Von Alex Rühle

Ein Autor hat die Nase voll von Unternehmen, die massenweise Absagen an motivierte Bewerber verschicken. Er dreht den Spieß um - und schreibt selbst seine ganz persönlichen Absagen an inserierende Firmen.

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"Ich sende Ihnen deshalb Ihre Stellenanzeige zu meiner Entlastung zurück." In Jürgen Sprenzingers neuem Buch kehrt der Autor das Verhältnis Bewerber/Arbeitgeber auf amüsante Weise um. Foto: dpa

Auf die Idee kam er angeblich, als er von einer Bekannten hörte, dass sie sich 200-mal erfolglos auf Anzeigen beworben habe. Warum, so dachte sich Jürgen Sprenzinger, warum den Spieß nicht einfach umdrehen?

Sprach's und schickte deutschen und internationalen Unternehmen auf deren Annoncen hin Absagebriefe, in genau dem formelhaft glatten Gerede, das man aus solchen automatisierten Schreiben kennt: Exemplarisch in seinem alerten Ton des Bedauerns sei das Schreiben an die Firma Otto zitiert, die unter dem Slogan "Werden Sie ein Teil unserer Erfolgsgeschichte" Controller, Projektleiter und Shopmanager suchte: "Sehr geehrte Damen und Herren, da mich eine Vielzahl von Stellenanzeigen erreicht hat, ist mir die Auswahl nicht leicht gefallen.
Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass ich mich zwischenzeitlich für eine andere Stellenanzeige entschieden habe. Ich sende Ihnen deshalb Ihre Anzeige zu meiner Entlastung zurück. Ich bedanke mich für Ihr Interesse an meiner Person, bedaure aber gleichzeitig, dass ich kein Teil Ihrer Erfolgsgeschichte werden kann."

Ihre Komik gewinnen all diese Briefe, die Jürgen Sprenzinger in seinem Band "Arbeit? Nein danke!" versammelt, zum einen daraus, dass da einer die Anzeigen riesiger Institutionen als persönliche Anschreiben liest und sich nun in Gewissensnöten sieht, weil er Esso, der Deutschen Bank oder dem Bundestag absagen muss; gesteigert wird das noch, wenn er einer Firma "für Ihre Stellenanzeige in meinem Exemplar der Augsburger Allgemeinen" dankt, so als sei diese Zeitung eigens für ihn gedruckt worden.

Zum anderen steht der, der da schreibt, auf angenehme Weise quer zu den Regeln des Arbeitsmarktes: Während man als Bewerber meist mit seinen Fähigkeiten glänzt, Kenntnisse dazuerfindet, jung, flexibel und begeistert tut und sich somit ergeben in die Reihe der Bewerber einreiht, teilt Sprenzinger im Ton des achselzuckend souveränen Bedauerns mit, dass ihn entweder das jeweilige Fachgebiet einfach nicht genug interessiere oder er auch nicht im Mindesten für die Stelle geeignet sei, da er das erforderliche wirtschaftswissenschaftliche Studium nicht vorweisen könne.

Zuweilen reagiert er geradezu stoffelig auf die Zumutungen der flexiblen Arbeitswelt, etwa wenn er der Personalberatungsfirma Keyence absagt, weil er "nicht in den von Ihnen bevorzugten Gebieten" wohnt, "und ich kann ja nun wegen Ihnen nicht eigens umziehen".

Dank Keyence erfährt man übrigens einiges über die privaten Hintergründe Sprenzingers oder zumindest desjenigen, der da absagt. Die Personalberatungsfirma fragte auf den Anzeigenseiten der FAZ: "Wir entwickeln. Wir bewegen. Wir wachsen. Und was machen Sie?" Sprenzinger: "Sie schreiben, Sie würden entwickeln, bewegen, wachsen. Und fragen mich dann, was ich mache. Naja, ich geh viel mit dem Hund spazieren, ich fotografiere, spiele Schach."

Mit den eigenen Waffen geschlagen

Außerdem muss er mit einem wohltemperierten Gemüt ausgestattet sein - es können noch so viele Anzeigen in seiner Zeitung stehen, immer bleibt er ehern freundlich im Ton: Entschuldigt sich für die Absage, hofft auf Verständnis bei der jeweiligen, um eine gedeihliche Zusammenarbeit geprellten Firma, und endet meist mit einem aufmunternden Satz, die Absage bloß nicht persönlich zu nehmen, er sei sich sicher, das Unternehmen finde, bedingt durch seine hohen Qualitätsstandards, schon bald einen geeigneten Mitarbeiter.

Es gab öfter schon solche Projekte, erinnert sei an die "Briefmacken" Winfried Bornemanns, der in den Achtzigern Behörden, Fachleute und Prominente mit bescheuerten Anfragen nervte. Und Jürgen Sprenzinger nahm in "Lieber Herr Maggi" Werbefirmen beim Wort. Meist waren in diesen Büchern die Antworten auf Bornemanns und Sprenzingers Anfragen in ihrem amtsmännisch bierernsten Duktus weitaus komischer als die Fragen.

Als Bornemann dem Hannoveraner Finanzamt die Frage stellte, ob er sich im Falle einer Samenspende eine Spendenquittung ausstellen lassen müsse, "um später die Gemeinnützigkeit dieser Sache anerkannt zu bekommen", antwortete ihm etwa der zuständige Sachbearbeiter mit einem in seiner sorgfältig verzweigten Kasuistik geradezu rührenden Schreiben.

Der Genuss an diesen Büchern lag also nicht so sehr in den bekloppten Anfragen als vielmehr darin, dass der bundesrepublikanische Amtsschimmel in seiner Steifigkeit vorgeführt wurde. Die Stärke an Sprenzingers neuem Buch hingegen ist, dass durch die parodistischen Umkehrung der eigentlichen Machtverhältnisse die Wirtschaft - wenigstens einmal, wenigstens zum Schein - mit ihren eigenen Waffen geschlagen wird.

JÜRGEN SPRENZINGER: Arbeit? Nein danke! Sprenzinger Verlag, Augsburg 2007. 243 Seiten, 11,95 Euro.

(SZ vom 13.9.2007)