Nicht rauchen, nicht saufen, glücklich sein. Laut einer Harvard-Studie entscheidet die Einstellung über das persönliche Wohlbefinden - eine Formel gibt es leider nicht.
Was will uns dieser Glückskeks sagen? Vielleicht, dass es die eine Glücksformel eben doch nicht gibt, wie die Glücksforscher der Elite-Universität Harvard nach 70 Glücksformel-Forschung herausgefunden zu haben glauben. Foto: dpa
Selbst im antiken Rom kann es nicht so gebildet zugegangen sein wie im Boston des 17. Jahrhunderts. Kaum waren die Pilgerväter gelandet, eröffneten sie eine Hochschule, in der in Wort und Schrift Latein getrieben wurde, dazu selbstverständlich Griechisch und Hebräisch. Die Luft, kann man sich vorstellen, hallte an der Küste Neuenglands wider von rhetorischen Ereiferungen und biblischen Dialekten. Die Universität Harvard, die älteste auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten, war 1636 von den Puritanern gegründet worden, die drüben in Schottland nicht mehr sein durften und den Weg zu Gott jetzt in der Neuen Welt suchten.
Mit den alten Sprachen wurde Harvard die Pflanzstätte des entstehenden amerikanischen Bürgertums. Nirgends sonst war so viel Bildung, aber auch so viel Reichtum versammelt. Hier studierten nicht nur die künftigen Prediger, sondern die kommenden Staatslenker und nachwachsenden Söhne der Plantagenbesitzer und Baumwollspinner, die bald den Kontinent mit Eisenbahnen überziehen und auf ihren Schiffen mit der ganzen Welt Handel treiben sollten.
1938, als die große Wirtschaftskrise langsam zu Ende ging, verfiel Arlie Bock, der Leiter des Gesundheitsdienstes in Harvard, auf die glückliche Idee, sich ausnahmsweise nicht um die Kranken, sondern um die Gesunden zu kümmern. 268 gesunde, stabile, in jeder Hinsicht normale Studenten wurden ausgewählt und fortan ebenso gründlich wie regelmäßig untersucht.
Die Probanden mussten sich allerhand gefallen lassen: Sämtliche Organe wurden fortlaufend überprüft, von der Milchsäureproduktion bis zur Penislänge wurde alles gemessen, was sich messen ließ. An den Teilnehmern wurden die ersten Enzephalographen ausprobiert, Hirnströme wie Herztöne aufgezeichnet, Blut-, Stuhl-, Urinproben genommen, bewertet, abgelegt und zu Hause wurde schamlos nachgefragt, wie lange der Kleine ins Bett gemacht oder wann er zu masturbieren angefangen habe.
Ein Kaufhausbesitzer namens W.T.Grant finanzierte das Unternehmen, bei dem es ganz banal um das Glück ging. Worin besteht es? Was braucht es dazu? Kann es verstetigt, kann es hienieden überhaupt gefunden werden? Denn diese Möglichkeit hätten die frommen Pilgerväter nicht einmal zu denken gewagt; erst der von der französischen Aufklärung infizierte und deshalb weit großherzigere Thomas Jefferson dachte hundert Jahre später das Streben nach Glück als Verfassungsziel einem jeden freien Bürger zu. (Die Schwarzen, nein, die waren seinerzeit noch keine Bürger, und die Armen natürlich auch nicht.)
Der Impuls der Grant-Studie stammt aus den mechanistischen dreißiger Jahren, als selbst Wissenschaftler glaubten, die chronische Unvollkommenheit des Menschen wie in einer Werkstatt reparieren zu können. Diese einzigartige Untersuchung hat jedoch den Behaviorismus überstanden, den schlimmsten Soziologismus, die Elektroschocktherapie, die Wiederkehr der Genetik, und sogar den zeitweiligen Sponsor Philip Morris (dem zuliebe einmal vorwurfsvoll gefragt wurde, warum man nicht rauche). Für das Glück oder wenigstens das Wohlergehen sei nicht die Herkunft entscheidend, meint, etwas arg schulgerecht, George Vaillant, der heutige Leiter des Grant-Projekts, sondern die Bildung. Nicht auf die finanzielle Möglichkeit, sich durch die Ausgaben für den Arzt stabil zu erhalten, komme es an, sondern auf die richtige Einstellung. Sie bewahre vor dem Schlimmsten, also vor Demenz, frühem Tod und allgemeinem Unglück. Deshalb: nicht rauchen, nicht saufen und wenn etwas abwehren, dann richtig.
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