Von H. Bork

Nur wenige chinesische Schriftsteller dürfen zur Frankfurter Buchmesse. Darunter auch ein Parteikader, der mit einem unappetitlichen Gedicht aufwartet.

Das offizielle China schickt in dieser Woche rund 100 Autoren auf die Frankfurter Buchmesse. Mit von der Partie: Wang Zhaoshan. Um ihn bahnt sich gerade eine neue Kontroverse an. Selbst in der offiziellen Delegation gibt es Unmut darüber, dass dieser Mann in Frankfurt mit dabei sein darf. Wang ist Vizevorsitzender des Schriftstellerverbandes der Provinz Shandong. Er ist also ein Kulturkader der Kommunistischen Partei - wie soviele der Chinesen, die eine kostenlose Rundreise nach Frankfurt ergattert haben. Wang schreibt aber auch fleißig Gedichte.

"Hätte ich doch nur einen Fernsehbildschirm vor meinem Grab / Um die Olympiade anzusehen und mit in den Jubel einzustimmen" Foto: dpa

Das offizielle China schickt in dieser Woche rund 100 Autoren auf die Frankfurter Buchmesse. Mit von der Partie: Wang Zhaoshan. Um ihn bahnt sich gerade eine neue Kontroverse an. Selbst in der offiziellen Delegation gibt es Unmut darüber, dass dieser Mann in Frankfurt mit dabei sein darf. Wang ist Vizevorsitzender des Schriftstellerverbandes der Provinz Shandong. Er ist also ein Kulturkader der Kommunistischen Partei - wie soviele der Chinesen, die eine kostenlose Rundreise nach Frankfurt ergattert haben. Wang schreibt aber auch fleißig Gedichte.

Nach dem Erdbeben in Sichuan erkannte die kommunistische Führung in Peking, dass sie mit einer Glorifizierung ihrer Rettungsmaßnahmen den Nationalismus im Volk weiter steigern kann. Schon die ersten Einheiten der Volksbefreiungsarmee, die das Epizentrum in Fußmärschen erreichten, hatten Kameramänner dabei. Während ihre Kameraden unter großen Gefahren Leben retteten, sorgten die Kameraleute für das Filmmaterial, aus dem anschließend ein "Heldenepos" nach dem anderen geschnitten wurde. Da wollten die örtlichen Schriftstellerverbände und auch Herr Wang nicht zurückstehen. Er veröffentlichte das folgende Gedicht:


Ein unter den Trümmern des Erdbebens begrabenes Opfer, dennoch alles erfühlend, was über ihm nach dem Beben vor sich geht, meldet sich mit folgendem Gedicht tief gerührt zu Wort:


Naturkatastrophen sind unvermeidlich

Wie könnte ich da über meinen Tod klagen

Der Parteivorsitzende ruft, der Ministerpräsident auch

Die Partei bemuttert, das Vaterland liebt mich

Ihre Rufe, Ton um Ton, dringen zu mir durch den Schutt

1,3 Milliarden Menschen weinen gemeinsam

Obschon nur noch ein Geist

So bin ich doch glücklich

Silberne Adler und Streitwagen retten kleine Kälbchen

Links der Onkel Soldat, rechts die Tante Polizistin

Die große Liebe der Nation erfahren habend

Bin ich selbst als Toter voller Zufriedenheit

Hätte ich doch nur einen Fernsehbildschirm vor meinem Grab

Um die Olympiade anzusehen und mit in den Jubel einzustimmen


Dieses ursprünglich am 6. Juni 2008 in den Qilu Abendnachrichten erschienene Gedicht sprengte sogar die Grenzen dessen, was die an schwülstige Parteipropaganda gewöhnten Chinesen ertragen konnten. Der populäre Jugendschriftsteller Han Han höhnte über das Gedicht auf seinem Blog: "Welch ein Glück, dass ich nicht dem Schriftstellerverband beigetreten bin!" Ein anderer Schriftsteller erklärte seinen Austritt aus der Sektion Shandong des Verbandes, weil er sich "schäme", möglicherweise mit Wang Zhaoshan in Verbindung gebracht zu werden. Selbst die englischsprachige China Daily distanzierte sich von Wang und seinem Gedicht, das sie "schmalzig und fürchterlich" nannte. "Verwandelt nationalen Schmerz nicht in eine Farce", stand als Überschrift über dem Beitrag.


Während sich viele chinesische Schriftsteller inzwischen erfolgreich von politischer Vereinnahmung befreit haben, während die chinesische Literaturszene viel pluralistischer geworden ist als zu Maos Zeiten, lebt die unrühmliche Tradition liebedienerischer Propagandaliteratur doch gleichzeitig weiter fort.


Wangs Auswahl für die offizielle Delegation ist ein Schlag ins Gesicht aller Kräfte der Modernisierung und des Humanismus in China. Während unabhängige Künstler wie Ai Weiwei in der Provinz Sichuan ihre Freiheit und ihre Gesundheit riskieren, um die Wahrheit über Pfusch am Bau, Korruption und die Mitverantwortung ihrer Regierung für den Tod von mehr als 5000 Schulkindern herauszufinden, präsentiert sich das literarische China in Frankfurt mit Schreibern wie Wang Zhaoshan, die sich mit solchen Auftragsarbeiten noch immer Macht, lukrative Posten und Auslandsreisen sichern können, von seiner rückständigsten und unappetitlichsten Seite.

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.234, Montag, den 12. Oktober 2009