Von Susan Vahabzadeh

Auf dem Weg zur Jahrhundert-Party: Ang Lees großartige Komödie "Taking Woodstock" huldigt der Lebensfreude und der Hippie-Zeit.

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Good vibrations: Kelli Garner, Demetri Martin und Paul Dano in Ang Lees "Taking Woodstock". (Foto: ap)

Weil die Wirklichkeit schon schlimm genug ist, haben die Menschen das Kino erfunden; und manchmal will man dort nicht den Seelenfunken analysiert sehen, der das Böse in die Welt bringt, manchmal muss das Kino die Schönheit der Welt zelebrieren. Und das kann dann vielleicht niemand besser als Ang Lee, der ein versierter Erzähler ist und ein grandioser Filmemacher, aber eben noch ein wenig mehr: Er hat die Macht über den anderen Seelenfunken, wer seine Filme sieht, bekommt leicht das Gefühl, das Kino als besserer Mensch zu verlassen.

Sein "Taking Woodstock", wie fast immer nach einem Drehbuch von James Schamus, basiert auf den Erinnerungen eines Mannes, der 1969, noch nicht ganz trocken hinter den Ohren, dieses Festival überhaupt erst möglich gemacht hat. Elliot Teichberg, im Film verkörpert von Demetri Martin, hat zufällig die Genehmigung für ein Konzert im Freien.

Und als sich die Nachbargemeinde erfolgreich gegen das heute längst historische Festival wehrt, lotst er es auf eine Kuhweide in seiner Nachbarschaft; so gerät er an Flower-Power-Konzertagenten mit Dollarzeichen in den Augen und wird zum Dorfaussätzigen, weil die alten Bauern um ihn herum fest davon überzeugt sind, dass Hippies nachts Kühe vergewaltigen.

Wie in allen guten Komödien speist sich auch in "Taking Woodstock" der Witz aus schrecklichen Dingen: Elliots Eltern sind kommunikationsgestörte Misanthropen, aber mit einer guten Entschuldigung - es sind aus Russland geflüchtete Juden. Das ganze Festival findet eigentlich aus dem falschen Grund statt - weil man auf das Geld scharf ist, dass es dafür geben wird. Und dann erlebt die Menschheit eine ihrer Sternstunden: Anderthalb Millionen Menschen sind gleichzeitig am selben Ort glücklich!

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Die Ästhetik der Sechziger (und vor allem der Woodstock-Dokumentation) übernimmt ganz langsam und augenzwinkernd diesen Film, mit Splitscreens und nachgestellten Doku-Sequenzen. Die schönste, aufwendigste ist eine lange und bekifft langsame Fahrt die Straße zum Konzert entlang, vorbei an fröhlichen Polizisten und seligen Blumenkindern, Vietnamdemonstranten und Predigern der freien Liebe. Diese Kamerafahrt, Elliot und überhaupt der ganze Film kommen beim eigentlichen Festival nie an - es bleibt, wie für die meisten Menschen, ein entferntes Leuchten in der Nacht, von dumpfen Klängen untermalt.

Ode an die Lebensfreude

Aber es geht eben auch nicht um ein Konzert. Gerade bei dieser Fahrt geht es um alles. Bei allem lustvollen Witz, dem Liev Schreiber als rosagewandete Transe von unendlicher Weisheit noch den letzten Schliff gibt, will Ang Lee zurück zu der Zeit vor dem Missverständnis, Freiheit hätte mit der Abwesenheit von Moral zu tun, nimmt - da ist er ganz nah bei Obama - den Glauben an Gemeinschaft und Veränderung bierernst. Auch wenn immer klar ist, dass der Glaube manche Berge nicht versetzen kann.

"Taking Woodstock" ist eine Ode an die Lebensfreude; und es ist faszinierend anzuschauen, wie das Körpergefühl von Ang Lees Hippies, den nackten und schlammbesudelten Leibern, immer mehr Form annimmt im Verlauf des Films, sichtbar wird, wie diese Menschen mit sich im Reinen sind. Das Casting war, sagt Lee, eine echte Herausforderung - er brauchte schließlich hunderte Statisten mit ungetunten Körpern und intakter Schambehaarung. Eine aussterbende Art.

"Taking Woodstock" endet mit einem kleinen Verweis auf Altamont, das Festival, das kurz darauf eben nicht friedlich verlief. Drei Tage anderthalb Millionen Menschen im Matsch und keine Schlägerei, sagt Ang Lee, das würde man heute wahrscheinlich nicht mehr hinbekommen. Aber "Taking Woodstock" huldigt dem Moment, in dem die good vibrations tatsächlich möglich waren - ein wunderschöner, sehnsuchtsvoller Film.

So fragil ist das Gewissen

Ansonsten geht es in den Wettbewerbsfilmen nicht um die wundersame Abwesenheit von Gewalt, sondern um ihre Entstehung - um eine Spirale der Gewalt in Johnnie Tos "Vengeance". Johnnie Hallyday kommt nach Macau und engagiert drei sympathische Profikiller, um die Mörder seiner Familie zur Strecke zu bringen - das ist kunstvoll inszeniert, mit dem Einfallsreichtum und Witz, dem Sinn für Choreographie, den Johnnie Tos Hongkong-Gangsterfilme haben. Mehr als das hat er aber auch nicht zu bieten.

Um die Fragilität des Gewissens, geht es in Brillante Mendozas "Kinatay" und Jacques Audiards "Un prophète", die beide dabei zuschauen, wie man aus einem normalen Jungen einen Schwerverbrecher bastelt. Audiards Malik ist ein halbes Kind, als er in den Knast kommt, ein unreligiöser Analphabet, der sich den Rassismus der Korsen um ihn herum nicht zu Herzen nimmt. Er muss morden, um zu überleben, und als das Gespenst, mit dem er fortan seine Zelle teilt, entschwindet, nimmt es alles, was ihn als Menschen ausgemacht hat, mit. Übrig bleibt ein kaltblütiger Mörder - der zwar an gar nichts mehr glaubt, aber das Gefängnis-Bildungssystem gut genug genutzt hat, um die muslimische Gemeinde im Knast zu seinen kriminellen Jüngern machen zu können. Audiards Film ist sehr musikalisch, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten mitreißend erzählt - so mitreißend, dass man immer wieder Maliks Empfindungen übernimmt, seine Angst und Wut und Freude.

Gerade im Vergleich dazu wirkt der philippinische Wettbewerbsbeitrag "Kinatay" wahnsinnig oberflächlich - ein junger Polizeischüler, der Frau und Kind mit kleinen Unterweltjobs ernährt, steigt in den Wagen seiner Gangsterchefs - General, Sergeant und Rommel genannt - und dann sehen wir fast in Echtzeit zu, wie er im Verlauf des Abends, nach leichtem Zögern, zum Co-Mörder wird. Erst am Ende, als die Einzelteile der Frau, die der Gangstertrupp vergewaltigt und ermordet hat, schon entsorgt sind, muss der Mordnovize sich erbrechen. Ansonsten bleibt diese krude Story emotionslos, mit einer enervierenden Geräuschkulisse heruntererzählt, und auch was die Bilder betrifft im Dunkeln, weil ja Nacht ist. Da kann man dann immerhin etwas lernen über Realismus im Kino: Eine nicht ausgeleuchtete Szene kann wesentlich surrealer wirken als ein gut erfundenes Gespenst.

(SZ vom 18.5.2009/bey)

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