Von Gottfried Knapp

Er kreierte ständig Neues, zog sich immer wieder in die Stille zurück und gab sein Leben lang schöne Rätsel auf. Ein Nachruf auf Objektkünstler Robert Rauschenberg.

Der flüchtige Rückblick, zu dem man durch überraschende Todesnachrichten gezwungen wird, zeigt bei keinem Künstler des 20. Jahrhunderts eine ähnlich ungeheuerliche Vielfalt an bildnerischen Äußerungen wie bei Robert Rauschenberg. Dass dieser Proteus der Moderne 1949 am Black Mountain College in North Carolina Schüler des Bauhaus-Meisters Josef Albers war, kann man allenfalls an der Selbstverständlichkeit ablesen, mit der Rauschenberg von seinen ersten Arbeiten an die klassischen Bildkünste mischte und jenseits von Malerei, Graphik, Bildhauerei und Fotografie neue bildnerische Formen erprobte.

In den fünfziger Jahren, als sich in New York in spontanen Schüben nicht nur die Pop Art, sondern auch die verschiedenen Formen der Konzeptkunst, des Happenings und der Land Art zu formieren begannen, war Rauschenberg eine der vitalen Figuren, die in alle Richtungen gleichzeitig aktiv werden konnten und fast mit jedem Werkkomplex die Grenzen des Darstellbaren ein Stück weiter nach außen verschoben.

Es war um 1950, als Rauschenberg auf riesige Bögen von lichtempfindlichem Blaupausenpapier lebensgroß die Umrisse von menschlichen Figuren projizierte, also Lichtabdrucke herstellte, die das bis dahin streng begrenzte Fotoformat fast ins Beliebige vergrößerten und mit ihren präzisen anatomischen Andeutungen naturalistische Dimensionen in die Kunst auf Papier brachten.

Dingzitate aus der Wirklichkeit

Vor allem aber die Möglichkeiten der Malerei werden von Rauschenberg expansiv in die unterschiedlichsten Richtungen geweitet. In seinen Combine-paintings eroberte er den Raum nicht nur mit heftigen Pinselattacken, mit Collageelementen, unterschiedlichen Malgründen und plastischen Gegenständen, sondern mehr und mehr auch mit Dingzitaten aus der Wirklichkeit, mit Fotografien, Alltagsgegenständen, ausgestopften Tieren und Juxobjekten, die den Raum vor dem Bild in Anspruch nahmen und sich schließlich zu mächtig sprechenden Installationen aus Gefundenem und Gestaltetem verselbständigten.

Damit hatte sich Rauschenberg eine Freiheit im Raum der Kunst erobert, die auf Dauer hätte gefährlich werden können, doch er zog sich immer wieder in die Stille zurück, versuchte sich an Neuem und konnte so der Welt ein Leben lang schöne Rätsel aufgeben. In der Nacht zum Dienstag ist er im Alter von 82 Jahren gestorben.

(SZ vom 14.05.2008/ehr)

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