Christian Kortmann

Alle mal herhören: Das mit der beruflichen Zukunft könnt ihr komplett vergessen. Mehr als das ein oder andere unbezahlte Erfahrungspraktikum ist nicht drin. Seid froh: Auch das muss man sich leisten können.

Ein Chef, seine Praktikantin und ein klarer Fall von "Rankism": Bill Clinton, hier noch Präsident der Vereinigten Staaten, und Monica Lewinski im Jahr 1997 (Foto: ap)

Wieder mal wird eine Generation ausgerufen, nicht die Generation X, Y oder Z, nein, man hat das Alphabet längst durch und ist wieder beim Buchstaben P angelangt: Es handelt sich um die Generation Praktikum.

Die Zeit widmete ihr kürzlich das Titelthema, und anders als bei früheren Generationsbefunden ist der Begriff diesmal handfest und überfällig, denn er definiert nicht nur ein diffuses Lebensgefühl, mit dem sich über Lifestyle-Medien Produkte vermarkten lassen.

Es gibt immer mehr späte Berufsanfänger und ewig unbezahlte Praktikanten, Legionen von sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagenden kinderlosen Akademiker-Desperados, die zwar oft verzweifelt sind, sich dafür aber in den guten Momenten wie Bohemiens fühlen dürfen.

Fraglich ist, ob der Begriff die Öffentlichkeit so intensiv beschäftigen wird wie etwa der der Generation Golf, schließlich definiert er nur die Problematik einer diskriminierten Kaste, die keine Lobby hat.

Das Erfreuliche an dem Zeit-Schwerpunkt ist also, dass einer Gruppierung ein Forum gegeben wird, die sich schon damit abgefunden hatte, dass niemand ihre Nöte erhört.

Schließlich sind die Probleme der Generation Praktikum nicht existenziell: Unbezahlte Praktika muss man sich ja erstmal leisten können – wirklich dreckig geht es erst dem, der jeden Job annehmen muss.

So neigen die 30-Jährigen dazu, sich für ihr Klagen zu schämen, weil sie fürchten, dahinter stecke nur die eigene Larmoyanz. Die Unzufriedenheit ist aber berechtigt, wenn man den so egoistisch ausschweifenden wie geizigen Lebensstil der Älteren betrachtet: Geld sei keines da, einen Job gebe es auch nicht, das hört man meist von Leuten, die selbst einen gut dotierten Job haben, als solle man aus dem Arbeitsleben fern gehalten werden und bloß nicht auf die Idee kommen, Verantwortung übernehmen zu wollen.

Ein begriffliches Instrumentarium, um die eigene Lage transparent zu machen, ohne gleich als Horde ideenloser Jammerlappen und Versager dazustehen, gibt der Generation Praktikum der Physikprofessor Robert W. Fuller an die Hand. Der Amerikaner hat in seinem 2003 erschienenen Buch „Somebodies and Nobodies: Overcoming the Abuse of Rank“ die Theorie des rankism entworfen. Fuller zeigt, wie Menschen, die schwach sind, weil sie keinen offiziellen Rang innehaben, von ranghöheren Personen zwecks eigenen Machterhalts diskriminiert werden.

Jede Diskriminierung sei „ein Missbrauch der Schwachen durch die Starken“, so Fuller: „Analog zum auf Rasse oder Geschlecht basierenden Missbrauch wird der auf dem Rang basierende Missbrauch rankism genannt. Wenn man erst einmal einen Namen dafür hat, erkennt man rankism im Kern einer jeden Verletzung der Menschenrechte. Rankism ist die Wurzel jeder würdelosen Behandlung und Ungerechtigkeit.“

Fullers Analyse trifft auf die gegenwärtige Lage zu: Die Wehrlosigkeit mangels beruflichen Ranges ist es ja, der die Degradierung der Berufsanfänger zu Bittstellern und ihren Missbrauch als Gratis-Praktikanten ermöglicht. Laut Fuller ist rankism die große soziale Seuche der modernen Gesellschaften. Denn nicht nur die Nobodies leiden unter den Rangbarrieren, die ihr Tätigkeitsfeld streng limitieren sowie Einsatz und Qualität nicht belohnen: Modekrankheiten wie das Burn-out-Syndrom werden erst dadurch ermöglicht, dass jemand sich in seine Rolle als Somebody hinein steigert und in der Angst, wieder zum Nobody zu werden, seine Kräfte nicht vernünftig einteilt.

Die Gesellschaft, die den Mythos pflegt, Chancengleichheit für alle zu bieten, ist in Wahrheit besessen von Macht und Erfolg und lässt die Erfolglosen ihr Desinteresse spüren: Menschen fühlen sich wie Nobodies, wenn sie nichts zur Gesellschaft beitragen können.

Die Wohlstandssprösslinge der Generation Praktikum erfahren rankism kollektiv, indem sie von den Arbeitgebern als Verfügungsmasse behandelt werden. Dies findet Ausdruck in der demütigenden Haltung ihrer Arbeitskraft gegenüber: Wer nichts kostet, ist auch nichts wert.

Wenn ein begehrter Job zu vergeben ist, wenden sich die Arbeitgeber übers Internet an eine anonyme Masse, aus der sie per Rasterfahndung den „Wunschkandidaten“ heraus scannen. Dabei brüsten sich immer mehr Unternehmen wie früher nur Schauspielschulen mit der Anzahl der Bewerber für einen Job, um ihre Macht gegenüber dem Einzelnen zu demonstrieren.

So läuft momentan beim Goethe-Institut das Auswahlverfahren für das „Trainee-Programm Führungsnachwuchs“, ein Traumjob für all jene, die „irgendwas mit Medien und Kultur“ machen wollen. Man rechnet wie im Vorjahr mit über 3500 Bewerbern für 15 Plätze.

Bezahlte Arbeit wird zu einer geschlossenen Veranstaltung: 15 aus 3500, vielleicht sollte man doch mal wieder Lotto spielen. Das Wuchern mit den Zahlen erzeugt von Anfang an ein Klima der Einschüchterung: Du bist doch eh nur ein Dreitausendfünfhundertstelmensch!

Man mag sich gar nicht vorstellen, wie in den Interviews, Psychotests und Assessment-Centern herum gekrochen und geschleimt werden wird, was, das ist wissenschaftlich belegt, leider immer noch die erfolgversprechendste Methode ist, um an einen Job zu kommen.

Dem, der sich unter diesem Druck verbiegt, um endlich in Lohn und Brot zu kommen, kann man kaum keinen Vorwurf machen. Selbst für einen einfachen Job im „PR-Bereich“ suchen Unternehmen heute ihren „Wunschkandidaten, der besonders gut zu uns passt“. Als Berufsanfänger, der einfach endlich mal Geld verdienen will, kommt man sich da vor wie ein Möchtegernpopstar beim Casting, der es Dieter Bohlen in der Jury recht machen muss. Der Grundwert Individualität, oberste Maxime bei der Erziehung der Kinder der 68-er, wird karikiert, weil man sich nun auf einmal mental wie Daniel Küblböck einkleiden muss, um im Dauer-Casting Berufseinstieg erfolgreich zu sein: Nicht selbständiges vernünftiges Handeln ist gefragt, sondern die untertänige Erfüllung der Wunschkandidatenwünsche der arbeitvergebenden Entscheider.

Und Deutschland ist randvoll mit diesen Bohlen-Somebodies, was der erfolglosen Arbeitsplatzsuche dann zumindest einen erleichternden Aspekt gibt: Danke, dass du nicht mein Chef wirst!

Mag sein, dass in einigen Jahren auch die verzweifeltsten Vertreter der Generation Praktikum ihren Traumjob – und das heißt in diesen pragmatisch dürren Zeiten: irgendeinen Job – gefunden haben werden.

Für ein halbwegs gutes Benehmen könnte es hilfreich sein, sich dann an die Demütigungen zu erinnern, die man auf dem Weg dorthin erfahren hat.

SZ v. 09./10.04.2005

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