Von Maike Brzoska und Caspar Busse

Seit dem Kauf durch Holtzbrinck hat das StudiVZ ein Imageproblem. Jetzt bekommt die Online-Community Konkurrenz. Doch es bestehen auch Zweifel an Unabhängigkeit von Kaioo.

Die Szene könnte einem Videoclip von MTV entstammen. Zwei Hip-Hopper, der eine sonnenbebrillt, der andere mit Maske vorm Gesicht, rappen vor trister Kulisse: ein abgelegener Parkplatz, dahinter graue Lagerhallen. Feindbild ist keine andere Gang, sondern das Online-Netzwerk StudiVZ, im Video "StasiVZ" genannt.

Die Rapper namens Stasido MC rufen in dem auf Youtube veröffentlichten Filmchen dazu auf, zum neu gegründeten Konkurrenten Kaioo.com zu wechseln und erklären auch warum: "Erst verkauft StasiVZ meine Daten. Und am Ende wirfst du Holtzbrincks Kohle in den Arsch".

Die StudiVZ-Macher prüfen derzeit rechtliche Schritte gegen das Video. Dabei ist der von den Rappern verkündete "Krieg gegen StasiVZ" bislang nicht wirklich entfacht worden: 32.000 Nutzer haben sich bisher bei Kaioo registriert, StudiVZ , das zum Holtzbrinck-Konzern gehört, hat über 4,6 Millionen Mitglieder. Kaioo, seit November mit einer vorläufigen Beta-Version auf deutsch und englisch online, ist dem Konkurrenten recht ähnlich.

Nutzer erstellen eigene Profile mit Bussi-Fotos und jeder Menge persönlicher Angaben wie Ausbildung, Beruf, politische Einstellung, liebste Serien. Darüber hinaus gliedert sich Kaioo nicht nur landesweit, sondern auch in Subnetzwerke wie Stadt, Uni oder Arbeitgeber. Geflirtet wird über eine sogenannte Matchingliste, die man sich beim Google-Netzwerk Orkut abgeschaut hat und in Brasilien zurzeit der Renner ist.

Kaioo soll dem StudiVZ die Nutzer abluchsen. (Screenshot: sueddeutsche.de)

Hinter Kaioo steht die Toro gemeinnützige Stiftungs-GmbH aus Hamburg. Vertretungsberechtigt sind Thomas Kreye und Rolf Schmidt-Holtz. Keine Unbekannten: Kreye war früher bei Bertelsmann in der Unternehmensentwicklung beschäftigt. Schmidt-Holz war Stern-Chefredakteur, Bertelsmann-Vorstand und ist derzeit Chef des Musikkonzerns Sony BMG, der zu 50 Prozent zum Gütersloher Medienkonzern gehört. Bertelsmann und Holtzbrinck haben es auf jüngere Internet-Nutzer abgesehen.

Mit Bertelsmann habe Kaioo nichts zu tun, sagte Kreye der Süddeutschen Zeitung. Es handele sich um ein privates Engagement. Schmidt-Holtz stelle die Anlauffinanzierung von geschätzt 500.000 Euro zur Verfügung, Kreye seine Arbeitskraft, dafür erhält er zwar ein Geschäftsführergehalt, das betrage aber nur ein Bruchteil des Bertelsmann-Gehalts. Kaioo würde sich durch Spenden finanzieren, alle späteren Werbeeinnahmen sollen selbst gespendet werden, an wen, würden dann die Nutzer entscheiden. Auch ein Bertelsmann-Sprecher dementiert jeden Zusammenhang: "Wir haben nichts damit zu tun."

Dabei wird in einschlägigen Foren im Internet darüber diskutiert, ob Kaioo wirklich unabhängig ist. Auch Steffen Roski vom alternativen Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Marburg schließt nicht völlig aus, dass Kaioo nur "das Privatvergnügen einiger Bertelsmänner" ist.

Von Bertelsmann sei die Strategie bekannt, Konzerninteressen unter dem "Deckmantel der Gemeinnützigkeit" zu verkaufen. Die junge Generation, insbesondere Studenten, seien für Bertelsmann als Zielgruppe interessant, etwa um Marketingstrategien oder Ansprachen zu testen. Zumal habe Bertelsmann den Web 2.0-Hype im Gegensatz zu Holtzbrinck (Zeit, Handelsblatt) bislang verschlafen.

Gerüchte vermeiden

Zumindest kommt Kaioo zur richtigen Zeit. Viele StudiVZler waren ohnehin schon verärgert über den Verkauf der Plattform Ende 2006 den Holtzbrinck-Verlag. Der will vor allem mit personalisierter, auf einzelne Nutzer zugeschnittene Werbung Geld verdienen. Um das rechtlich möglich zu machen, wurden die Mitglieder von StudiVZ im Dezember vergangenen Jahres aufgefordert, den neuen Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) zuzustimmen.

Tun sie das nicht, würde ihr Profil gelöscht, wurden sie informiert. Nach massiven Protesten wurden die AGBs jedoch wieder entschärft. Danach ist Werbung per SMS nicht mehr möglich, die Nutzerdaten sollen nach Ende der Mitgliedschaft bei StudiVZ gelöscht werden. Personalisierte Werbung sei aber weiterhin möglich.

Das soll es bei Kaioo nicht geben. Als "gemeinnützig, demokratisch und unabhängig" beschreibt sich die Plattform selbst. Es gehe nicht darum, Werbeeinnahmen zu maximieren, sagt Kreye.

Das umstrittene Video der beiden Rapper passt da nicht unbedingt ins Bild.
In einem Kaioo-Forum distanziert sich Kreye denn auch davon: "Nur vorweg um Gerüchte zu vermeiden: Wir (kaioo.com) haben das nicht eingestellt."

(SZ vom 28.01.2008/woja)

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Leserkommentare (4)



29.01.2008 16:00:02

junfun:

@telefonterror

Nicht ganz richtig, kaioo will sich über Spenden von Privatpersonen und Unternehmen finanzieren, genau wie Wikipedia. Da das Gehalt der beiden Mitarbeiter unabhängig von den Einnahmen ist, strebt kaioo also nicht nach Gewinnmaximierung und ist eher am User selbst interessiert. Außerdem wird kaioo vollkommen Transparent sein. Also mit xing, flickr, studivz, picasa oder wie der ganze community netzwerk sch... sich sonst noch schimpft nicht zu vergleichen ;)


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