Eine Branche im Jammertal: Im "Jahrbuch Fernsehen 2007" muss das TV-Programm viel Schelte über sich ergehen lassen. Es fehlt, so der Krankenbefund, an Kreativität.
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Heidi Klum wirbt nicht nur für McDonald's, sie moderierte auch eine heiß debattierte Sendung des TV-Jahres 2006: Stiften Shows wie "Germany's Next Top Model" Mädchen dazu an, sich krank zu hungern? Foto: AP
Als im Juli die Pro Sieben Sat 1 Media AG ankündigte, Stellen streichen zu wollen und Sat 1 sein Programm um die Sendungen "Sat 1 am Mittag" sowie "Sat 1 am Abend" erleichterte, ging ein Aufschrei durchs Land. Die Angst: Noch weniger Information im deutschen Fernsehen - und damit weniger Niveau?
Das war Wasser auf die Mühlen der öffentlich-rechtlichen Sender – irgendwie verschmutztes Wasser, mangelte es doch im Fernsehjahr 2006 an beiden Polen der dualen Medienwelt nicht an Produktionen, die Stirnrunzeln hervorriefen.
Und so macht sich auch im "Jahrbuch Fernsehen", das alljährlich vom Grimme-Institut, der Deutschen Kinemathek, der Funkkorrespondenz, dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik und dem Institut für Medien- und Kommunikationspolitik herausgegeben wird, viel Kulturpessimismus im Medienbereich breit. Das Jahrbuch versteht sich als "Trend-Barometer" und "Kompendium der TV-Branche" und als solches begnügt es sich nicht damit, den Sendern fehlendes Sendungsbewusstsein zu attestieren - sondern es versucht, im Angebot Perlen zu entdecken. Auch geht es um neue Möglichkeiten von Vermarktung und Verwertung.
Doch vor dem Lob kommt die Schelte. So stellt zum Beispiel der Kölner Medienprofessor Dietrich Leder in seinem Kommentar zum TV-Jahr 2006 in zehn Punkten fest: Die allgemeine positive Stimmung, beflügelt von Fußball-WM und wirtschaftlichem Aufschwung, sei "Autosuggestion" gewesen. Der Befund sagt: Es gab viele Wünsche, die sich nicht erfüllten.
Die Realität im deutschen Fernsehen sei, so Leder, programmgestalterische Hilflosigkeit und personelles Chaos. Es fehle den Öffentlich-Rechtlichen an einer gemeinsamen Strategie, "wie man die nächsten zehn Jahre unbeschadet überstehen soll".
Auf den Punkt gebracht schildert er die Konflikte der ARD mit sich selbst und mit dem ZDF, sowie den inhaltlichen Ausverkauf einiger Privatsender. So bezeichnete er das DSF in Anlehnung an "Help TV", das aktuelle Betätigungsfeld von Fernsehpfarrer Fliege, sogar wenig charmant als "Hilfekanal für den antriebsschwachen Mann".
Bis auf wenige Lichtblicke werden sämtliche neudeutsch "Fernseh-Events" genannte Produktionen verrissen. Bei seiner Verurteilung des "Eskapismus-Sonntag" (ZDF-Sonntagsfilm) und des "Degeto-Freitag" (ARD) spielt der Faktor, dass Fernsehen auch durchaus einmal der Flucht aus dem Alltag dienen darf, keine Rolle. Im Gegensatz zu manch bösartiger Castingshow gehen die angesprochenen Formate zumindest nicht auf Kosten der im Fernsehen zur Schau Gestellten und sich zur Schau Stellenden.
Lob gibt es für den mittlerweile ausgebooteten Fußballsender Arena und für die Hape-Kerkeling-Kunstfigur des "Horst Schlämmer", den Autor Leder treffend mit einigen Boulevard-Sportjournalisten vergleicht, die regelmäßig beim "DSF-Doppelpass" Fehlpässe produzieren. Als Leuchttürme der anspruchsvollen Fernsehunterhaltung macht er 3sat und Arte aus.
Weitere Themen des lesenswerten und streckenweise sehr emotionalen Jahrbuchs sind die Medien-Berichterstattung über den Krieg zwischen Israel und Libanon, die Auseinandersetzung der Medien mit dem Karikaturenstreit sowie die Stellung des Journalisten als Nachrichten- und Emotionsübermittler. Dieses Thema greift das Buch in einem seiner "10 Begriffe" des Fernsehjahres auf. Auch der "Leserreporter" gehört dazu.
Über diese Figur am Rande der Redaktionen schreibt Sabine Sasse in ihrem Essay "Schlacht der Weltenbilder": Zunehmend unselektierte Fernseh-Bilder führten dazu, dass der Journalist immer öfter mitten drin sei und versuche, das Geschehen um ihn zu beeinflussen. Nachrichten machen anstatt Nachrichten korrekt zu berichten - das sei ein Trend, den Sasse ausmacht und vor dem sie nicht zu Unrecht warnt.
In die gleiche Richtung geht auch der Kommentar von Harald Martenstein zum Umgang mit dem Geiselopfer Susanne Osthoff im Fernsehen und in der Presse: Journalisten seien eben "seit ein paar Jahren, keine Überbringer von Nachrichten mehr, wir verkaufen Emotionen, erzählen Geschichten, entwerfen Weltbilder, wir suchen nicht Distanz, sondern Nähe, wir vermengen das, was in den Zeitungen früher voneinander getrennt wurde". Seine Kritik ist eine von insgesamt 57 sehr lesenswerten Artikeln, die einzelne Sendungen des Jahres 2006 rückblickend beleuchten.
Hervorzuheben sind dabei Reinhard Lükes "Die Heidi-Show" über Heidi Klum und ihre Modelsuche. Der Text macht noch einmal deutlich, dass Emotionen die wichtige Triebfeder der Fernsehunterhaltung sind. Und er lobt die Arte-Sendung "Es war eine wunderschöne Nacht", in der prominente Kreative Zeit miteinander verbringen. Sie betrinken sich oder auch nicht, streiten, flirten – eben was auch der normale Nicht-Prominente so tun würde.
In den weiteren Essays zu Beginn des Buches werden Internet und Video-Portale als Existenzbedrohung vor allem für private Sender (Editorial von Petra Müller und Peter Paul Kubitz) oder als möglicher Rettungsanker zur Archivierung von gesellschaftlich wichtigen Fernsehinhalten ("Western von gestern" von Leif Kramp) thematisiert.
Werbe- und Vermarktungsstrategien werden bei Diemut Roether aufgegriffen. Imran Ayata beobachtet kritisch die Darstellung von Menschen mit Migrationshintergrund im deutschen Fernsehen. Mehr Mut zu Investitionen in Filmproduktionen fordert Alexander Kühn - und bedauert dabei, dass deutsche Umsetzungen von US-Serien und Filmen oft "mitleiderregend" daherkommen.
Eine Übersicht über sämtliche Gewinner deutscher Fernsehpreise und ein umfangreicher Serviceteil mit einem Überblick über Medienkonzerne, Daten zum Fernsehmarkt, sowie Verzeichnissen zu zahlreichen mit Medien assoziierten Unternehmen runden das Jahrbuch Fernsehen für diejenigen ab, die sich mit der Materie intensiver auseinandersetzen.
Bei den Top 50 der Fernsehergüsse 2006 wurden im Übrigen die ersten 14 - und insgesamt 29 von 50 Plätzen - von der Fußball-WM belegt. Als einziger privater Sender ist RTL in den Top 50 vertreten, und zwar ebenfalls mit einem WM-Spiel der Kicker.
Fussball ist eben, gleich nach dem Fernsehen, die schönste Nebensache der Welt.
(sueddeutsche.de)














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