Mit Haarschleife und Kleidchen

Retro-Mode des Pop

- Sehnsucht und eine keusche Seligkeit

06.11.2009, 16:56

Seite 2 von 2

  1. Sehnsucht und eine keusche Seligkeit
  2. Mit Haarschleife und Kleidchen


Es sind jedoch nicht nur Hornbys Charaktere, in denen sich die Sehnsucht des Pop nach Bürgerlichkeit manifestiert. Es ist auch die Form. Hornbys Romane lesen sich so flüssig und charmant, dass sie regelmäßig einen Sog entwickeln, dem man sich nur schwer entziehen kann. Literaturkritikern ist dieser Sog oft etwas peinlich. Das Unbehagen ist berechtigt, denn Nick Hornby tut nichts anderes, als unter dem Deckmantel des hippen Pop, den Trivialroman der Nachkriegszeit wiederzubeleben. Es ist kein Zufall, dass Hornbys Hauptfiguren in Filmen von dackeläugigen Heinz-Rühmann-Gestalten wie John Cusack, Hugh Grant oder Peter Sarsgaard gespielt werden.

War dieses Formenzitat des Liebes- und Familienromans bei Hornbys "High Fidelity" 1995 noch ein exotisches Spiel mit Retro-Genres, so ist er heute längst der Pionier einer Bewegung, die solche trojanischen Pferde bürgerlicher Unterhaltungsformen zu Hauf im Kosmos des Pop platzieren. All die bejubelten Serien amerikanischer Kabelsender, die hierzulande so gerne auf DVD gesehen werden, "The Sopranos", "Six Feet Under" oder "Mad Men", sind Seifenopern mit Anspruch. Die ineinander verwobenen Handlungsstränge, in denen sich diese modernen Patchworkfamilien verstricken, funktionieren nach genau jenem Muster des charmanten Sogs, wie Hornbys Popromanzen.

Auch die Musik hat sich längst wieder in jene Zeit bürgerlichen Wohlgefühls zurückbewegt, als das Wirtschaftswunder schon in vollem Gange und die Umwälzungen der sechziger Jahre nicht mehr als ein gesellschaftliches Wetterleuchten waren. Was sind die elektronischen Klänge von Air, Röyksopp oder Kruder & Dorfmeister anderes, als Easy Listening, das als Klangfläche eine ganz ähnliche moderne Behaglichkeit erzeugt, wie einst die Bachelor Pad Music von Martin Denny und Eumir Deodato?

Sind die Wiedergeburten des Chansons und des Bossa Novas bei Benjamin Biolay und Bebel Gilberto nicht die gleichen Annäherungen des Bildungsbürgertums an die Geborgenheitsgefühle des Schlagers wie ihre Vorläufer Charles Aznavour und Bebels Mutter Astrud? Unvergessen die Szene aus der Filmkomödie "Get yourself a College Girl" in der Astrud Gilberto 1964 mit Haarschleife und Modellkleidchen neben Stan Getz in Strickjacke ihren Hit "Girl from Ipanema" singt und mit einem Augenaufschlag der zornigen Latin Music und dem subversiven Modern Jazz ihrer Tage jegliches Moment der Rebellion austreibt.

Nicht einmal die bildende Kunst bleibt vor dieser bürgerlichen Nostalgisierung bewahrt. Findet sich in der gefeierten Fotokunst von Vertretern der Düsseldorfer Schule wie Andreas Gursky oder Axel Hütte nicht die Landschaftsmalerei des Biedermeiers?

Doch es ist ja nicht nur die Sehnsucht nach Bürgerlichkeit, die in diesen Formen und Motiven steckt. Sicher mag die Lebensmittenkrise so manchem 40- oder 50-Jährigen den Spass an der Plattensammlung vergällen, wenn er des poststudentischen Lebens in gemieteten Altbauwohnungen und freischaffenden Karriereschwankungen überdrüssig ist. Das allerdings ist nur das vordergründige Unwohlsein, hinter dem sich eine viel tiefgründigere Sehnsucht verbirgt. Denn die Ordnung der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre, die sich im moralischen Weltbild der Hornby-Roma genauso findet, wie in den Company Men und ihren Suburban Wives aus der Serie "Mad Men" und dem Neo-Bossa von Bebel Gilberto, ist letztlich ein überschaubares Weltbild, gegen das man gezielt rebellieren kann.

Nach Paris durchbrennen

Es ist kein Zufall, dass "Juliet, Naked" im Subtext auch ein Manifest gegen das Internet ist, das Hornby als bodenlosen Abgrund beschreibt, der jede menschliche Regung, jeden klugen Gedanken, jede Form von Kreativität im Nichts eines unüberschaubaren Netzwerkes aus Halbherzigkeiten verschwinden lässt. Es ist nicht die Ordnung als Sinnstifter, nach der sich diese Popkultur sehnt, sondern nach der Ordnung als ein klares Ziel für den Kampf. All jene Bedrohungen, die gerade die unsicheren Halbexistenzen der Generation Pop gefährden - die Wirtschaftskrise, die Überteuerung der Städte, die Aushöhlung der Kulturgeschäftsmodelle, die ominöse Globalisierung - sind jedoch kontur- und gesichtslose Systeme ohne klare Angriffspunkte. Gegen Chaos rebelliert man nicht.

Gegen eine Ordnung der spießbürgerlichen Enge aber, kann man sich auflehnen, Grenzen sprengen, Tabus brechen. Ganz so, wie es die Einserschülerin Jenny in Hornbys erstem Drehbuch "An Education" tut. Die brennt Anfang der sechziger Jahre mit einem Verehrer nach Paris durch, um zu feiern. So einfach war der Aufstand damals. So einfach war das Leben.

(SZ vom 07.11.2009/iko)

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