Wie Hänsel und Gretel warten die DSDS-Kandidaten im Finale auf Knusperhexer Bohlen. Das Publikum entscheidet mit hauchdünner Mehrheit.
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Zwei Geschwister im Geiste, schüchtern, verunsichert und sympathisch: Sarah Kreuz und Daniel Schuhmacher. Foto: Getty Images
Sarah und Daniel geben zu Beginn des Finales der sechsten Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" ein rührendes Bild ab. Sie stehen sich gegenüber, fassen sich an beiden Händen, blicken scheu in die Kamera. Vorher, im Einspieler, haben sie sich bemüht, die Zähne zu fletschen und die Fäuste kämpferisch zu ballen.
Live lehnen sie so einträchtig aneinander wie Hänsel und Gretel, ein versprengtes Gespann zweier Geschwister im Geiste, schüchtern, verunsichert und sympathisch, allein im hell erleuchteten Superstarstudio.
Gleich kommt Dieter, der Knusperhexer mit der supercrossen Brathendlhaut und schaut, welcher der beiden Kandidaten fertig zum Verfeuern ist. Er weiß, dass er verführerisch ist, die Kinder rennen ihm die Türe ein, weil er im ganzen deutschen Wald so erfolgreich aussieht wie sonst keiner.
Er weiß insgeheim auch, dass das nicht an seinem absoluten musikalischen Genie liegt, sondern weil er sich halt so geil vermarkten kann, und dass er das wirklich kann, das zeigt er an diesem Abend wieder: Als er mit seinen Jury-Kollegen die Bildfläche betritt, läuft der Bombast-Klassiker schlechthin, die Musik, mit der man sogar Primaten, Nacktmulle oder Plörrebier als Krönung der Schöpfung promoten kann: "Also sprach Zarathustra" von Richard Strauss. Das Image sitzt.
Die Familien der Kandidaten sitzen dagegen stumm und bleich in der ersten Reihe und hoffen, dass sie ihr rundum erneuertes, mit Softpop gemästetes Kind heil zurückbekommen, am besten aber kandiert mit einem nahrhaften Plattenvertrag. Der Kunsperhexer grinst. Dieter weiß: Er hat schon gewonnen. Es ist letztendlich egal, mit wem er seinen semi-geilen Song "Anything but Love" aufnehmen muss, das geht superfix und verkauft sich ne Zeit. Und dann kommt ja die nächste Staffel, und neue Kinderlein werden sich zu ihm ins Studio verirren.
Freilich, Dieter Bohlen kann überhaupt nichts dafür, dass seine Casting-Show so erfolgreich ist und er deswegen, als vernünftig denkender Geschäftsmann, einfach nicht damit aufhören kann. Er is' ja nicht megablöd. Er trifft halt einfach den Nerv der Zeit. Wie die Heidi oder der Detlef. Die Kids brauchen das, das Coaching, das Zuckerbrot, die fiese Kritik, die Tränen, um zu wissen, was bald real auf sie zukommt.
Schließlich gleicht mittlerweile der Alltag junger Heranwachsender ebenfalls einem endlosen Casting-Marathon. Es reicht heute nicht mehr, gut auszusehen oder an der Schule der soziophobe Super-Streber gewesen zu sein, um mit 26 Jahren eine satte Festanstellung zu ergattern. Man muss jetzt gut aussehen und obendrein der soziophobe Super-Streber gewesen sein. Dann flattert dem potenziellen High-Potential vielleicht nach der Promotion ein Angebot zum Probeworken in der Unternehmensberatung ins Mail-Postfach, ganz von allein.
Der Rest muss an sich arbeiten: Permanent die Casting-Skills verfeinern, lernen, säuerliche Gesichter, ätzende Fragensteller sowie Personalchefs, die weder einen Stift ordentlich halten noch fließend Deutsch sprechen können, lieb und offenherzig anzulächeln. Auch für die effiziente Abwicklung des Privatlebens ist ein gewisses Showtalent unverzichtbar geworden.
Es beginnt mit der nervenaufreibenden WG-Suche im hippen Szeneviertel: Wer es nicht schafft, die arrivierte WG-Belegschaft von der Kompatibilität der eigenen individuellen Attitude mit deren individuellen Attitudes zu überzeugen, landet in der Vorstadthölle, die aussieht wie das Dorf, dem man gerade entflohen ist, nur scheußlicher. Ähnlich geht es bei den großstadtüblichen Speed-Datings und Internet-Dates weiter: Wer nicht innerhalb von kürzester Zeit die Fakten für sich sprechen lassen kann, muss sich damit begnügen, einmal im Jahr bei der heimatlichen Heilig-Abend-After-Party die Ex-Flamme aus der Schulzeit zu knutschen.
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