Von Henrik Bork

Mit 1001 Chinesen zur Documenta: Was Performance-Künstler Ai Weiwei da vor hat, dürfte eins der teuersten Projekte der Kunstgeschichte werden. Ein Interview.

(Foto: AP)

Der Pekinger Ai Weiwei hat sich als Architekt und Performance-Künstler einen Namen gemacht. Gemeinsam mit seinen Schweizer Kollegen Jacques Herzog und Pierre de Meuron hat er das Nationalstadion für die Olympischen Spiele 2008 in Peking entworfen. Für sein Projekt ,,Fairytale‘‘ wird er mit 1001 Chinesen zur kommenden Documenta reisen.

SZ: Sie wollen 1001 Chinesen zur Documenta mitbringen. Hatten Sie Angst, dass nicht genügend Zuschauer nach Kassel kommen könnten?

Ai Weiwei: (lacht) Ein wenig schon, ja. Zumindest Chinesen waren da bislang selten. Ich selbst war mal da, aber ich habe es nur eine halbe Stunde lang ausgehalten. Es war so anstrengend.

SZ: Wollen Sie Chinas Drängen auf die Weltbühne symbolisieren, nach dem Motto ,,Die Chinesen kommen‘‘?

Ai: Natürlich ist China heute weltweit ein großer Faktor geworden, im Guten wie im Schlechten. Aber internationaler Austausch findet oft nur zwischen Politikern oder Bürokraten statt. Ich wollte anderen Menschen eine Chance geben, die von Deutschland oder einem solchen Kulturereignis träumen. Nachdem ich auf meinem Internetblog schrieb, dass ich 1001 Leute mit nach Kassel nehmen will, meldeten sich in kurzer Zeit mehr als 3000 Interessenten. Es war nicht leicht, eine Auswahl zu treffen.

SZ: Was sind das für Leute, die jetzt nach Kassel kommen?

Ai: Bauern, Arbeiter, Lehrer, Studenten, Fischersleute, Polizisten, Köche, Gärtner, Kunstliebhaber, Architekten - die verschiedensten Menschen aus allen Teilen Chinas. Sie überraschten mich mit ihren vielen Briefen. Alle schrieben, dass sie Teil dieses ,,Märchens‘‘ sein wollten. Viele kommen aus abgelegenen Dörfern, kämpfen mit fast hoffnungslosen Lebensbedingungen. Die meisten dieser Menschen hätten sonst niemals die Chance gehabt, zur Documenta zu reisen.

SZ: Jetzt müssen diese 1001 Glückspilze ganz schön aufgeregt sein...

Ai: Ein Mann schrieb mir, dass er ,,ab heute mehr als hundert Träume‘‘ haben werde. Ein Mädchen schrieb, dass sie mitten auf der Straße vor lauter Freude in Tränen ausgebrochen sei. Viele sagen, dass diese Reise ihr Leben verändern wird. Sie schreiben mir über deutsche Poesie und Philosophie. Mir ist klar geworden, wie romantisch, sentimental, aber auch mutig die Chinesen sind.

SZ: Geht es Ihnen um die Konfrontation eines elitären Kulturbetriebs mit dem ,,prallen Leben‘‘?

Ai: Was mich an Kassel interessiert, ist, was dort mit einem 18-jährigen Mädchen passiert, das aus der Provinz Gansu im Nordwesten kommt, dort auf einem Feld Kartoffeln anbaut. Oder mit den Frauen einer Minderheit aus der entfernten Provinz Guangxi, die bisher nicht einmal eigene Namen hatten. Sie mussten sich welche geben lassen, für ihre Reisepässe.

Sie entdecken gerade, dass ein Name zu mehr zu gebrauchen ist, als sich damit vom Ehemann rufen zu lassen. All dies wird gerade von einigen der besten Dokumentarfilmer und Schriftsteller unseres Landes dokumentiert. Es ist dieser Prozess, der mich am meisten interessiert. Am Schluss treffen wir uns dann alle zu einer großen Party in Kassel.

SZ: Sie erwähnten den Nordwesten Chinas. Sie selbst mussten dort einmal leben, als Ihr Vater, der Dichter Ai Qing, von Mao in die Provinz Xinjiang verbannt worden war. Sie waren einer dieser vielen Chinesen, die nur vom Ausland träumen konnten. Wie viel hat diese Aktion mit ihrem eigenen Leben zu tun?

Ai: Sehr viel. Man behandelte mich als Kind wie ein Wesen auf der untersten Rangstufe aller menschlichen Existenz. Meine Familie wurde als ,,Feind der Partei, des Staates und des Volkes‘‘ gebrandmarkt, obwohl mein Vater nur ein Dichter war, der die Revolution unterstützt hatte. Ich hätte damals noch nicht einmal davon geträumt, unseren Ort verlassen zu können. Mit Hilfe des Internets und dieses Projektes gelingt es uns nun, auch solche Menschen zu erreichen. Selten war ich so freudig erregt über ein Kunstprojekt.

SZ: Der Frage, ob es wirklich Kunst sei, 1001 Chinesen in eine Ausstellung mitzunehmen, werden Sie wohl trotzdem nicht entkommen können.

Ai: Es ist Kunst, wenn man es Kunst nennt. Mein Traum war es, Menschen die Reise zur Documenta zu ermöglichen, die diese Möglichkeit sonst nie im Leben gehabt hätten. Das ist doch zumindest teilweise das, was Kunst bewirken kann: die Bedingungen für individuelle Aufklärung und Bewusstseinsbildung schaffen, die naivsten und einfachsten Fragen zu beantworten.

Es geht auch darum, Kunst erneut in einen kritischen Kontext zu stellen. Und das Ganze hat auch eine surreale Komponente. China ist für den Westen immer noch so etwas wie ein anderer Planet, und auch in China wird nicht wirklich verstanden, was im Westen passiert. Da dachte ich mir, ,,warum bringe ich die beiden nicht zusammen?‘‘

SZ: Wann kam Ihnen die Idee?

Ai: Ich wanderte gerade in den Schweizer Bergen mit dem früheren Schweizer Botschafter Uli Sigg. Uns kam eine Truppe von Touristen entgegen. Ich sagte zu meinem Freund, dass ich gerne ein- oder zweitausend Chinesen nach Kassel bringen würde. Er fand die Idee gut, aber schwer zu verwirklichen. Doch innerhalb kürzester Zeit hatten sich zwei private Stiftungen bereit erklärt, die nötigen drei Millionen Euro bereitzustellen.

SZ: Das dürfte eines der teuersten Projekte in der Kunstgeschichte sein.

Ai: Ich denke, einige von Christos Arbeiten waren teurer. Ich sorge mich mehr um die Logistik. Wir hoffen, dass alle rechtzeitig ihre Visa bekommen. Es ist auch eine große Herausforderung für uns, so viele Menschen in Kassel unterzubringen und zu versorgen.

Glücklicherweise ist auch der dortige Bürgermeister begeistert und hilft uns sehr. Ich habe eine ehemalige Fabrik von Volkswagen gefunden, wir werden dort einen Schlafsaal für die Männer, einen für die Frauen haben. Und es haben sich sehr viele Freiwillige gemeldet, chinesische Studenten in Deutschland, die uns helfen wollen.

SZ: Es sind bereits Befürchtungen laut geworden, Sie würden 1001 Chinesen im Gleichschritt durch Kassel marschieren lassen...

Ai: (lacht) Ich weiß nicht, was sie dort alles machen werden. Das plane ich nicht. Aber wir bringen unsere eigenen Köche mit. Als ich vor sechs Jahren selbst bei der Documenta war, floh ich nach einer halben Stunde in ein chinesisches Restaurant. Das Essen schmeckte, als sei es aus dem Weltall. Das war mein erster Eindruck von Kassel.

SZ: Werden Sie selbst mit dabei sein?

Ai: Ich werde dort als Friseur und als Koch arbeiten. Ich werde meinen Landsleuten die Haare schneiden und sie bekochen. Sie sind herzlich eingeladen, mit uns zu essen.

(SZ vom 3.4.2007)

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Leserkommentare (2)



03.04.2007 18:10:25

wernerhahn: „Alles-ist-erlaubt-documenta“ und Dada-Nachfahre Weiwei

Auf die Frage, “ob es wirklich Kunst sei, 1001 Chinesen in eine Ausstellung mitzunehmen“, antwortete Ai Weiwei im SZ-Interview: „Es ist Kunst, wenn man es Kunst nennt (…)“

Was wir zum „Märchen“-Projekt („Fairytale“) zu erwarten haben, ist

als „konzeptuelle Kunst“ eine Art von Nicht-Kunst und/oder Anti-Kunst:

Das Projekt passt in Buergels „Das bloße Leben“-Motto-Show , die auch Nicht-Kunst/„eat-art“ des Kochs Adrià zeigen will. Die Stiftungen Leister Foundation und Erlenmeyer Stiftung zahlen 3 Mio. Euro - eingefädelt durch den Luzerner Galeristen Urs Meile.

Bekannt geworden ist, dass Ai ein "F" auf seinem Hinterkopf stehen hat, das für sein documenta-Projekt "Fairytale" (Märchen mit 5 X 200 Chinesen) stehe. Aber es könnte auch "Fake" heißen, Fälschung, sagte Weiwei (HNA v. 27.03.07); wie der Name seines Ateliers. „Fage“ in der chinesischen Sprache kommt aus dem Englischen. Wir werden hierzu belehrt bei wikipedia (English; „The worst thing you can say to anyone“.) Die Frage sei erlaubt: Ist es dem OB Kassels, Kunst-Staatsminister Corts sowie Ministerpräsident Koch bekannt, was Ai Weiwei zur documenta meint: Im Internet finden wir ein provozierendes Foto-Werk mit aufgestelltem Hand-Mittel-Finger!

Ai Weiwei arbeitet als bekennender Nachfahre der Ready-made-„Anti-Kunst“ (Duchampismus) und der Dadaismus-Rebellion mit Anti-Kunst und Nicht-Kunst des Protests, Schocks, Skandals (scandal-art). Im Dada-Geist gestaltete Ai Weiwei auch das provozierende Foto-Bild vom aufgerichteten S(…..)-Finger: mit langem Arm über der Karlswiese (ohne die 3,5 Mio. teure abzureißende Buergel-Asphalt/Glas-„Kathedrale“), den S-Finger aufrecht in Richtung Orangerie. Legt Weiwei hiermit den Finger in eine offene Wunde?

Websites offenbaren Weiweis Verfilzung im Kunstmarkt (Galerien in Peking, Luzern, New York), die in Kassel durch Seilschaften ihre Krönung finden wird. Gefordert wird seit dem „Fall documenta“ (Prof. Friedhelm Hufen in Neue Juristische Wochenschrift 17/1997, S. 1112-1114, S. 1177) von politischen Amtsinhabern eine Transformation von der „Alles-ist-erlaubt-documenta“ zur „Beste-Gegenwarts-KUNST-documenta“. Hierzu das Modell einer emanzipierten „Hessischen documenta Akademie“ (HdA: Hessian documenta Academy). Mehr dazu unter www.art-and-science.de - Link PDF documenta 12 mit 7 Essays, documenta-Demokratisierung, Kunstbeurteilung-Kriterien. Der Zeitung „Shanghai Daily“ sagte Weiwei zu „Fairytale


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