Interview Lars Jensen

Für seinen neuen Film hat Joaquin Phoenix den unvergesslichen Johnny Cash wieder zum Leben erweckt. Eine Aufgabe, an der ein Schauspieler nur scheitern kann.

Ich musste lernen, irgendwie die Saiten zu erreichen und dabei Cash-mäßig entspannt zu wippen, als wäre ich ein Zwei-Meter-Mann. (Foto: SZ-Magazin)

SZ-Magazin: Herr Phoenix, Sie sind doch mindestens einen Kopf kleiner als der Mann, den Sie in »Walk The Line« darstellen: Johnny Cash.

Joaquin Phoenix: Ja, Cash war fast zwei Meter, doch seine Aura war noch mächtiger als sein Körper. Kam er zur Tür herein, blickten alle zu ihm auf.

Spielen Sie im Film auf einer extrakleinen Gitarre, damit die Proportionen wieder stimmen?

Ich benutze eine normale Gitarre – ein kleineres Modell hätte lächerlich gewirkt. Da stimmen dann wieder die Proportionen zwischen Bauch und Steg des Instruments und meinem Körper überhaupt nicht mehr. Cash hatte einen seltsamen Stil: Er umarmte seine Gitarre mit dem rechten Arm, statt von oben rüberzugreifen, weil er so lange Arme hatte. Ich musste also lernen, meinen viel kürzeren Arm um die Gitarre zu legen, irgendwie die Saiten zu erreichen und dabei Cash-mäßig entspannt zu wippen, als wäre ich ein Zwei-Meter-Mann.

Was finden Sie einfacher: einen Charakter selbst zu kreieren oder eine reale Person zu spielen?

Ich finde, ehrlich gesagt, überhaupt nichts einfach an meinem Job. Es ist ein verdammter Terror, als Schauspieler zu arbeiten. Auf meine Filme bereite ich mich monatelang vor, weil ich zum ersten Drehtag perfekt präpariert sein will. So wie ich meinen Job auffasse, gibt es wenig Raum für Zufälle. Andere Schauspieler gehen nach Feierabend saufen, ich sitze in meinem Wohnwagen, vermeide überflüssige Gespräche und konzentriere mich auf den nächsten Arbeitstag. Damit will ich aber nicht sagen, dass ein saufender Schauspieler kein guter Schauspieler sein kann. Ist bloß nicht mein Stil. Solange die anderen ihren Text beherrschen und pünktlich sind, gibt es von mir keine Klagen.

Sie gehen lieber in Ihrer Freizeit saufen?

Ist schon lang her.

Noch mal zurück zur Vorbereitung auf eine Rolle: Bevor Sie also einen Feuerwehrmann in »Im Feuer« spielten, löschten Sie selber ein paar Feuer?

Ja, ich habe bei der Feuerwehr von Baltimore gearbeitet.

Für den Commodus in »Gladiator« studierten Sie das alte Rom?

Ich war lang in Italien und habe versucht, die dortige Mentalität zu verstehen: Das war eher eine psychologische Herausforderung.

Wer sich entscheidet, Johnny Cash darzustellen, setzt seine Karriere aufs Spiel. Man kann eigentlich nur scheitern an diesem Mythos.

Als mich unser Regisseur James Mangold vor drei Jahren fragte, habe ich trotzdem nicht mal eine Sekunde lang überlegt. Ich habe sofort zugesagt.

Überrascht oder gelangweilt von den Kritiken, die Sie nun als Favoriten für den Oscar handeln?

Davon habe ich noch nichts gehört. Wenn es etwas gibt, was mir egal ist, dann sind das Kritiken und Oscars. Aber das Lob von Kris Kristofferson, der eng mit Johnny befreundet war, bedeutete mir viel. Er sagte, ich hätte Johnny stolz gemacht.

In jeder Besprechung von »Walk The Line« heißt es, der Film etabliere Sie als talentiertesten Schauspieler Ihrer Generation.

Wenn jemand zu mir sagt: »Joaquin…«

Aha. Ich habe mich immer gefragt, wie man Ihren Vornamen korrekt ausspricht. Sie selbst sagen also »Wah-kien«.

Ja. Wenn also jemand sagt: »Wah-kien, du bist großartig«, dann laufe ich weg. Da kann etwas nicht stimmen. Ich brauche Widerspruch, um mich wohl zu fühlen.

Warum haben Sie ohne Zögern zugesagt?

Drei Gründe: James Mangold – ein brillanter Mann, der mein Kumpel ist, seit er mit meiner Ex-Freundin Liv Tyler Filme drehte. Das Drehbuch – eines der besten, die ich je gelesen habe. Johnny Cash – ich bin Fan, seit ich Musik höre. Er ist einer meiner ewigen Helden.

Identifizieren Sie sich mit Cash auch wegen der Parallelen zwischen ihm und Ihnen? Sie sahen Ihren Bruder River 1993 auf dem Gehweg in Los Angeles sterben, Cash saß am Todesbett seines Bruders Jack. Das war das prägende Ereignis seiner Jugend.

Kann sein.

Was gefiel Ihnen an dem Drehbuch?

Dass es eben gerade keine Verherrlichung des Mythos Cash werden sollte, sondern ein Film, der die Frage beantwortet: Wie wurde Johnny Cash zum Mythos? Wenn wir an ihn denken, sehen wir meist den Cash nach 1968: den Mann in Schwarz, der wie ein Heiliger auftrat, spirituell war, aber ebenso berechnend. »Walk The Line« handelt davon, wie er der Mann in Schwarz wurde: von den Jahren seiner Kindheit bis zur Aufnahme des Konzerts im Gefängnis von Folsom 1968, das ihn zu dieser gewaltigen Ikone Amerikas machte.

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