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Ich bin dann mal web
Unsere Zukunft im Netz (1)
23.02.2007, 16:27
Bin ich jetzt der Letzte? Der Allerletzte? Gibt es noch Leute in einer Hirtenhütte in Mauretanien oder im australischen Outback? Sitzt einer an einem der bayerischen Seen und schaut da in den selben riesig blauen Cirruswolkenhimmel wie ich? Oder hier in der Stadt? Obwohl - nein, daran glaube ich nicht mehr. Ich habe überall Schilder angebracht, dass ich täglich am Roecklplatz sitze und warte - aber bisher ist keiner gekommen.
Anfangs roch es aus einigen Wohnungen nach Haustierkadavern, inzwischen duftet es hier wie auf dem Land. Das Radio rauscht, nur ein Billiglohnsender hat seit vier Monaten ein und dieselbe Stundenschleife laufen, die Hits der Achtziger, Neunziger und Nuller, immer dieselben elf Lieder, was für ein Soundtrack zu meiner weltweiten Einsamkeit!
Unser Autor ist sehr einsam: Alle sind schon "drin" im Netz. Nur die Tiere sträuben sich mit Klauen und Hufen. (Foto: AP)
Erst waren es Gerüchte. Einer behauptete in einem Chatroom, er habe beim Spielen von "Warcraft V" einen seiner Freunde gesehen. Der Freund habe hinter einer Mauer hervorgeschaut und sei dann lachend im Hintergrund der Ruinenlandschaft verschwunden. Das war im November vor einem Jahr.
Richtig los ging es kurz darauf mit drei Indern aus Bangalore, die bis dahin klaglos in einem Callcenter gearbeitet hatten und plötzlich in den Mailaccounts ihrer amerikanischen Kunden standen, mit höflicher Verbeugung zum Bildschirm rausgrüßten und fragten, ob sie einige Mails öffnen sollten. Ein Typ von der Wallstreet bekam einen solchen Schreck, dass er die drei beschimpfte.
Daraufhin zerlegten die digitalen Inder sein Postfach. Auf CNN wurde am Abend sein Bildschirm gezeigt, aufgerissene Mails, die am Boden herumlagen, zerfetzt wie Briefe. Einer der drei hatte sich sogar hochgehangelt in die Menüleiste und den Apple-Apfel zu einem hässlichen Butzen zusammengenagt.
Am selben Abend war im Fernsehen das erste "Versickern" zu sehen. Eine Überwachungskamera in Vancouver hatte den Besitzer einer Zoohandlung dabei aufgenommen, wie er langsam blasser wurde, konturloser, durchlässiger. Der Mann schien es nicht mitzubekommen, sondern starrte stumm in das milchblaue Licht seines Laptops, bis irgendwann nur noch der leere Raum zu sehen war, im Hintergrund Katzenfutterkartons und ein Vogelkäfig.
Seine Frau sagte weinend, sie habe nichts an ihm festgestellt, er habe nur den ganzen Tag am Rechner gesessen, weil ihnen ein Grossist am Tag zuvor statt der bestellten Ratten Hunderte weiße Mäuse geliefert hatte.
Drei Tage später dann das YouTube-Video, auf dem ein norwegischer Büroangestellter in eine professionelle Pornoszene in einer Villa im Silicon Valley hineinplatzte. Die zwei Pärchen waren perplex, dass plötzlich dieser fettige Typ neben ihnen stand. Ihm selbst war es zunächst peinlich. Er sagte mit schwerem skandinavischen Akzent, er habe die Szene mehrmals in seinem kleinen Büro in Oslo angeschaut, mehr könne er nicht erklären.
» Viele alte Menschen gingen freiwillig rüber, nachdem der Herausgeber einer großen Tageszeitung einen dringlichen Appell an sie geschrieben hatte, durch dieses persönliche Engagement den erwarteten Demographiegau in Europa abzumildern. Er selbst ging mit gutem Beispiel nach dem Verfertigen seines Aufrufs voran, wurde noch einmal kurz auf der FAZ-Net-Seite gesehen und war dann ebenfalls weg. « |
Die vier Darsteller reagierten beeindruckend cool, indem sie ihn lieb in ihre Runde aufnahmen. Das Video wurde in zensierter Form in allen Nachrichtensendungen gezeigt. Als ich es selber aufrief, war der Osloer längst wie selbstverständlich mit von der Partie, er sprang nackt im Zimmer herum, schwenkte jubelnd seinen dicken Pullover in die Kamera, stürzte sich ins Getümmel und rief immer wieder: "Ich bin frei, ich bin frei!" Als er am Tag darauf dann auch in anderen Produktionen mitmischte, war weltweit kein Halten mehr. Alle machten rüber. Keiner kam zurück.
Ich weiß nicht, für wen ich das hier noch schreibe, ich komme mir vor wie diese Raumkapsel, die sie im vergangenen Jahrhundert ins All geschossen haben, und die seither vollgerümpelt mit Zeichnungen von Galilei und Musik von Mozart durch die nachtschwarzen Ränder des Sonnensystems trudelt. Draußen hört man nachts Tiere, hab’ ich nichts dagegen, freut mich, dass Bären in den Isarauen rumtapsen.
Aber die Leere, tagsüber, die ist oft kaum zu ertragen. Vor allem nicht hier in der Stadt. Die Fußgängerzone, in der man nur die Kaufhoffahnen gegen die Alustangen klonkern hört. Das Café am Roecklplatz, das sperrangelweit offensteht, in den Vitrinen ist das Pistazieneis zu pilzgrüner Suppe geschmolzen. Der leere Spielplatz gegenüber, in dessen Sand das Gras sprießt. Als ich da vor ein paar Tagen in der roten Holzhütte eine kleine blaue Mütze fand, musste ich plötzlich heulen - albern.
Eine Familie aus der Nachbarschaft hat anfangs noch ihre Kinder aus dem Laptop gelassen, jeden Nachmittag, zum Spielen und Toben. Da hatten sie das mit der frischen Luft im Netz noch nicht geregelt. Einige Abende lang hörte man aus deren Rechner regelmäßig den Ruf: "Kinder, ab ins Web!" Nach ein paar Tagen sind aber auch diese Kinder einfach dringeblieben.
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Cyberfreaks wie Dietmar Dath behaupteten, die Versickerten seien im Netz "lebendig", Menschen, so frei, wie es sie auf Erden nie gegeben hat. ()
Eine merkwürdige Mischung aus Panik, Aktionismus und Erlösungshoffnung waberte um den Erdball. Bush wollte Truppen ins Netz schicken. Die Araber behaupteten, das Ganze sei eine Idee der Amerikaner und verhängten eine Fatwa gegen Bill Gates. Der war natürlich selbst längst weg. Der irre Lukaschenko drohte, alle Pipelines zu sperren, "wenn der schäbige Westen noch mehr weißrussische Bürger entführt". Aber eigentlich merkten alle sehr schnell, wie lächerlich diese weltanschaulichen Scharmützel waren.
Drinnen fanden sie raus, wie man Laptops von innen auf- und zumachen kann, das sah witzig aus, wenn in Internetcafés und Großraumbüros am Morgen die Bildschirme aufgingen. Wie in einer Feriensiedlung, in der gutgelaunt die Jalousien hochgezogen wurden. Wenn man sich an einen fremden Rechner setzte, musste man jetzt immer fragen, ob "einer drin ist": An den Computern, durch die schon mal jemand gesickert war, ging alles langsamer. So als säße der Versickerte da auf der Festplatte.
Womit wir bei der größten Frage wären: Wer ist das: "Sie"? Kann ich da drüben noch "ich selber" sein? Wird man zur Datei? Ein Haufen Pixel?
Es gab Hunderte Theorien, die heute ungelesen auf irgendwelchen Rechnern ruhen: die metaphysischen Erlösungstheoretiker behaupteten, dass die Versickerten sich im Netz in einer digitalen Ursuppe auflösten. Die Totalitarismusforscher behaupteten, das ganze Internet sei eine Art Supergulag. Ursula von der Leyen, der Kriminologe Christian Pfeiffer und Günther Beckstein sagten, das sei der endgültige Beweis für die Schädlichkeit des Internets.
Die Zeugen Jehovas standen mit ihren Broschüren vor Internetcafés und bewiesen schlüssig, dass das alles schon im Alten Testament stehe. Und Cyberfreaks wie Dietmar Dath behaupteten, die Versickerten seien im Netz "lebendig", Menschen, so frei, wie es sie auf Erden nie gegeben hat.
Wie auch immer, fest steht, dass das Netz täglich an Kraft zu gewinnen schien, je mehr drüben waren, desto mehr wurden rübergesaugt. Am Ende verschwanden die Leute völkerweise. Einige Wichtigtuer behaupteten, sie seien drüben gewesen und jetzt wieder hier. Sie widersprachen einander aber allesamt so eklatant, dass man sie belächelte wie diese Zausel, die von Ufo-Entführungen nebst Organentnahme faseln.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wo sind all die Amerikaner hin? Und: Neues vom Wetter: Warum Tom Buhrow kapituliert und an Jörg Kachelmann abgibt...
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![]() 16.03.2007 16:40:12 Staette: :] Ein Artikel zum Schmunzeln. Mehr soll er auch nicht sein, also ganz ruhig bleiben und nicht aufregen :] Ich sitze gerade in meinem Wohnzimmer und höre die Kinder auf dem Hof spielen. Wie jeden Tag, den ganzen Tag. Ich bin glücklich, denn ich erlebe gerade Realität; genau, wie die meisten anderen Menschen; bis eben auf einige Wenige, die es übertreiben. Diese Übertreibenden gab es aber zu jeder Zeit und zu jedem Thema. Also: Weiter beobachten und schreiben und Wach werden, wenn es wirklich schlimm wird. Derzeit kann man aber noch beruihgt schlafen :] PS: Nur weil ich Nachrichten nicht mehr auf Papier lese, sondern auf meinen 19zöller, und nur, weil ich beim Arbeiten auf einen 17zöller schaue und nicht auf einen umständlich auf Papier erstellten Teamplan, bin ich noch lange nicht versickert :] ![]()
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