Von Andrian Kreye

Das Ende von "Lost" und "Desperate Housewives", die Invasion der Billigfilme - alles denkbar, falls Hollywoods 12.000 Drehbuchautoren ihre Drohung wahrmachen. Ab dem 1. November könnte gestreikt werden.

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Falls die Writers Guild of America ihre Drohung wahrmacht, wird es ab dem 1. November finster in Hollywood - denn dann soll keine Zeile mehr geschrieben werden. (Foto: Reuters)

Kaum jemand ist im Haifischbecken von Hollywood so mächtig wie die Gewerkschaften. Die vierschrötigen Zimmerleute von der Bühnenbildnergewerkschaft können einen Actionstar wie Chuck Norris so weit einschüchtern, dass er seinen Dreh in der Wüste von New Mexico pünktlich zu Büroschlusszeiten beendet.

Als die Schauspielergewerkschaft SAG vor sieben Jahren ein Embargo gegen Werbefilme verhängte, lehrte sie selbst so prominente Streikbrecher wie Brad Pitt und Tiger Woods das Fürchten. Und jetzt steht ein Streik der Drehbuch- und Fernsehautoren ins Haus. Wenn sich Studios und Produzenten nicht mit der Writers Guild of America einigen, wird vom 1. November an keine Zeile mehr geschrieben.

Angesicht der bis zu siebenstelligen Schreibergagen, die in Hollywood bezahlt werden, mögen einem die Forderungen der Autorengewerkschaften wie Allüren verwöhnter Diven vorkommen. Den Hollywoodschreibern sind nämlich die vier Prozent Anteil an jeder verkauften DVD im In- und Ausland zu wenig, die ihnen laut Tarifvertrag zustehen.

Andererseits ist die Machtlosigkeit der Drehbuchschreiber in Hollywood sprichwörtlich. Selbst namhafte Autoren dürfen nicht zum Dreh, werden nicht zur Premiere eingeladen und müssen oft mit Anwälten dafür kämpfen, dass ihr Name im Vorspann ordentlich genannt wird. Doch alleine die Androhung eines Streiks versetzt Hollywood in Panik. Denn gemeinsam sind die Schreiber stark. Mehr als 12 000 Autoren sind Mitglied der Writers Guild, und sie können die Traumfabrik lahmlegen.

Schon ist die Rede von Hamsterkäufen. Filmstudios erstehen wahllos Drehbücher, in der Hoffnung, ein paar zu verfilmen. Fernsehsender lassen im Akkord Serienfolgen vorschreiben. Denn es sind gerade die Sender, die von einem Autorenstreik getroffen werden. Das zeigte der Streik von 1988, der bis Herbst 1989 eine historisch flaue Film- und Fernsehsaison zur Folge hatte.

Sex, Gewalt und Klatsch

Damals dauerte der Streik 22 Wochen. Das Amt für Statistik der Stadt Los Angeles schätzt die Verluste für die Wirtschaft der Metropole auf insgesamt zwei Milliarden Dollar. Die Unterhaltungsindustrie musste rund 500 Millionen Einnahmeverluste wegstecken. Vor allem aber veränderte sich damals die amerikanische Fernsehlandschaft für immer.

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Drehbuchautor unter Druck: Filmfigur Barton Fink. ()

Eilig zusammengezimmerte Kinofilme konnte die Welt noch verschmerzen. Doch die großen Fernsehsender kostete der Arbeitskampf immerhin zehn Prozent ihrer Zuschauer, die unwiederbringlich verloren waren. Das Genre der Soap Operas hat sich bis heute nicht erholt. Stattdessen begann der Siegeszug der Boulevardsendungen wie "48 Hours" und "Hard Copy", die Sex, Gewalt und Klatsch als Journalismus verkauften.

Nur wenige schafften es damals, aus der Not eine Tugend zu machen. So begann der Latenight-Moderator David Letterman zu Beginn des Streiks seine Sendung mit der Ankündigung, er werde sich nun einfach eine Dreiviertelstunde lang rasieren lassen. Damit wurde jener sinnfreie Humor geboren, den nur genialische Ironiker wie David Letterman und Harald Schmidt beherrschen.

Die amerikanischen Branchenblätter malen die Folgen eines Autorenstreiks jetzt schon in schlimmsten Details aus. Die Filmsaison 2009 werde ähnlich schwach wie 1989, weil viele Studios den Drehbeginn großer Produktionen vorziehen könnten. Andererseits wäre dies eine Chance für kleiner Produktionen, Dokumentarfilme und ausländische Produktionen, weil vor allem kurzfristig produzierte Fortsetzungen erfolgreicher Actionfilme wie "Spider Man" oder "Transformers" verzögert würden.

Mittelmaß ab 2010

Dramatischer sieht es allerdings im Fernsehen aus. Nicht nur die Talkshows und Comedy-Sendungen wie Jon Stewarts "Daily Show" und "The Colbert Report" würden leiden. Die großen Serien wie "Lost", "Desperate Housewives" oder die verschiedenen "CSI"-Versionen, deren Autoren als Koproduzenten oft viel Macht und Einfluss besitzen, könnten eingestellt werden.

Mittelmäßige Serien, die normalerweise nach fünf, sechs Folgen wieder aus dem Programm genommen würden, hätten eine garantierte Lebensdauer von einer Saison. Als ziemlich sicher gilt, dass sich die Fernsehsender dann noch mehr auf billig produzierte Reality-Sendungen und Spielshows verlegen, deren Autoren nur selten Mitglied der Gewerkschaft sind.

Den Rest der Welt würden die Folgen eines Autorenstreiks erst viel später erreichen. Die mittelmäßigen Filme kämen frühestens 2010 ins Kino. Die Umwälzungen der Fernsehlandschaft würde man hierzulande erst in zwei, drei Jahren kopieren.

Doch gerade weil die Verwertungskette der Unterhaltungsindustrie durch die Aushöhlung der Urheberrechte nicht mehr funktioniert, ist der Streik der Autoren so wichtig. In Deutschland können Drehbuchschreiber von Arbeitsbedingungen wie in den USA sowieso nur träumen.

Wiederholungshonorare werden nur noch selten, und wenn, dann höchstens von den öffentlich-rechtlichen Sendern bezahlt. Und selbst die sogenannten Buy-Outs, bei denen ein Autor sämtliche Rechte verkauft, sind von dem einst üblichen dreifachen Honorar zur Selbstverständlichkeit frisiert worden. Die Folgen solcher Drückerpraktiken kann man tagtäglich im deutschen Fernsehen bestaunen.

(SZ vom 23.10.2007)

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Leserkommentare (7)



06.11.2007 17:16:46

carabas: @grml: Heroes

Sie haben die Serie offensichtlich nicht verstanden.


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