Vincent van Gogh, der echte wohlgemerkt, soll in einem Filmschnipsel aus dem 19. Jahrhundert zu sehen sein. Zufällig sei er ins Bild geraten. So nimmt eine Ente ihren Anfang...

Der große Niederländer soll auch im Film Spuren hinterlassen haben - als Herr mit Hut, der am linken Bildrand unbeteiligt vor einer Kutsche herschlendere. ()

(SZ v. 06.08.2003) Was den Wissenschaftsseiten Nessie und der Politik die alljährliche Debatte ums Wahlrecht für Jugendliche, ist den Feuilletons Vincent van Gogh. Kaum ein Sommerloch schließt sich, ohne dass vorher neue Sensationen aus Leben und Werk des Niederländers verbreitet worden wären: neue Bilder oder falsche, neue Liebschaften oder alte, Rekordpreise, Diebstähle, Wiederentdeckungen auf dem Speicher.

Wäre das kurze Filmschnipselchen echt, um das es in diesem Sommer geht, so käme seine Entdeckung allerdings einer Sensation gleich. Die in einer niederländischen Privatsammlung gefundene Sequenz enthalte, so verkündete die in Tilburg residierende Produktionsfirma „Lumineus Film“, die einzig bekannte Filmaufnahme, die Vincent van Gogh zeigt – jenen Maler, der sich zum letzten Mal im Alter von neunzehn Jahren fotografieren ließ. Zwar tauchen regelmäßig weitere Aufnahmen auf, die ihn wahlweise mit Zylinder vor Windmühle oder auf einer Familienfeier neben der Regenrinne zeigen; die Echtheit dieser Bilder allerdings ist in aller Regel so zweifelhaft wie ihre Herkunft.

Einen entsprechend seriösen Hintergrund versucht „Lumineus Film“ ihrem Fund zu geben. Den Film, der am kommenden Wochenende uraufgeführt werde, soll ein Professor Vandeneijden gefunden haben, der an der Katholischen Universität von Leuven „Amateurfilmforschung“ betreibe. Sein Fachgebiet hätte ebenso aufhorchen lassen müssen wie die Aussage des gleichfalls zitierten „Bewegungswissenschaftlers“ Houdijk von der Freien Universität Amsterdam: Er will in der gefilmten Person zweifelsfrei van Gogh erkannt haben. Zu sehen sei der feierliche Einzug des neuen Pastors van Vessen 1890 in van Goghs Geburtsort Zundert. Van Gogh sei der Herr mit Hut, der am linken Bildrand unbeteiligt vor der Kutsche herschlendere – Vergleiche mit einem Selbstbildnis belegten dies zweifelsfrei. Der Maler lebte zu jenem Zeitpunkt allerdings längst in Auvers bei Paris, wo er sich im Juli 1890 das Leben nahm. Die Niederlande hatte van Gogh zum Zeitpunkt der angeblichen Filmaufnahme seit gut fünf Jahren nicht mehr betreten.

Der als seriös bekannten Deutschen Presse-Agentur (dpa), die das Bild bundesweit verbreitet, kamen offenbar trotzdem keine Zweifel. Dabei hätte ein kurzer Blick ins Geschichtsbuch gereicht: Im Sommer 1890 starb van Gogh, erst im Dezember 1895 aber führten die Brüder Lumière in Paris den ersten Film auf. Die angebliche Van-Gogh-Sequenz, auf die in den Niederlanden zahlreiche Medien hereinfielen, stammt tatsächlich aus einer fiktiven, augenzwinkernden Filmmontage, die „Lumineus Film“ für das am kommenden Samstag in Zundert beginnende Festival „Autour de Vincent“ produziert hat.

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