Von Petra Steinberger

Wie Webtagebücher in Amerika Politik machen.

Sie sitzen vor ihren Schreibtischen, irgendwo in Amerika, das Gesicht bläulich schimmernd hinter der Brille, die inzwischen nötig geworden ist - ständig vom Bildschirm zu lesen, ist anstrengend.

Doch durch die Brille, in ihrem Computer, erkennen sie die Welt. Sie lesen für den Rest Amerikas. Sie lesen die Wahlkampfprogramme und Berichte sämtlicher Kommissionen und Gerichtsurteile und internationale Zeitungen, sie durchkämmen das Netz nach Fakten und Informationen.

Sie sind selbstlos und eitel zugleich und teilen uns ihre Gedanken zu dem, was sie entdeckt haben, sogleich schriftlich mit, nach der Formel "Web link + Zitat + Kommentar", wie sie irgendwann einer dieser einsamen Männer aufgestellt hat, der wohl immer noch irgendwo vor dem Bildschirm sitzt.

Und so schaffen sie das, was man einen "Blog" nennt, ein Web Log - ein Tagebuch im Internet. Mindestens einmal täglich werden solche Blogs mit den neuesten Statements ihrer Schöpfer versehen. Manchmal stündlich.

Wäre dies nur die ganz gewöhnliche Selbstentblößung einer Randgruppe verbaler Exhibitionisten, eine Selbstdarstellung, wie sie in jedem Medium auf seine Art üblich geworden ist, dann wären diese Blogs, dann wäre das "Blogging" nicht weiter erwähnenswert. Und dann wäre ein Titel wie der des US-Magazins Newsweek, "Werden die Blogs die Alten Medien vernichten?", höchstens kurios zu nennen, gewidmet einer jener endlosen Kommunikationsmoden, die das Internet immer wieder ausgestoßen und sogleich wieder verschlungen hat.

Ende der Alten Medien

Doch dass Blogs nicht mehr übergangen werden können, haben Amerikas Politiker, Demokraten wie Republikaner gleichermaßen, inzwischen eingesehen. Große Tageszeitungen leisten sich schon längst eigene Blogger.

Und auf den beiden großen Wahlversammlungen der Demokraten in Boston und der Republikaner in New York wurden in diesem Jahr zum ersten Mal Dutzende von Blogger akkreditiert; die Nachrichtenagentur AP schickt dafür gar einen Pulitzer-Preisträger der alten journalistischen Schule an den Computer.

In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob Blogs die Pixel wert sind, die über sie bereits ausgeschüttet wurden: Schon heißt es, dass sie die politische Berichterstattung, ja den gesamten Journalismus radikal verändern würden, dass sie ein neues, ein urdemokratisches Forum bieten würden, welches den allzu vielen passiven, desillusionierten Wählern wieder Lust auf Mitbestimmung und Demokratie machen würde.

Dass der Blog zu einem derartigen Ereignis wurde, kam vielleicht eher zufällig zustande - wie es manchmal passiert, wenn eine technische Innovation und ein historisches Ereignis, so wie Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks und Luthers Thesenanschlag in Wittenberg, zeitlich so zusammenfallen, dass daraus exponenziell mehr und qualitativ etwas ganz anderes entsteht.

Die neue Macht der Blogs

Diesmal war es die neue Form des Blogging, das mit 9/11 und dem Krieg gegen den Irak zusammenfiel: Aus vielen politischen unter den Blogs wurden damals "Warblogs", einige von ihnen stiegen aus der Bedeutungslosigkeit auf und hatten Hunderttausende von Lesern. Inzwischen glauben Liberale wie Konservative, dass Blogger, als Informationsvermittler wie als Meinungsmacher, einen ungewöhnlich großen Einfluss hatten auf die Wahrnehmung des Krieges, ja vielleicht sogar der gesamten amerikanischen Politik, so, wie es einst nur den etablierten, den "Big Media" zugestanden wurde. Zumindest erklären das diejenigen, die selbst bloggen.

So wie Glenn Harlan Reynolds, in seinem alten Leben Juraprofessor an der etwas abgelegenen Universität von Tennessee, ein begeisterter Verteidiger der Waffenlobby und nun mit seinem Web Log "InstaPundit" einer der Großblogger Amerikas.

Im angesehenen Politjournal National Interest verkünde er, man habe sich getäuscht, als man in der unschuldigen Zeit vor 911 dachte, die Hauptaufgabe der neuen Kommunikationstechnologien sei es, der Kontrolle von Regierungen über den Informationsfluss zu entkommen. Ganz im Gegenteil, "tatsächlich ist es zur Hauptaufgabe dieser neuen Technologien geworden, die professionellen Nachrichtenmedien zu umgehen und ihre Rolle als Gatekeepers zu unterminieren." Nicht die Regierungen werden entmachtet, sondern die Medien.

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