helge schneider

"Ich finde mich überhaupt nicht tragisch." Foto: dpa

sueddeutsche.de: Sie haben ursprünglich angefangen mit Musik, und dann ist das Komische dazugekommen, oder?

Helge Schneider: Na ja. Ich habe mit sieben Jahren angefangen, Klavier zu spielen, aber ich wollte immer Clown werden. Ich habe damals bei meinen Eltern ein Buch gefunden über "Grock", den größten Clown aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit Fratzen. Das wollte ich auch machen. Der hat auch gute Musik gemacht, Flügel und Geige gespielt, da dachte ich: Wenn ich viel übe, kann ich vielleicht auch mal so was werden.

sueddeutsche.de: Es hat jemand über Sie geschrieben, Sie seien eine tragische Figur: ein außerordentlicher Musiker, aber erst durch den Quatsch zum Erfolg gekommen.

Helge Schneider: Komisch. Die Leute denken immer, wenn man andere zum Lachen bringt, müsste man insgeheim ein ganz schlimmes Erlebnis mit sich herumtragen. Ich finde mich überhaupt nicht tragisch. Ich kann einfach keinen ernsten Klavierabend geben. Das fände ich dann tragisch.

sueddeutsche.de: Eine Zeit lang haben Sie Filme gedreht, Musik gemacht, Bücher geschrieben und zahllose Auftritte auf der Bühne und im Fernsehen gehabt. Woher kam dieser Produktionsdrang?

Helge Schneider: Es gab mal eine Zeit, da habe ich sehr viel gemacht, und dann kamen noch Leute hinzu und fragten, ob ich nicht noch eine Platte mit ihnen aufnehmen oder einen Film machen will. Da habe ich nicht daran gedacht, wie viel Zeit und Aufwand das alles kostet. Der Hitler-Film zum Beispiel: Ich habe einfach diese Rolle gespielt, weil sie mir Spaß machte. Den Film fand ich dann nicht so packend, etwas verkrampft. Trotzdem war ich plötzlich der Einzige, der ständig von der Presse interviewt wurde.

»"Mit Qualität hat das gar nichts zu tun." «

sueddeutsche.de: Ihnen war gar nicht klar, dass es einen solchen Rummel geben würde, wenn Sie Hitler spielen?

Helge Schneider: Nö. Aber der Rummel ist dann losgegangen, und dann dachte ich mir: Da halte ich jetzt nicht meinen Kopf hin. Wenn ich etwas nicht gut finde, will ich das auch sagen. Aber aus Erfahrung wird man klug. Wenn mich jetzt jemand fragt, ob ich mit ihm eine Platte machen will, sage ich nein. Ich will im November doch lieber nach Spanien fahren, in Urlaub.

sueddeutsche.de: Also treten Sie jetzt kürzer?

Helge Schneider: Ja. Ich habe ja jetzt ein paar Kinder und sogar schon ein Enkelkind, und plötzlich merkt man: Du hast dein Enkelkind schon wieder drei Monate lang nicht gesehen.

sueddeutsche.de: Was für eine Fernsehwelt würden Sie Ihren Enkelkindern wünschen?

Helge Schneider: Ach, das Ganze ist einfach nicht so wichtig. Früher gab es nur drei Fernsehprogramme, da war das wichtig. Heute gibt es eine so große Auswahl. Ich bin so erzogen worden, dass es hieß: Mach die Flimmerkiste aus, die macht viereckige Augen. Und genau so sehe ich das heute.

sueddeutsche.de: Wie, Ihre Kinder schauen nicht "Marienhof"?

Helge Schneider: Oh Gott, oh Gott! Mir kommt es so vor, als wären diese ganzen Serien zum Transport von Tugenden wie Treue, Ehrenhaftigkeit und Liebe da. Aber eigentlich wird da immer nur gepetzt. Vor 40 Jahren sind die Jugendlichen aufgestanden, um gegen das Establishment zu kämpfen. Heute möchte man meinen, dass das alles umsonst war. Eben noch habe ich im Fernsehen eine 15-Jährige gesehen, irgendein Starlet aus den USA, ging mit ihrem Freund spazieren und verkündete: Wir in Amerika haben keinen Sex vor der Ehe. Diese verdorbene Scheiße wird uns um die Ohren gehauen! Das hat überhaupt nichts mehr mit dem lieben Gott zu tun. Das ist doch nur noch Business. Ich prangere das an.

sueddeutsche.de: Sie beklagen also die Spießigkeit, die an die Jugend herangetragen wird?

Helge Schneider: Ja.

sueddeutsche.de: Das ist das Eigentliche, das Sie am Fernsehen stört - nicht die Frage der Qualität.

Helge Schneider: Genau. Mit Qualität hat das gar nichts zu tun. Das Problem ist, diese Mentalität zu forcieren, die Spießigkeit ins Wohnzimmer zu bringen. Oft geschehen Dinge unter dem Deckmäntelchen der Liberalität, die gar nicht liberal sind.

sueddeutsche.de: Zum Beispiel?

Helge Schneider: Die amerikanische Präsidentschaftswahl. Das ist auch so eine Meinungsmache, Big Business. Die Kandidaten wollen nur ihre jeweiligen Lobbys bedienen. Da beginnt schon die Talfahrt in die Niveaulosigkeit. Trotzdem schalte ich da manchmal ein. Merkwürdig. Die Welt guckt auf Amerika. Wenn man aber öfter mit dem Taxi fährt und sich die Stimmen von normalen Leuten anhört, was die so denken über die Welt, dann bekommt man ein ganz anderes Bild als das, was man im Fernsehen sieht.

Der Agent öffnet die Tür. Normalerweise ein sicheres Zeichen, dass er zum Aufbruch drängt - oder dazu, das Gespräch zu beenden. Helge Schneiders Agent will aber nur sagen, dass die Sendung jetzt angefangen habe und er ruhig noch 40 Minuten weiter reden könne. Sein Auftritt beginne erst in 45 Minuten. Helge Schneider plaudert also noch ein wenig über seine Erfahrungen mit der Presse und schleicht schließlich gemächlich auf die Bühne. Nach den wortgewaltigen gesellschaftskritischen Auftritten von Urban Pirol, Georg Schramm, Florian Schroeder und Wilfried Schmickler setzt er sich ans Klavier und spielt ein endlos langes Lied fast ohne Worte. Er lächelt nur. Schramm bezeichnet Schneider noch als "seltsamen Mann" - doch das Publikum lacht bei Schneiders Auftritt am lautesten.

(sueddeutsche.de/korc/cmat)

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