Freiheit, Heuchelei, Brüderlichkeit
Interview mit Banlieue-Rappern
22.11.2005, 16:30
Achtung! Diese Rapper gehen zum Lachen in den Keller. Man sollte sie da rausholen. ()
Die Saian Supa Crew aus der Banlieue von Paris zählt zu den renommiertesten französischen Hip-Hop-Acts. Die fünf Rapper thematisieren vor allem die Situation der Immigrantenkinder. Gerade ist ihr drittes Album „Hold Up“ (Emi) erschienen, eine ebenso eklektische wie leidenschaftliche Mischung aus Rap, Reggae und surrealen Beats. Wir sprachen mit Rapper Féfé über die schwierige Balance zwischen Engagement und Humor.
SZ: Ihre Texte auf dem neuen Album wirken friedlicher als früher. Meinen Sie nicht, dass jetzt nach den Unruhen in den Cités wieder ein härterer Ton angebracht wäre?
Féfé: Wir wollen nicht zu viel Aggression in unsere Musik packen. Schließlich haben wir jetzt selbst Kinder und wissen, was die falschen Signale anrichten können. Einen Song über den Kolonialismus etwa, den wir früher als Hardcore-Rap gespielt haben, bringen wir jetzt nur noch mit akustischen Gitarren. Das heißt aber nicht, dass uns die Energie fehlt. Am Anfang waren eben die amerikanischen Vorbilder übermächtig. Aber meine Eltern kommen aus Nigeria, viele meiner Rapper-Kollegen stammen aus der Karibik und Nordafrika. Deshalb werfen wir Reggae, Dancehall, Afrobeat und vieles andere in den Mix.
SZ: Bietet Hip-Hop den Immigrantenkindern einen Weg aus dem Ghetto?
Féfé: Mich stören all diese Klischees. Wenn Du aus den Vorstädten ausbrechen willst, heißt es, musst du Fußballer, Rapper oder Gangster werden. Das ist Quatsch. Viele meiner Freunde haben es durch schulische Disziplin und harte Arbeit geschafft. Tragischerweise glauben die Jugendlichen in den Cités allzu oft selbst an diese Klischees. Das heißt sie investieren ihre Energie nicht in die Ausbildung, sondern hoffen es durch Dealen, Fußball und Rap zu schaffen. Meine Eltern haben mich für ein Jahr nach England geschickt, das hat mir die Augen geöffnet. Ansonsten wäre ich vielleicht auch auf die schiefe Bahn geraten. In der Banlieue geht das schnell: Du fühlst dich vernachlässigt und zurückgewiesen – und holst dir deine Selbstbestätigung dann auf andere Weise.
SZ: Hatten Sie auch Ärger mit der Polizei?
Féfé: Natürlich. Als einziger schwarzer Junge im Block war ich prädestiniert für Ärger. In den Cités sind die Fronten verhärtet: Egal was die Polizisten taten, sie galten uns immer als Feinde – und umgekehrt. Würden die jemals für einen schwarzen Jugendlichen einen Finger krumm machen? Erst als ich vor ein paar Jahren in Paris einige korrekte Ordnungshüter kennen lernte, kam mir der Gedanke, dass mich die Polizei auch beschützen könnte.
SZ: Sie können also die Wut der Jugendlichen in den Vorstädten verstehen?
Féfé: Die Unruhen in den Cités waren schon lang abzusehen. Das heißt nicht, dass ich die Gewalt gutheiße. Man darf nicht allen Jugendlichen, die Autos anzünden, politische Motive unterschieben. Sie tun es, weil sonst nichts los ist, weil sie sich vor ihrer Gang brüsten wollen, weil sie auf diese Weise wenigstens einmal richtig dazugehören. Viele wollen nicht wahrhaben, dass die Gewalt sich am Ende gegen sie selbst richten wird.
SZ: Können Rapper in dieser Situation eine politische Vision vermitteln?
Féfé: Hip-Hop müsse ein CNN des Ghettos sein, hat Chuck D einmal gefordert. Viele Rapper jedoch verzerren das Bild der Cités, zeichnen eine Karikatur nach den Gangstarap-Vorbildern aus Amerika. Aber wer möchte schon über Armut, Diskrimination und schlechte Bildungschancen rappen? Wir singen auf unserem neuen Album von einer schwarzen alleinerziehenden Mutter, die sich in Paris durchschlägt. Das ist eine Geschichte, die dort jeder kennt.
SZ: In dem Song „Zonarisk“ korrigieren Sie manches Klischees von der angeblichen Vorstadthölle ...
Féfé: Vor den letzten Präsidentschaftswahlen stellten die Medien die Situation in den Ghettos so dar: Alle wollen Gangster sein, es wird wild herumgeschossen, gedealt und an jeder Ecke vergewaltigt. Aber wer zeigt all die Schüler, Studenten und berufstätigen Menschen, die auch dort leben? Es ist wichtig, den Vorstadt-Jugendlichen klarzumachen, dass man mit Bildung weiter kommt als mit Drogendealen. Ich habe in den Cités viele positive Werte kennen gelernt. Solidarität etwa. Wenn du Hilfe brauchst, dann setzen sich die Leute dort sofort für dich ein. Auch die multikulturelle Mischung hat ihr Gutes: Du wirst nirgends soviel Toleranz für andere Lebensformen finden wie in der Cité.
SZ: Fühlen Sie sich überhaupt als französischer Bürger?
Féfé: Noch vor fünf Jahren hätte ich Nein gesagt, aber nun fühle ich mich als Teil dieser Nation. Ich bin mit meiner Hip-Hop-Crew um die Welt gereist und habe gemerkt, wie viel ich an meinem Land und seiner Kultur schätze. Wir sprechen alle französisch, haben auf französischen Schulen gelernt, schauen französisches Fernsehen. Aber am wichtigsten sind für mich die ideellen Werte Frankreichs: Seine Schriftsteller, seine Philosophen, die Tradition der radikalen Kritik und die der revolutionären Träume.
SZ: Aber es scheint doch, als hätten die Unruhen den französischen Denkern die Sprache verschlagen.
Féfé: Die meisten Franzosen verschließen sich der Wahrheit, dass ihr Land kein ausschließlich weißes Gesicht mehr hat. Sie verleugnen die arabischen, afrikanischen, schwarzen Züge. Hier fängt die Heuchelei an: Man setzt zuerst große Ideen von Freiheit und Brüderlichkeit in die Welt und bekommt dann Angst, wenn es um die Konsequenzen geht: Gleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt, gleiche Bildung, gleicher Lohn.
SZ: Bezieht sich Ihr Song „Jacko“ eigentlich auf Jaques Chirac?
Féfé: Ja. Es geht darum, wie Politiker in die eigene Tasche wirtschaften. Und Chirac ist bei weitem nicht der schlimmste im Lande. Vielleicht bringen wir demnächst einen Remix heraus, der dann „Sarko“ heißt. Dieser Mann macht es einem so leicht, ihn zu hassen. Er will Sauberkeit an der Oberfläche, aber darunter soll es schmutzig bleiben. Doch wenn es Sarko nicht gäbe, dann würden seine Anhänger eben Le Pen wählen.
SZ: Sie haben trotz allem irgendwie gut lachen. Auf Songs wie „Fesses de 200 Hectares“ (200 Hektar-Arsch) demonstrieren Sie einen im Hip-Hop eher seltenen Humor.
Féfé: Humor ist für uns eine Waffe, um zu überleben. Wenn ich nach Nigeria fahre, dann sehe ich überall bettelarme Menschen, die trotzdem mit einem Lächeln auf dem Gesicht herumlaufen. So ähnlich läuft es auch in den Vorstädten: Die coolen Posen sind nur für die Kamera. Wenn wir Rapper unter uns sind, dann lachen selbst die Gangster-Darsteller.
Interview: Jonathan Fischer
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