Ein Interview von Willi Winkler

Mit 15 trat er zum ersten Mal in einem Film auf und verließ danach sofort sein Elternhaus. Seitdem spielt er mit Vorliebe Außenseiter. Im Interview spricht der mit allen wichtigen Filmpreisen ausgezeichnete Schauspieler über Grenzen.

Jürgen Vogel

Jürgen Vogel erhielt zuletzt beim New Yorker Tribeca-Festival den Darsteller-Preis für seine Rolle in "Der freie Wille" (Foto: SZ)

SZ: Herr Vogel, hätten Sie auch so einer werden können wie der Vergewaltiger Theo Stör?

Jürgen Vogel: Ich würde es nicht so einfach ausdrücken, aber es gibt eine gewisse Parallele zwischen mir und den Biografien der Leute, die ich spiele. Ich deck halt ' nen bestimmten Teil ab, der nicht so häufig dargestellt wird. Es gibt nicht viele Schauspieler, die aus dem Milieu kommen, aus dem ich komme. Insofern bring ich halt auch was mit.

SZ: Und es geht auch nicht verloren?

Vogel: Es geht nicht verloren, weil ich mich nach wie vor dafür interessiere. Ich versuche daraus zu schöpfen und verschwende keine Energie darauf, so zu tun, als wäre es nicht so gewesen. Viele Schauspieler haben diesen Bildungskomplex und wollen Akademiker spielen.

SZ: Heiner Lauterbach als Professor im "Campus" - das war eine Lachnummer.

Vogel: Heiner hat das sicherlich nicht deswegen getan, aber es gibt da so 'ne Tendenz, sich mit Rollen zu schmücken, die einen besseren Status haben als der eigene.

SZ: Habe ich noch gar nicht dran gedacht.

Vogel: Die Gesellschaft wird darauf getrimmt, nach oben zu gucken. Wir haben immer Geschichten von Ärzten und Anwälten, es geht um alten Familienbesitz, um Firmen, die seit Generationen gehalten werden . . . Die Engländer lieben ihr Proletariat und schöpfen auch daraus. Das gibt's hier sehr, sehr selten.

SZ: Die Engländer haben Ken Loach.

Vogel: Klar. Den klassischen Arbeiterfilm gibt es in Deutschland gar nicht.

SZ: Was ist mit Wolfgang Becker?

Vogel: Gut, aber das ist 'ne absolute Ausnahme. "Das Leben ist eine Baustelle" war ein Anfang davon.

SZ: "Sommer vorm Balkon" geht auch in die Richtung.

Vogel: Das war's dann auch schon: Becker, Andreas Dresen, dann vielleicht Bernd Schadewald, aber wie viele solche Filme können die im Jahr produzieren? Dadurch, dass die Öffentlich-Rechtlichen angefangen haben, sich diesem Quotenkampf mit auszusetzen, hat das nachgelassen. Der Anspruch, zeitkritische Filme zu machen, wird immer mehr aufgegeben. Im Grunde haben wir auch gar nicht die Schauspieler, die da eingreifen könnten. Stell dir vor, du machst 'n Film über 'ne Baustelle und brauchst zwanzig Darsteller, die ernsthaft einen Hammer in die Hand nehmen sollen - versuch mal, das zu besetzen! Geh mal in die Schauspielschulen, wo sie fürs klassische Theater ausgebildet sind, such mal diese Gesichter, diese Lebensgesichter, diese geprägten Persönlichkeiten, such das mal!

SZ: Dafür können Sie fechten. Aber Sie haben das Spielen im formalen Sinn nicht gelernt.

Vogel: Ich hab's nicht in der Schule gelernt. Aber ich hab mit 15 angefangen und über 80 Filme gemacht. Eine bessere Schule kannst du nicht haben. Das ist wie beim Rennen. Wenn jemand zwanzig Jahre Rennen fährt...

SZ: ...ist er tot...

Vogel: Ich fahr die ganze Zeit Rennen. Andere sitzen irgendwo und theoretisieren: Wenn du in die Kurve fährst, musst du einen Gang runter, dann wieder Gas geben: Das ist für mich Schule.

SZ: Immer 180.

Vogel: Immer 180. Das war meine Schule, und ich hör das auch nicht auf.

SZ: Woher nimmt man mit 15 dieses Selbstbewusstsein, dass man von daheim abhaut, sich sagt, ich schaff das, und ich schaff das allein?

Vogel: Ich bin ein sehr sturer Mensch, glaube ich.

SZ: Aber auch das muss man lernen. Oder wurden Sie stur geboren?

Vogel: Nee, geboren bin ich so nicht. Da ist irgendwann was passiert. Ich hab generell schon 'n großen Trieb, Dinge anders zu tun, als man mir sagt, dass ich sie tun soll.

SZ: Und das war immer schon so?

Vogel: Mm. Immer schon.

SZ: Woher weiß man, dass da noch was Anderes ist?

Vogel: Das wusste ich nicht. Ich wollte unbedingt, dass es was Anderes gibt. Und als ich dann fast durch Zufall zum Film gelangt bin, hatte ich das Gefühl, ich bin da angekommen, wo ich hinwollte.

SZ: Haben Sie dann gleich gewusst, das mache ich jetzt?

Vogel: Ja. Ich wusste vom ersten Film an, das will ich machen, da will ich nicht mehr weg. Ich hab Richy Müller kennengelernt und bin in seine Clique gekommen.

SZ: War Richy Müller nicht der, der sich für die "Große Flatter" den Schneidezahn rausbrechen ließ?

Vogel: Ja, genau der. Richy war für mich ganz wichtig. Ich hab zwei Jahre mit ihm zusammengewohnt. Die Leute von "Rote Erde", das war meine Clique, das war für mich eine große Prägung, das proletarische Schauspiel. Gut, hab ich gedacht, da pass ich rein.

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