Von Jan Philipp Reemtsma

Die westliche Welt muss die Zusammenhänge von Gewalt in der Moderne verstehen lernen. Denn nur durch Sensibilisierung lässt sich Barbarei verhindern. Grundzüge einer Theorie der Gewalt.

Jan Philipp Reemtsma Vertrauen und GewaltGrossbild

Jan Philipp Reemtsma: Im Februar erscheint sein neues Buch "Vertrauen und Gewalt". (Foto: dpa)

Es gibt eine Frage, die Sie alle kennen, und die Sie vielleicht auch von mir traktiert sehen möchten. Es ist die Frage, wie es denn möglich sei, dass "ganz normale" Männer - oder gar: "ganz normale Familienväter" - unvorstellbare Grausamkeiten begehen, sich an Massakern beteiligen, nicht nur andere Männer, sondern auch Frauen und Kinder töten, Menschen demütigen, foltern, im Namen der Wissenschaft zu Tode quälen. Diese Frage treibt uns um. Dennoch ist es eine alberne Frage.

Die Frage ist darum albern, weil die Antwort auf der Hand liegt: Wer denn sonst? Als Alexander Mitscherlich zusammen mit Fred Mielke über die Verbrechen der deutschen Medizin zurzeit des Nationalsozialismus geschrieben hatte, hielt ihm ein Ärztefunktionär vor, er denunziere die gesamte Zunft wegen ein paar verrückter Sadisten.

Rätsel Mensch

Mitscherlich antwortete, um Verbrechen dieses Ausmaßes zu verstehen, könne man nicht auf die Annahme zurückgreifen, sie seien von verrückten Sadisten begangen worden - so viele gebe es nämlich von dieser Sorte nicht. Und dasselbe kann man von den Verbrechen deutscher Soldaten in der Sowjetunion, von den Wachmannschaften in den deutschen Konzentrationslagern, von den Folterkommandos des NKWD oder moderner lateinamerikanischer Diktaturen sagen.

Um das zu wissen, braucht man nicht auf die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts zurückzugreifen. Wir können auf die Exzesse der französischen Armee in der Vendée sehen, wir können an die Greuel der spanischen Konquistadoren denken oder an die Massaker der römischen Soldaten in Gallien.

Das ist so; Menschen können das und tun es immer wieder. Menschen können auch Musik machen oder Bilder malen, und wenn wir das beobachten, fragen wir uns auch nicht, wie es denn bloß möglich sei, dass ganz normale Familienväter Klavier spielen. Und die Unterstellung, die in der Rede von den ganz normalen Familienvätern steckt, dass jemand, der über Tage Menschen quält, wenn er nach Hause kommt, das irgendwie im familiären Rahmen fortsetzen müsse, und wenn er das nicht tut, ein besonderer Erklärungsbedarf vorliege, ist ebenfalls nur albern und ebenso plausibel wie der Gedanke, dass ein Maler, der sein Atelier verlässt, zu Hause seine Kinder anmalt.

Wie ist Gesellschaft möglich?

Nein, die eigentliche Frage ist diese: Warum stellen wir uns hartnäckig eine so offensichtlich alberne Frage? Für die Antwort bedarf es einiger Überlegungen, die auf das Folgende hinauslaufen: Die Kulturformation, die wir "die Moderne" nennen - das heißt jene aus den Krisen des 16. und 17. Jahrhunderts hervorgegangene europäisch-atlantische Kultur - unterscheidet sich von anderen Kulturen dadurch, dass sie Gewalt unter einen besonderen Legitimationsdruck gestellt hat. Sie ist gleichwohl eine zumindest phasenweise extrem gewalttätige Kultur gewesen. Sie hat in diesem Spannungsfeld bestimmte Formen der Gewalt verleugnet, wegerklärt und verrätselt. Kurz: Die Frage nach den ganz normalen Familienvätern ist Ausdruck des Problems, das unsere Kultur mit der Kluft zwischen Norm und Wirklichkeit hat.

Um nun das Verhältnis der Moderne zur Gewalt genauer fassen zu können, muss ich einen theoretischen Exkurs einschalten. Wer sich in der soziologischen Theorieentwicklung ein wenig auskennt, weiß, dass in den letzten zehn Jahren ein Thema sehr viel Diskussionsraum gewonnen hat, das Thema "Vertrauen".

Über das Thema "Vertrauen" ist jene Grundfrage der Gesellschaftstheorie neu angesprochen worden, die bei Georg Simmel vielleicht am wuchtigsten formuliert worden ist: "Wie ist Gesellschaft möglich?" Dieselbe Frage hatte bei David Hume noch die Fassung erhalten, warum eigentlich die Gesellschaftsmehrheit der regierenden Minderheit auch dann folgt, wenn sie deutliche Nachteile davon hat.

Klassischerweise sind Fragen dieser Art beantwortet worden, indem man sich auf die "harten" Medien sozialer Kohäsion bezog: Macht, Herrschaft, Interessen - nicht zuletzt mit dem Hinweise auf die Gewalt, die eben "letztlich" hinter den Formen der Macht- und Herrschaftsausübung und dem Durchsetzen von Interessen stecke. Schon Hume erkannte, dass das wenig erklärt. Seine Antwort war: "opinion", was mit "Meinung" nur unbeholfen übersetzt wäre. Man muss wohl sagen: "Einverständnis", und im Vokabular gegenwärtiger soziologischer Theorie eben: "Vertrauen".

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wann Gewalt angebracht ist.

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Leserkommentare (1)



28.01.2008 17:47:33

filus: Danke , SZ , so eine feine Sache hier abzudrucken !...

... Könnten Sie häufiger tun !


1 Besucher hat diesen Kommentar bewertet



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