Als Bonhoeffer im Gefängnis saß, entdeckte er das Thema Gott ganz neu. Bonhoeffer-Biograph Ferdinand Schlingensiepen erklärt, warum Bonhoeffer religiösen Worten zunehmend misstraute - nicht aber seinem Glauben.

Dietrich Bonhoeffer, London 1939 Foto: Chr. Kaiser/Gtl. Verlagshaus

Vor sechzig Jahren, am 9. April 1945, wurde Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg für seine Tätigkeit im Widerstand umgebracht.

Bonhoeffer war indes nicht nur Widerstandskämpfer, sondern auch Theologe - einer, der mit Kritik an der Kirche nicht sparte.

Schlingensiepen*) zeichnet in seinem Artikel die Entwicklung des Theologen Bonhoeffers in der Zeit des NS-Regimes nach.

Im Juli 1932 sagte Bonhoeffer bei einer internationalen Konferenz in der damaligen Tschechoslowakei: "Der Sieg der Hitlerpartei hätte unabsehbare Folgen nicht nur für die Entwicklung des deutschen Volkes, sondern auch für die Entwicklung der ganzen Welt."

Wie kam der damals 26-jähriger Berufsanfänger zu einer derart klaren Voraussage? Sie hängt eng mit seiner Theologie zusammen.

Der junge Bonhoeffer folgte dem Philosophen Kant als er provozierend feststellt: "Einen Gott, den 'es gibt', gibt es nicht!" Denn über alles, was "es gibt", könne der Mensch verfügen – und sei es nur in Gedanken; Gott aber sei nicht verfügbar.

Wenn wir über ihn nachdenken, kommt irgendetwas Menschliches dabei heraus, aber nichts Göttliches. Wir können über Gott nur etwas wissen, wenn er sich uns in einer Sprache offenbart, die wir verstehen können.

Kant unterschied zwischen Wissen und Glauben. Es gehe darum, was wir glauben dürften, auch ohne es beweisen zu können, und Bonhoeffer gibt ihm darin Recht.

Aber anders als Kant sagt er, das Gott sich finden lasse, denn er habe sich in Christus und den Worten der Bibel offenbart. Und zwar als ein Gott, der etwas fordert. Das ist ein erster entscheidender Beitrag des jungen Theologen zu der theologischen Debatte seiner Zeit.

Die entscheidende Frage

Bonhoeffer zieht daraus zwei Schlussfolgerungen: Die Theologie müsse einerseits die Bibel nach dem Willen Gottes befragen. Andererseits müsse der Theologe, ehe er redet, auch die Welt genau kennen. Die Verbindung von Gotteserkenntnis und Weltwirklichkeit verleiht Bonhoeffers Theologie von Anfang an eine politische Stoßrichtung.

So schreibt er wenige Wochen, nachdem Hitler Reichskanzler geworden war, den Aufsatz "Die Kirche vor der Judenfrage", weil er erkannt hat, dass sich an dieser Frage entscheiden wird, ob Deutschland eine zivilisierte Nation bleiben oder der Barbarei verfallen wird.

Darin fordert er dreierlei: Erstens müsse die Kirche den Staat fragen, ob das, was er tut, legitim sei.

»Es kann nicht die Aufgabe der Kirche sein, mündig gewordene Menschen mit einer Sprache zu überfallen, die sie weder verstehen noch gar sprechen können.«

Bonhoeffer

Zweitens sei die Kirche den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehörten.

Und drittens soll die Kirche, wenn sie erkennt, dass der Staat Unrecht tut, nicht nur die Opfer unter dem Rad verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen fallen.

Das wäre politischer Widerstand, und über den müsste ein evangelisches Konzil entscheiden.

Auf der Bedingung, dass hier nicht einzelne das Heft in die Hand nehmen solle, sondern dass die Kirche verpflichtet sei, das Gebot Gottes für die jeweilige Zeit zu erkennen und zu verkündigen, hat er lange bestanden.

Unermüdlich hat er die evangelische Kirche aufgefordert, ihre Angst vor dem Staat zu vergessen und politisch zu handeln. "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen", auch das ist ein biblisches Gebot.

Hitler, der sich in dieser Zeit noch ganz friedfertig gibt, steuert auf einen Krieg los. Bonhoeffer sieht das und drängt auf einer internationalen Konferenz 1934, dass die Kirchen der Welt die Nationen gemeinsam auffordern sollten, Frieden zu halten und alle Kriegsvorbereitungen zu ächten. Es dauert nicht lange, da wird er deshalb in Deutschland als Pazifist und Staatsfeind denunziert.

Gespaltene Kirche

1935 wird Bonhoeffer Direktor eines Predigerseminars, in dem Pfarrer der Bekennenden Kirche ausgebildet werden.

Die evangelische Kirche in Deutschland hatte sich 1933 gespalten. Es gab einen vom Staat mit allen Mitteln geförderten Teil, der bereit war, den christlichen Glauben mit nationalsozialistischen Ideen zu vermengen (die "Deutschen Christen"), einen anderen Teil, der das entschieden ablehnte und verfolgt wurde (die Bekennende Kirche) und einen dritten, der versuchte, sich aus diesen Auseinandersetzungen herauszuhalten (die sogenannten Neutralen).

Bonhoeffer war ein Vorkämpfer der Bekennenden Kirche. Aber deren Kampf war ihm in der Judenfrage und in der Friedensfrage nicht entschieden genug.

Er kommt im Verlauf schwerer Auseinandersetzungen zu der Überzeugung, die Kirche werde sich nicht für den Frieden einsetzen. Es müsse darum wenigstens ein Zeichen dafür gesetzt werden, dass Christen bei einem durch und durch ungerechten Krieg wie dem, den Hitler vorbereitet, nicht mitmachen dürften.

*) Ferdinand Schlingensiepen ist Theologe. Im Sommer wird seine Bonhoeffer-Biographie im Münchner Verlag C.H. Beck erscheinen.

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