Jah Wobble, Autor dieses Textes, vollzog die Wandlung vom Punk-Bassisten zum mittelständischen Unternehmer. Und als solcher meint er nun: Endlich Chef - für eine Hand voll Koks!
Das ist der Autor unseres Textes, der darin von sich selber sagt, dass, "darauf lege ich Wert, immer noch blendend aussehe und einen verführerischen Körper besitze."
Jah Wobble war Gründungsmitglied der Popgruppe „Public Image Ltd“. Außerdem etablierte er sich als Pionier einer elektronischen Weltmusik und vollzog die Wandlung vom Reggae-Fan und Punk-Bassisten zum mittelständischen Unternehmer.
Um gleich zu Beginn mit der Wahrheit herauszurücken: Der Niedergang der Musikindustrie ist mir ziemlich egal. Das war von jeher eine dumme und nicht sehr unternehmerisch betriebene Unternehmung. Der Untergang des Abendlandes rührt laut Musikindustrie von der technischen Möglichkeit her, von CDs beliebig viele Kopien herzustellen. Also sei es Zeit für das Ende der CD, hört man. Zeit für das Ende jedes Tonträgerformats. In Zukunft wird nur noch heruntergeladen. Gegen Gebühr. Klar. Gute Neuigkeiten für Rechteinhaber (Musikverleger war schon immer ein Traumjob). Schlechte Neuigkeiten für Schallplattenfirmen.
»Den Label-Chefs perlt der Angstschweiß auf die Liste mit den Chartspositionen.«
Zudem erweist sich das Publikum als treulos und gemein: Plötzlich will keiner mehr die Musik großer Stars haben, die einst Zillionen Tonträger verkauften.
Heute ist es fast normal, dass selbst große Fische von ihren enttäuschten Labels über Bord geworfen werden, von kleineren und noch kleineren wie Meinereiner ganz zu schweigen – dazu gleich mehr.
Vorher muss ich aber noch auf die zunehmende Verflechtung der Schallplattenfirmen mit Großkonzernen zu sprechen kommen. Folgendes Szenario: Die langjährigen Chefs großer Labels wie etwa Island Records haben eines Tages keine Lust mehr und verkaufen beispielsweise den Laden an die Polygram.
Die wiederum wird mit Universal zusammen gelegt, ein Zusammenschluss, an dem dann ein Schnapsbrenner wie Seagrams Interesse zeigt, doch der ist plötzlich Teil von Vivendi geworden.
In diesem Szenario behält die kleine, aber feine Firma, von der am Anfang die Rede war, für eine Weile ihre Unabhängigkeit, aber schon bald müssen die Verantwortlichen feststellen, dass sie mit ihren Zahlen vor den gestrengen Augen der Aktienbesitzer der Muttergesellschaft und deren Buchhalterheerscharen bestehen müssen.
Da reicht ein bescheidener Gewinn von 500000 Pfund schnell nicht mehr aus. Die Analysten hatten mehr erwartet. Den Label-Chefs perlt der Angstschweiß auf die Liste mit den Chartspositionen. Da werden Köpfe rollen. Und nicht nur Künstlerköpfe. Schlechte Stimmung überall. Depressionen. Womit wir wieder bei mir sind. Mein einziges Interesse an der Musikindustrie war deren Geld. Geld, um Schallplatten machen zu können.
Früher war das einfach. Man ging mit ein paar Entscheidungsträgern essen, war höflich, sagte Sätze wie „Sie haben Recht, meine früheren Platten waren zu unkommerziell“, und das war’s. Ich versicherte jedes Mal, wie dankbar ich sei, dass endlich jemand meine Karriere in Schwung bringen will. Und dann zog ich ab, tat was ich wollte, und heraus kam wie immer eine Platte, die weltweit zwischen 5000 und 15000 Stück verkaufte.
Für den Leser und den Manager einer Plattenfirma hört sich das nicht nach besonders viel an, aber wenn man sich vorstellt, man müsste auf jeden Käufer mit einem Stock zeigen, da würde man doch einen ganz schön steifen Arm kriegen.
»Wenn ich mich in den Räumen der Plattenfirma blicken ließ, wurde ich wahrgenommen wie ein ungebetener Zeuge Jehovas vor der Haustür. «
Alle paar Jahre führte ich solche Gespräche mit Plattenfirmenmenschen. Dabei entfuhr mir immer öfter ein verräterisches Lachen.
Um 1996 herum zeichnete sich ab, dass alle meinen Trick kannten und dass ich auch nicht mehr der Jüngste war (wobei ich, darauf lege ich Wert, immer noch blendend aussehe und einen verführerischen Körper besitze). Mir ging es besser als vielen Kollegen: Ich stand immer noch bei Island unter Vertrag. Ich hatte ein erfolgreiches Album abgeliefert, allerdings gefolgt von einem kommerziellen Desaster.
Dann drehte ich ihnen gleich drei Platten im Paket an, eine inspiriert von William Blake, ein Requiem und eine mit keltischen Barden. Wenn ich mich in den Räumen der Plattenfirma blicken ließ, wurde ich wahrgenommen wie ein ungebetener Zeuge Jehovas vor der Haustür. Ich hatte Verständnis dafür. Meine Verantwortungslosigkeit gefährdete ihre Arbeitsplätze. Wenn ich meinen Vertrag freiwillig löste, würde man mir mein eigenes Label finanzieren? Nein. Ich erwähnte die Möglichkeit einer einseitigen Kündigung von meiner Seite. Die Jungs und Mädels in der Plattenfirma fielen sich um den Hals: Innerhalb von 14 Tagen war ich ein freier Mann – so schnell hatte noch nie eine Plattenfirma auf irgend etwas reagiert. Wäre ich anfällig für paranoide Wahnvorstellungen, so hätte ich meinen können, man freue sich über meinen Abgang.
Ein eigenes Label: Mir war schon immer klar, dass es in meinem Fall darauf hinaus laufen würde. Vor zwanzig Jahren hatte ich – eigentlich unfreiwillig – herausgefunden, dass man eine Platte für ein Taschengeld daheim im Kämmerchen aufnehmen kann. Hier ein paar Pfund für eine Studiosession, dort ein paar Pfund fürs Mastern, dann 2000 Stück pressen lassen, Stückpreis 35 Pence, so ging das. Die fertigen Platten holte ich eigenhändig ab und fuhr sie in die in Frage kommenden Läden. Da blieb ein netter Batzen Geld übrig. Wir sprechen hier von den frühen Achtzigern, als so ein Batzen für ein Gramm reines Kokain, zwei Rückflugtickets nach New York mit der Concorde und einen Ford Capri reichte. Und es war noch immer Geld übrig. Leider habe ich das restliche Geld nicht klug angelegt, sondern meinem Stammpub zukommen lassen.
Mein Label nannte ich 30 Hertz. Inzwischen sind gut 20 Platten dort erschienen. Ein einträgliches Geschäft. Allerorten werden jetzt Paketlösungen angeboten. Ein Anruf genügt. Oder ein Klick. Irgendwo brennt jemand meine CDs, presst die Platten, macht die Cover, steckt sie in Hüllen, liefert sie aus. Der Vertrieb ist nach wie vor die größte Problemquelle, aber es geht immer irgendwie. Manchmal muss man seinem Geld hinterher jagen. Das gehört dazu. Ebenfalls dazu gehört der ständige Konflikt zwischen dem Bandleader, Musiker und Produzenten und dem Label-Macher. Das wirbelt einem die Gehirnhälftenzuständigkeit gehörig durcheinander, wenn man gerade an einer Melodie feilt und das Telefon klingelt und man die Preise von Tourneebussen vergleichen oder einen Deal mit einem griechischen Großhändler abschließen soll.
Aber der Spaß überwiegt. Und der Profit ist in Ordnung. Aber nur wegen des Geldes eine Plattenfirma zu gründen, ist absurd: Es gibt bessere Möglichkeiten, reich zu werden. Doch ich muss nicht mehr sieben Tage die Woche von früh bis spät schuften. Vorbei sind die zermürbenden Marathon-Sessions im Studio, um ja fertig zu werden. Alles hat ein menschlicheres Maß. Natürlich brauche ich Helfer, Angestellte. Doch es war eine Katastrophe, als ich kurz dachte, alles liefe gut und ich könne mich nun in mein Künstlereckchen zurück ziehen und ein sexy Chef-Dasein führen. Ich musste lernen, dass nur ich mich um 30 Hertz kümmern kann. Weil mir das Label am Herzen liegt. Und eine eigene Plattenfirma hat einem Künstler auch spirituell etwas zu bieten. Wie der alte Blake schon sagte: „Hol den Wagen, Harry.“ Pardon. Der falsche Alte. Wie also William Blake seinerzeit schon so richtig bemerkte, soll man sich sein eigenes System schaffen. Andernfalls ist man der Sklave im System eines anderen.
Für die Ewigkeit müsse man sich anstrengen, fordert Blake. Das tue ich. Falls aber eine große Plattenfirma dies liest, die meine Karriere in Schwung bringen will: Bitte rufen Sie mich an! Mein eigenes Label aber werde ich nie mehr aufgeben. Niemals nie nicht.
Übersetzung: Karl Bruckmaier

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