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Auf dem Buchrücken ausgetragen
Electronic Writing
09.05.2005, 14:01
"Dave Striver liebte die Universität – die elfenbeinbedeckten Glockentürme, die alten und ehrwürdigen Ziegelsteine, das sonnen überflutete saftige Grün und die aufgeregten jungen Studenten.", dachte sich der Computer. ()
Für den griechischen Philosophen Plato war jeder Schreibende von Gott selbst inspiriert.
Der Allmächtige höchstpersönlich soll Autoren Worte eingeflüstert und Fehler korrigiert haben.
Glaubt man diesen Worten, ist der Computer an die Stelle Gottes getreten.
Bei der Rechtschreibprüfung zum Beispiel: Schreibt ein Autor „Gebutrstag“, versieht das Programm das Wort mit einer roten Marke als Hinweis auf den Fehler. Klickt man darauf, bietet das Programm Verbesserungsvorschläge an.
Auch Synonyme zu finden stellt kein Problem dar – für das Wort „sagen“ kennt das Programm 20 verschiedene.
Nur die endgültige Auswahl ist noch dem Autor des Textes überlassen. Schon heute bilden Mensch und Computer beim Erstellen von Texten eine Symbiose: Der Mensch kreiert, die Maschine kontrolliert.
Plato hat es geahnt, doch die höhere Macht ist nicht Gott, sondern der Computer.
Ein Schreibender kommt heutzutage kaum noch ohne die Maschine aus. Betrachtet man aber die Entwicklungen in den Disziplinen Linguistik und Informatik, dann könnte es bald so weit sein, dass Computer keinen Menschen mehr brauchen, um Texte zu erstellen.
Panikmache? Wohl kaum, liest man folgenden – aus dem Englischen übersetzten – ersten Satz einer Kurzgeschichte: „Dave Striver liebte die Universität – die elfenbeinbedeckten Glockentürme, die alten und ehrwürdigen Ziegelsteine, das sonnen überflutete saftige Grün und die aufgeregten jungen Studenten.“
Dieser Satz entspringt nicht der Feder eines Schriftstellers, sondern wurde geschrieben von einem Computerprogramm namens „Brutus“. Die anschließende Kurzgeschichte liest sich ähnlich.
„Das System plant zuerst die komplette Geschichte, dann die einzelnen Sätze darin, anschließend findet es die geeigneten Worte aus einem Lexikon“, beschreibt Erfinder Charles Callaway sein Programm für Laien, die einzelnen Schritte selbst sind kompliziert.
„Für den Stil bedient sich das Programm aus einem Fundus bereits bestehender Texte.“ Für dieses Können sind Computerprogramme schon seit längerer Zeit im Einsatz: Sie durchforsten aktuelle wissenschaftliche Texte und vergleichen sie mit bereits veröffentlichtem Material.
Auf diese Weise ist es ein Leichtes, Plagiate aufzuspüren. Im vergangenen Jahr stöberte ein Programm einen Text auf, der 2693 Sätze aus verschiedenen Arbeiten enthielt.
Ein Mensch hätte den Betrug nur schwer aufdecken können.
Die Stärke der Computerprogramme liegt darin, einem festen System zu folgen.
So gehen auch menschliche Autoren vor. „In der Epik beispielsweise existieren bestimmte Handlungsstränge, die eingehalten werden“, sagt Professor Georg Braungart von der Universität Tübingen.
„Der Held geht in den Wald, erlebt Abenteuer und wirbt um eine Braut. Dieses System kann auch ein Computer verwenden und so kombinatorische Erzählungen schaffen.“
Ein Computerprogramm wäre so in der Lage, eine völlig neue Art Literatur zu kreieren. Auch weil es den Begriff „satisficing“ nicht kennt. Der amerikanische Ökonom Herbert Simon hat ihn 1957 eingeführt. „Ein Mensch wird bei einer Entscheidung nicht alle möglichen Varianten durchspielen und die beste wählen“, erklärte er damals. „Er wird aus vorhandenen limitierten Möglichkeiten die wählen, die ihn gerade zufrieden stellt. Für ein paar Schuhe fährt man nicht um die ganze Welt und sieht sich alle existierenden an, sondern geht in ein paar Geschäfte, probiert die vorhandenen und kauft dann das Paar, das einem gefällt.“
Auf Literatur bezogen bedeutet „satisficing“, dass ein Autor bei einer Geschichte nicht alle möglichen Handlungsstränge durchspielt, sondern aus seinem Erfahrungsschatz und Gedächtnis den für seinen Text wählt, mit dem er sich zufrieden gibt.
Ein Computer hätte diese Limitierung nicht, sondern könnte tatsächlich eine Wahl treffen, die nicht nur zufrieden stellt, sondern die beste ist. „Optimizing“ statt „satisficing“ – die neue Form der Literatur? Im Schach hat diese Methode funktioniert.
„Deep Blue“ hat Gari Kasparow vor allem deshalb besiegt, weil er jedes bisher gespielte Match seines Kontrahenten gespeichert hatte und so auf jeden Zug des Großmeisters eine Antwort wusste.
Dabei könnte gerade diese Fähigkeit Computern im Weg stehen. „Computer sind definitiv in der Lage, bald einen kompletten Roman zu schreiben“, sagt Stephen Pinker, Professor für Sprachpsychologie an der Universität von Harvard.
„Aber ich bezweifle, dass es nach menschlichen Standards gute Geschichten wären.“ Das menschliche Gehirn enthält alleine 100 Billionen Synopsen, die verarbeiten, was ein Mensch während seines Lebens an Erfahrungen macht – zusammen mit Gefühlen und der Fähigkeit, Emotionen mit Fakten zu verbinden.
„Ein Computerprogramm wird kaum feststellen können, welche Textpassage einen Leser zu Tränen rühren könnte und welche nicht“, meint Pinker.
Ein weiteres Hindernis ist die Frage, ob ein Leser tatsächlich Geld für Literatur aus der Konserve ausgeben möchte. In der Informatik gibt es den so genannten „Turing Test“, bei dem ein Computer mit einem Menschen kommuniziert.
„Erkennt der Mensch, dass es sich bei seinem Gegenüber um eine Maschine handelt, gilt der Test als nicht bestanden“, erklärt Professor Georg Braungart. Eine Form der künstlichen Intelligenz hat diesen Test bisher noch nicht bestanden und gilt als das Ziel für Forscher auf diesem Gebiet. Der Test könnte auf Literatur übertragen werden und so Texte prüfen. Den von Nick Montford zum Beispiel.
Vor drei Jahren veröffentlichte er das Buch „2002 – A Palindrome Story“. Der Text enthält genau 2002 Wörter und ist damit eines der längsten Palindrome der Welt. Das Buch kann also von vorne genauso gelesen werden wie von hinten.
Drei Jahre lang hat er mit seinem Co-Autor William Gillespie gearbeitet und ein Programm geschrieben, das ihm bei der Arbeit mit Palindromen helfen sollte. Deep Speed – so lautet der Name des Programms – hat sogar dafür gesorgt, dass der Mittelbuchstabe, um den sich die Geschichte aufbaut, das symmetrische „x“ ist.
Manthey wurde in der Computerbranche für seinen Text gefeiert,
Literaturkritiker hielten sich mit Lob und Kritik eher zurück. Das Buch erreichte – gemessen an dem, wie sich Informatik-Literatur gewöhnlich verkauft – gute Zahlen, ein Bestseller wurde es jedoch nicht. Es scheint, als hätten viele Menschen Angst vor Texten, die nicht ausschließlich von Menschenhand erschaffen wurde.
„Man müsste den Leser anlügen und vom Computer erstellte Texte mit einem Pseudonym versehen“, rät Georg Braungart. Menschliche Autoren können also aufatmen. Vorerst.
Die Zeit eines maschinellen Nobelpreisträgers für Literatur ist noch nicht gekommen, auch wenn die Texte länger und lesbarer werden. Im Moment sind Computerprogramme eine große Hilfe, möchte man literarische Märchen auf die Probe stellen.
„Wenn man eine große Anzahl Affen an Schreibmaschinen setzen würde und sie wild lostippen würden, könnte nach einiger Zeit ein Stück von Shakespeare herauskommen.“
Fast jeder Abiturient musste sich diesen Satz im Fach Stochastik anhören. Es ging darum, dass ein literarisches Meisterwerk auch zufällig entstehen könnte.
Der „Monkey Shakespeare Simulator“ versucht im Internet gerade, dieses Zitat einem Test zu unterziehen. Der Computer simuliert – 86400 Mal schneller als in Echtzeit – die tippenden Affen und vergleicht die Ergebnisse sofort mit einer Datenbank, auf der die Dramen von William Shakespeare gespeichert sind.
Nach unendlich vielen Versuchen – die genaue Anzahl ist unbekannt, lag aber nach letzten Meldungen bei knapp über 10 Trilliarden Jahren – kann der Simulator vorweisen: Der Rekord liegt bei den ersten 24 Buchstaben von „Henry VI.“.
Allein die erste Szene des ersten Aktes enthält 6798 Buchstaben. Affen und Literatur – das wird also nichts. Vielleicht haben Computerprogramme mehr Glück.
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