährliches World Homo-Hop-Festival statt. Aufgrund des großen Publikumszuspruchs hat es bereits Ableger in anderen Städten.

Der Konzertmanager Biff Warren erzählt, dass die meisten Rapper abwinken, wenn er sie zu einem Gay-Festival buchen möchte. Für die Homophobie im Hip-Hop macht er auch die Gefängnisse verantwortlich; viele Rapper und ihre Freunde hätten schon gesessen. "Wenn sie sich dort nicht als harte Typen bewähren, werden sie zwangsläufig von anderen männlichen Gefangenen sexuell missbraucht. Das möchte niemand zugeben."

Gerade diese Tabuisierung sexueller Gewalt will die Homo-Revolution-Tour brechen. Das heißt nicht, dass alle Teilnehmer unbedingt ihre homosexuelle Gesinnung vor sich her tragen. Salvimex, ein spanischsprachiges Trio aus L. A. rapt etwa über Themen wie Immigration, Gangkultur und Einsamkeit. Doch immer mehr schwule Rapper ergreifen politisch Partei.

Orientierung am Markt

Weil sie das Outing nur als ersten Schritt sehen, den Hass auch verbal bekämpfen wollen. Neben Melange Lavonne, die in "Gay Bash" an einen zu Tode geprügelten Schwulen erinnert, gilt Deadlee als Vorreiter dieser politischen Homo-Rap-Variante: Seine Texte handeln von Polizeibrutalität oder Selbstmorden verzweifelter Schwuler.

Als Ausdruck eines täglichen Kampfes ist die Musik der Homo-Revolution-Rapper jedenfalls näher am ursprünglichen Hip-Hop-Ethos als die verklärten Ghettomythologien mancher Rap-Millionäre. "Unsere Raps sind so frisch", sagt Deadlee "weil wir die Verfolgung am eigenen Leib erfahren haben. Und wir müssen nicht auf Sponsoren Rücksicht nehmen."

Noch nicht. Vielleicht wird aber gerade die Erkenntnis der kommerziellen Macht des schwul-lesbischen Publikums den Hip-Hop reformieren. Eminem trat 2001 bei der Grammy-Verleihung überraschenderweise mit dem schwulen Popstar Elton John auf und zeigte sich reuig für frühere Ausfälle. "Der schwule Markt", erklärt Biff Warren, "ist extrem wichtig und kann Künstlerkarrieren fördern oder brechen". Ob er Anzeichen für ein breiteres Umdenken sieht?

Warren erwähnt den sozialkritischen Rapper Common, der einst mit Reimen wie "Homos a no-no, so faggots stay solo" Beifall suchte, heute aber auf "Between Me, You & Liberation" mitfühlend vom Coming-Out eines Freundes rapt. Warum sollten da nicht auch Typen wie 50 Cent ihre Schwulenhetze vergessen? Zumindest wenn das große Geld winkt: Der Gangsta-Rapper hat soeben Elton John seine Dienste für dessen geplantes Rap-Album angeboten.

(SZ vom 12.3.2007)

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Leserkommentare (1)



13.03.2007 19:49:01

FlorianR: Tatsächlich...

... ist es einer der großen Widersprüche der an Widersprüchen nicht gerade armen HipHop-Kultur, dass Homosexuelle nach wie vor verteufelt werden, und mich jedes "faggot" in den Texten von Rappern, die ich eigentlich sehr schätze, stört. Leute wie Saigon, die einerseits hochintelligente Texte zu Themen wie amerikanische Innenpolitik oder Gang-Gewalt schreiben und andererseits in ihren Lyrics über Homosexuelle wettern, findet man eben nur noch im Reggae, wo Künstler wie Sizzla ebenfalls in schöner Regelmäßigkeit auf die sog. "Batty Boys" schimpfen - und sich dabei auf die Bibel berufen.

Die weit verbreitete Homophobie im HipHop ist also unbestritten. Verschwiegen darf aber auch nicht werden, dass diese Einstellung von den Plattenfirmen indirekt unterstützt wird, indem sie homosexuellen Rap-Künstlern die Karriere verbauen. Solche Rapper passen eben nicht in das HipHop-Klischee, das man von Major-Seite her an den Konsumenten zu bringen versucht (der Hint auf das 50 Cent-Plattencover von "The Massacre" ist dennoch richtig).

Es bleibt also zu hoffen, dass im Zuge der "Indiesierung" der HipHop-Industrie mehr homosexuelle Künstler ihren wohlverdienten Weg ins Rampenlicht schaffen - aber bitte aufgrund ihres musikalisches Talents und nicht aufgrund ihrer sexuelle Orientierung. Stereotypen lassen sich leider immer in zweifacher Weise ausschlachten.


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