Von Alex Rühle

Das Studenten-Portal StudiVZ wurde für viele Millionen Euro verkauft: Wo das soziale Netz schwindet, wird die digitale Community immer wertvoller - vor allem finanziell.

Menschen vor Computern

Der "außengeleitete Mensch" sucht sich Freunde im Internet. (Foto: AP)

Zieht man nach Berlin, begibt man sich eigentlich automatisch in die freiwillige Unterbezahltheit, reiht sich brav in die Praktikantenschlange ein und romantisiert den daran anschließenden prekären Lebensentwurf zwischen verschiedenen Freelancer-Jobs als Teilnahme an der digitalen Bohème. Es sei denn, man übernimmt eine amerikanische Idee und wird damit reich.

Als Ehssan Dariani Anfang 2006 in einem Berliner Radiosender zum ersten Mal über die digitale Plattform Studivz.de für Studenten deutscher Universitäten sprach, hatte das Portal, das er mit drei Freunden gegründet hatte, rund 1000 Mitglieder. Wenige Monate später sind über eine Million Mitglieder bei ihnen gemeldet und StudiVZ ist das größte Studentenportal Europas.

Zum Zeitpunkt des Radiointerviews waren Dariani und seine Freunde nahezu mittellose Studenten, vorgestern verkauften sie die Domain für einen Betrag zwischen 50 und 100 Millionen Dollar an den Verlag Holtzbrinck.

Dass Dariani regelmäßig durch unsympathische Aktionen auf sich aufmerksam machte , hat ihm letzten Endes genauso wenig geschadet wie die Tatsache, dass er und seine drei Geschäftspartner in Design, Format, Funktion und Bildern einfach das amerikanische Portal Facebook kopiert haben, so unverhohlen, dass sie ihre Dateiordner selbstironisch dreist ,,Fakebooks‘‘ nannten.

Einzige Neuerung: die sogenannte Poke-Funktion des amerikanischen Originals - to poke heißt im Ofen stochern, herumstöbern, stubsen - wurde mit "gruscheln" übersetzt. Der Neologismus aus grüßen und kuscheln hat sich so schnell in der studentischen Alltagssprache verbreitet, dass die geschäftstüchtigen Berliner ihn beim Deutschen Patentamt als Wortmarke schützen ließen.

"Viel baggern, bisschen Business"

Nun gibt es mittlerweile viele solcher Plattformen im Netz, die sich durch jeweils andere Schwerpunkte voneinander abzusetzen versuchen: Unister gibt sich seriöser als die digitale Partymeile StudiVZ, Nur!Studenten will Studierende vor allem regional vernetzen, und Open BC ist eine joborientierte Kontaktbörse. Auf all diesen Seiten geht es zunächst darum, sich mit Foto und Steckbrief zu präsentieren, möglichst viele "Freunde" zu sammeln und - zu gruscheln.

Die Journalistin Anne Kunze hat sich vor einigen Monaten mit jeweils anderer Identität auf verschiedenen Plattformen angemeldet, nach einem Job gesucht und gewartet, was sonst so passiert. Ihr Fazit nach drei Wochen: "Open BC ist wie das Leben, viel baggern, bisschen Business".

Warum sollten junge Menschen im Web 2.0 aber auch anders reagieren als auf der Straße 1.0? Der studentische Surfer ist triebnavigiert? Nunja, das war der studentische Stubenhocker auch schon. Von der Kommune I blieb am Ende der Eso-Ego-Erotiker Langhans, der das ,,unglaubliche Körperprogramm‘‘ seiner Freundin Uschi Obermaier lobte.

Eine Studie der Uni Zürich ergab im vergangenen Jahr, dass das Netz binnen weniger Jahre zum wichtigsten Ort wurde, um die große Liebe zu finden oder auch eine flüchtige Affäre. Das Internet funktioniert oft sogar besser als das wahre Leben denn hier kann enorm effizient nach Kontakten gesucht werden: Viele Studenten planen Städtereisen über Portale wie tillate.com, bei denen sie sich durch die Bildprofile klicken, um gutaussehende Ortskundige zu finden.

Und im StudiVZ kann man 40 Frauen auf einmal gruscheln, während man in einer Kneipe schon Probleme bekommt, wenn man versucht, zwei Frauen gleichzeitig zu grüßen, vom Kuscheln ganz zu schweigen. Dass viele Frauen sich deshalb nach kurzer Zeit entnervt aus StudiVZ wieder abmeldeten, nahmen die Betreiber grinsend in Kauf.

Als sich unter dem Namen "Nur für Männer" im Sommer eine sogenannte Interessengruppe bildete, deren einziges Ziel es war, monatlich die schönste Studentin zu wählen, bat einer der Gründer sogar um sofortige Aufnahme. Das Ganze uferte in den ersten Fall von digitalem Massenstalking aus.

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