Von Fritz Göttler

Ausschlachtung eines Mythos? Vor dem 25. Todestag von Rainer Werner Fassbinder entbrennt ein hitziger Streit um die Verwaltung seines Erbes. Im Zentrum: die von seiner Lebensgefährtin geleitete Foundation.

Unser letztes richtiges Genie. Danach ist offenbar keiner mehr gekommen, der das Vakuum hätte füllen können, mit einer ähnlichen Mischung aus Besessenheit und Verzweiflung, Härte und Sensibilität, Sinnlichkeit und Hellsichtigkeit. Kein Filmemacher, kein Maler, Schriftsteller, Musiker. Keiner vor allem, der wie er Freunde und Mitarbeiter um sich scharen, motivieren, ausbeuten konnte, bei dem Leben und Werk also ganz eng zusammengehören. Und auch der Tod.

Vor einem Vierteljahrhundert ist Rainer Werner Fassbinder gestorben, am kommenden Sonntag ist es 25 Jahre her, dass Juliane Lorenz ihn fand, in den frühen Morgenstunden - sie hatte lang im Schneideraum gearbeitet, an der Montage von "Querelle", der Genet-Verfilmung mit Jeanne Moreau, auf die Fassbinder noch einmal ganz große Hoffnungen setzte. Juliane Lorenz war seit Jahren seine Cutterin, seine Lebensgefährtin, versuchte Ordnung und Ruhe in dieses Leben zu bringen. Und Ruhe, sagt sie, hat er gewollt, sein Teil Normalität.

fassbinderGrossbild

Der totale Filmemacher Rainer Werner Fassbinder. (Foto: ap)

Das Hinterhof-Schmuddelkind

Nun ist, im Vorfeld des Gedenktages, ein Streit um das Fassbinder-Erbe entbrannt und, wieder mal, um den Fassbinder-Mythos, ausgelöst durch ein Interview, das Ingrid Caven in der Zeit gegeben hatte. Ingrid Caven war 1970 bis 1972 mit Fassbinder verheiratet, sie hat in vielen seiner Filme gespielt und sich dazu eine Karriere als Sängerin aufgebaut.

Sie hat oft schon aus diesen gemeinsamen Jahren erzählt, als der Fassbinder-Mythos sich etablierte - vom totalen Filmemacher, der von Drogen und Exzessen und von seiner Arbeitswut lebte und sich, von den ersten Auftritten in München an, in Lederjacke und mit Schmutz unter den Fingernägeln, als Hinterhof-Schmuddelkind stilisierte. Ein Workaholic, der alles seinem Werk unterordnete, so dass man, angesichts dieses Werks, geneigt ist, ihm ziemlich viel nachzusehen. Und selbst die von ihm Malträtierten hielten es gern aus im Umkreis dieses Genies.

Chaos der Anschuldigungen

Nach Fassbinders Tod wurde, von Fassbinders Mutter Liselotte Eder, die Fassbinder Foundation gegründet, die sich um das Werk des Toten kümmerte, nach Liselotte Eders Tod wurde Juliane Lorenz Vorsitzende der Stiftung. An diesem Punkt setzt Ingrid Caven ein mit ihren Vorwürfen. Eine vorgetäuschte Heirat sei im Spiel gewesen, um sich bei der Mutter den Platz als Alleinerbin zu erschwindeln. Die Arbeit dort sei auf Lorenz allein orientiert, andere Mitarbeiter würden ausgeschlossen, Peer Raben, einer von Fassbinders wichtigsten Mitarbeitern, sei um Rechte und Tantiemen für seine Musik gebracht worden.

Der Streit "verschärfte sich", als eine Erklärung von 25 Mitarbeitern und Kollegen, von Werner Schroeter bis Peter Berling, dazu kam, mit der Forderung, die Führung der Foundation abzugeben - und einem neuen Argument zur Restaurierung von Fassbinders Lebens-Werk "Berlin Alexanderplatz", ein Vierteljahr, nachdem es im Rahmen der SZ Cinemathek auf der Berlinale vorgestellt worden war: Lorenz hätte selbstherrlich die legendäre TV-Serie aus kommerziellen Gründen aufgehellt, so wie’s der Filmemacher selbst nie gewollt hätte.

Das Chaos ist inzwischen undurchdringbar, das Gewirr der Anschuldigungen und moralischen Urteile. Es bleiben dunkle, nicht geklärte, moralisch zwiespältige Stellen wie die Eheschließung, irgendwo in Florida, die offenbar nicht rechtskräftig ist - aber was bedeutet schon eine Ehe im wilden Leben Fassbinders. Es bleiben die Ansprüche der Mitarbeiter auf Repräsentation im Gesamtwerk - auch wenn es kaum ein Lebenswerk gibt, das so viele Wortmeldungen hervorgerufen hat.

Gleich nach Fassbinders Tod wurden diverse Bücher auf den Markt gebracht, die dem Mythos huldigten, von Gerhard Zwerenz oder Peter Berling. Vor einigen Jahren hat Jean-Jacques Schuhl das Leben Cavens und Fassbinders erzählt - Schuhl ist Cavens Mann, für sein Buch konnte er auch eine Skizze Fassbinders verwerten.

Die dunkle Seite des Fernsehens

Es bleibt vor allem die Arbeit der Fassbinder Foundation. Sie macht Kopien verfügbar, organisiert Retrospektiven im Ausland, stellt Material für DVDs, macht die Auseinandersetzung möglich mit Fassbinders Werk. Juliane Lorenz hat sich enorme Verdienste um diese Stiftung erworben, in diesem Punkt sind sich alle einig, dafür erhält sie Lob und Bewunderung. Sie hat sich durchgesetzt, gegen große Fassbinder-Figuren, die in ihr eher das Aschenputtel des Clans sahen, die graue Maus aus dem Schneideraum. Und die noch gar nicht die Notwendigkeit sahen, dass Fassbinders Werk erhalten werden musste.

In der Zeit ist vor fünf Jahren der Anfang der Foundation en detail nacherzählt worden. Die Foundation ist ein einzigartiger Fall, die einzige größere Organisation, die sich dem Erbe eines Filmemachers widmet - eine Arbeit, die sonst bei uns Filmarchive betreiben, die Stiftung Deutsche Kinemathek zum Beispiel. Der Streit beleuchtet somit auch ein Kapitel Filmgeschichte generell - dass viel getrommelt wird hierzulande zur Filmförderung, aber gar nicht viel zur Filmsicherung und -restaurierung.

Die Restauration des "Alexanderplatz" war ein langwieriges, teures Unternehmen - Xaver Schwarzenberger, damals der Kameramann, hat es von Anfang an beaufsichtigt. Die Dunkelheit damals war vor allem dem Medium Fernsehen zu verdanken - das die 16mm-Kopie nicht heller rüberbrachte. Den "Alexanderplatz" mit seinem phantastischen Licht und seiner filigranen Textur im Dunkel zu lassen, das wäre, als würde ein Museum seinen Picasso in einen abgedunkelten Saal stellen.

(SZ v. 6.6.2007)

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Leserkommentare (3)



06.06.2007 23:43:58

morgen-morgen:

Naja, die einzige Foundation ... . Es gibt da schon mehr private Foundations, die das künstlerische Erbe einzelner Filmemachern verwalten, archivieren, konservieren und / oder wieder unter das Publikum bringen. Die Joris Ivens Stichting z.B. oder das Foto und Filmarchiv Albert Kahn. .... Viele, viele Independant-Productions sind in privatem Besitz. Auch die private Foundations bekommen Subventionen und auch sie arbeiten eng mit anderen Archiven zusammen.

Wer die Geschichte der Archive kennt, weiß, dass nicht immer und zu allen Zeiten, jeder Film eben gute Chancen hatte erhalten zu bleiben. Auch die öffentliche Archive begrüßen das Engagement privater Foundations. Schließlich geht es ja allererst um den Erhalt der Filme. Private Erben - bzw. ein privater Erbe wacht meist wie ein Schießhund über dem Material. Geld machen kann man damit eher weniger. Sorgsame Hände und das entsprechende Fachwissen bezüglich des Materials und seiner Konservierung - was in diesem Fall heißt- Erfahrung mit dem Filmmaterial als Cutterin, sind immer noch die besten Garanten für den Erhalt.

Natürlich ist es verständlich, dass für Jeden, der an diesen Filmen gearbeitet hat, den Film nicht zu besitzen und/oder keinen Einfluss darauf zu haben, Teil des Dramas des persönlichen Verlustes.


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