Sie lieben Blockflöten-CDs, kosten Hunderttausende und trotzdem machen Kinder glücklich. Ein Plädoyer.
Ein Kind kostet hierzulande rund 500.000 Euro. Bis zu seinem bis zu seinem 18. Lebensjahr. Dann fängt das Studieren an.
Es ist merkwürdig, wie viele der Leute, die vor zehn Jahren schrieen, das Boot sei voll, jetzt darüber jammern, dass Deutschland bald aussehen werde wie die Steppe hinter dem Ural; irgendwo wird es dann vielleicht noch ein paar vereinsamte Greise geben, ansonsten aber wird es hierzulande leer und kalt sein. Der familienpolitische Diskurs hat oftmals einen merkwürdig völkischen Zungenschlag: Wir Deutsche sterben aus. Wir müssen den Bestand der bedrohten Art erhalten. Sonst ist das Boot bald so leer wie die Kassen.
Reproduktionsrate und wirtschaftliches Produktivitätswachstum scheinen in diesem anschwellenden Null-Bocks-Gesang längst zu Synonymen geworden zu sein. Inzwischen redet sogar Gerhard Schröder, der 1998 die Ministerin Christine Bergmann noch als "Fachfrau für Familie und das ganze andere Gedöns" vorstellte, davon, dass Familienpolitik ein harter ökonomischer Standortfaktor sei. Mag sein. Aber ob die Leute durch solch panischen Zeugungspatriotismus Lust auf Kinder bekommen?
German Angst macht unfruchtbar. Jedenfalls sprechen viele Indizien dafür, dass die Politiker und Medien mit ihren Bedrohungsszenarien alle potenziellen Eltern verprellen: Die neueste Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zeigt, dass 62 Prozent der befragten Kinderlosen keine Kinder haben wollen, weil sie Angst haben, ihren derzeitigen Lebensstandard nicht mehr halten zu können. 40 Prozent sprechen sich gegen Kinder aus, weil sie glauben, Freizeit oder Beruf würden unter Kindern leiden (SZ vom 3. Mai).
Sie haben natürlich vollkommen Recht. Man ist mit kleinen Kindern ein chaotischer Kleinbetrieb, der irgendwie am Laufen gehalten wird. Man schläft ein paar Jahre lang schlecht bis gar nicht. Über die neuesten Filme und Bücher lässt man sich von kinderlosen Kollegen in der Kantine berichten. Und in Sachen gediegene Wohnungseinrichtung tröstet man sich inmitten umgekippter Bauklotzkisten mit dem Gedanken: Naja, wenn die mal aus dem Haus sind...
Ja, es gibt gute Gründe gegen Kinder. Die schrecklichen CDs von Rolf Zuckowksi mit der debilen Blockflötenmusik. Eine zehn Tage alte Birne in der Handtasche. Auswahlgespräche in Kindergärten. Und manchmal geheimnist man in das Akademiker-Paar, das im Haus gegenüber in einer blitzblanken Küche ruhig beim Frühstück sitzt und die Zeitung liest, das totale Glück hinein.
Aber in Wahrheit sitzen die Kinderlosen bei ihrem frisch gepressten Orangensaft und lesen dazu in der Zeitung die neuesten Horrorartikel über die Familienpolitik und Deutschlands Zukunft: Studien belegen, dass die einkommensstärkeren Familien ihre Kinderkosten zu 100 Prozent allein tragen. Familien mit Kindern haben ein viel höheres Risiko zu verarmen als kinderlose.
Ein Kind kostet bis zu seinem 18. Lebensjahr 500 000 Euro.
Geht das kinderlose Paar ins Bett, hängen all diese Zahlen über ihnen: Lass uns bloß aufpassen, jeder Fehltritt kostet eine halbe Million. – Hat man unseren Eltern auch vorgerechnet, wie hoffnungslos teuer ein Kind ist? Da soll sich noch jemand darüber wundern, dass Akademiker keine Kinder bekommen.
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Das Leben der Anderen
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