Mein Dostojewski, meine Stones-Sammlung, mein Internetprofil: Wie Politiker sich im Internet verkaufen und woran sie scheitern.
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Lieblingsmusik: Jazz und Klassik, Lieblingsbücher: Die Vermessung der Welt, Drachenläufer, Die Blechtrommel... Von Frank-Walter Steinmeiers Interessen erfährt man im facebook-Profil. Foto: dpa
Es war nur eine beiläufige Geste. Bevor die junge Dame das Kleingeld aus ihrem Portemonnaie fischte, legte sie ein gewichtiges Taschenbuch auf den Tresen - Elias Canettis "Die Blendung". Solche Gesten sind die einfachste Form eines Snobismus, mit dem sich der moderne Mensch ein Kulturprofil schafft, aus dem sein Gegenüber nun Rückschlüsse auf die Persönlichkeit ziehen soll.
Ihre Wurzeln haben diese Gesten in der frühen Jugend, wenn die ersten Geschmacksbildungen noch Teil einer Suche nach der eigenen Identität sind. Popgruppen und Filme dienen da vor allem der Selbstbeschreibung. Der Schriftsteller Nick Hornby hat aus diesen Gesten einen ganzen Roman gemacht. In "High Fidelity" unterteilt der Held sein Leben und seine Mitmenschen mit Hilfe kurzer Hitlisten in überschaubare Stimmungsbilder und Persönlichkeitsprofile.
Es sind aber nicht nur Teenager und Popfans, die sich mit solchem Snobismus profilieren. Auch Weltpolitiker nutzen die Methode, um sich dem Bürger näher zu bringen. So erfährt man auf Frank-Walter Steinmeiers Webseite, dass er sich bei der Frage ob Beatles oder Rolling Stones, schon immer für die Stones entschieden habe. Das zeugt von Bodenständigkeit und Pragmatismus, weil der Blues von Jagger und Richards natürlich viel direkter zupackt als die verspielten Kompositionen von Lennon und McCartney. Aus seinem Profil im sozialen Netzwerk Facebook erfährt man zudem, dass der Kanzlerkandidat Daniel Kehlmanns "Die Vermessung der Welt", Khaled Hosseinis "Drachenläufer" und Thomas Manns "Joseph und seine Brüder" zu seinen Lieblingsbüchern zählt.
Das Problem mit Steinmeiers Kulturlisten im Internet ist allerdings, dass sie als bloße Behauptungen stehenbleiben. Das aber ist kein Problem des Kandidaten, sondern ein Problem einer Kulturlandschaft, die zunehmend in elektronische Kleingeräte verschwindet. Wie soll man seinen Kultursnobismus noch mit deutlichen Gesten beweisen, wenn die Musiksammlung auf der Festplatte eines Gerätes von der Größe einer Zigarettenschachtel verschwunden ist und nicht mehr für alle Besucher sichtbar in einem Regal steht? Mit den Büchern wird es bald nicht anders sein, weil der Chef des Internetbuchhandels Amazon, Jeff Bezos, gerade daran arbeitet, dass Literatur demnächst vornehmlich in praktischen Datenpaketen auf dem elektronischen Lesegerät Kindle verwahrt wird.
Da wird sich auch US-Präsident Barack Obama nicht mehr so dezent profilieren können. Der stellt seine Lektüre nämlich gerne ganz zufällig zur Schau. Das Onlinemagazin Daily Beast hat gerade zusammengestellt, was er seit Beginn seines Wahlkampfes so gelesen hat: Bücher über Abraham Lincoln und Franklin D. Roosevelt, einen Roman von Dave Eggers, Gedichte von Derek Walcott, politische Analysen von Thomas Friedman und Fareed Zakaria. Ganz klar - der Mann ist modern und konsensfähig.
Auf der Hitliste einer Webseite werden solche Kulturprofile jedoch immer wie die Selbstbeschreibungen in den Kleinanzeigen von Jugendmagazinen wirken - meine Hobbies sind Schwimmen, Lesen, Tanzen. Ausgerechnet den Teenies stehen da noch ein paar Mittel zur Verfügung, die sich dem Erwachsenen verbieten. Man will ja wirklich nicht, dass sich der Kandidat im T-Shirt seiner Lieblingsband zeigt oder sich Thomas Mann auf dem Lautsprecher seines Handys anhört. Das sind keine Gesten, sondern Posen. Da muss es dann schon ein Gemälde in der Amtsstube sein.
(SZ vom 12.08.2009/jeder)









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