Noch nie konnte man eine potentielle Bedrohung so vom globalen Horizont auf sich zu rollen sehen, die steigende Zahl der Infizierten, die Pandemiestufen der WHO (1 bis 6), den Bodycount - schon 4 deutsche Opfer, schon 7, 11, 15, 23. Diese simultane Steigerungs- und Annäherungsbewegung wird von Zeitungen und TV-Sendern graphisch aufbereitet, dazu kommen die sogenannten Einzelschicksale.
Bild zeigte am 9. November das Bild einer 15-jährigen Schülerin, die an der neuen Grippe gestorben war. Bei einem Baby, das nach der Impfung starb, berichtete Bild in der vorigen Woche auch vom angeborenen Herzfehler des Kindes. Nicht immer aber werden in Medienberichten die Zahlen und Statistiken über die Grippe in einen Kontext gesetzt; nicht immer wird auf Vorerkrankungen der Opfer hingewiesen, dafür gibt es Lebensläufe und viele Fotos, die Homestory des Todes.
Die Gefahr bekommt durch die Opfer, die individuell vorgestellt und gezählt werden, ein Gesicht. Die Botschaft lautet: "Du kannst der Nächste sein!" Auch dieser Text ist Teil der thematischen Fixierung des Medienbetriebs. Journalisten schreiben über die neue Grippe, weil sie denken, dass es die Menschen interessiert und weil sie selbst an dem Thema interessiert sind. Aber sie schreiben auch darüber, weil andere darüber schreiben, und weil sie, wie der Medienforscher Hans-Matthias Kepplinger meint, die Blamage fürchten, wenn sie nicht mitmachen. "So kommt ein Rückkopplungsprozess in Gang, der sich hochschaukelt." Und wenn keine neuen Alarmmeldungen verfügbar sind, kommt es zu skurrilen Storys wie dem Agentur-Bericht über die Infektionsgefahr von Weihwasser oder dem Feature bei einem der vielen Internetportale: "Kranke Promis - klicken sie sich durch die Bildergalerie."
Der H1N1-Virus hat eine eigene Homepage. Unter www.neuegrippe.bund.de wendet sich das Bundesgesundheitsministerium mit Videos, Presseerklärungen und einer interaktiven Karte direkt an die Bevölkerung. Im Pandemieplan, den das Ministerium für die neue Grippe ausgearbeitet hat, findet sich zwar auch ein Abschnitt zu Kommunikation, aber selbst im Ministerium gibt man zu, dass der nicht "unbedingt auf die Wirklichkeit passt". Der Pandemieplan atme einen institutionellen Geist, sagt ein Sprecher, er stelle einen Informationsfluss von oben nach unten dar. "Wie man auf die dynamische und äußerst bunte Medienberichterstattung reagieren soll", so heißt es, "hat man sich nicht überlegt." Man sei wohl einfach davon ausgegangen, dass sich die Medien rational verhalten.
Im medizinisch-bürokratischen Komplex herrscht zwar auch keine absolute Einigkeit über zentrale Sachfragen wie Notwendigkeit und Unbedenklichkeit des Impfstoffs. Das "Impf-Chaos", das in unzähligen Artikeln und Sendungen angeprangert wird, ist aber zum großen Teil auch Produkt des Mediensystems selbst. Weil es einfacher, schneller und billiger ist, einen sogenannten Experten zu interviewen, als selbst Informationen zu sammeln und auszuwerten, sind die vielen Medienkanäle, Zeitungen, TV-Sender, Lokalradios und Internetportale permanent auf der Suche nach solchen Experten.
So kommen nicht nur anerkannte Fachleute und die Vertreter von Institutionen wie der Ständigen Impfkommission zu Wort, sondern Mediziner, Biologen und Chemiker, mit unterschiedlichem Meinungs- und Wissensstand. "Nicht alle Journalisten machen sich die Mühe die Qualität ihrer Quelle zu prüfen", sagt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut. Handelt es sich bei dem Interviewpartner wirklich um einen echten Experten im hochkomplexen Feld der Virologie? Hat er Referenzen oder zu dem Thema publiziert? Es sind eigentlich ganz einfache Fragen.
Die Medien als "erweiteter Wirt"
Niklas Luhmann beschrieb die Arbeit der Massenmedien mal als "Dauertätigkeit des Erzeugens und Interpretierens von Irritationen". Das war gar nicht so negativ gemeint, wie es klingt, denn die Anregung durch aktuelle Informationen hält eine Gesellschaft nicht nur wach, sondern erzeugt auch eine Resonanz auf Umweltereignisse. Angesichts der aktuellen Nachrichtenlage muss man sich allerdings fragen, ob es nicht Zeit ist, den Begriff der "Irritation" sehr wörtlich zu verstehen. Der Strom aus Bildern und widersprüchlichen Informationen produziert einen Zustand der Verwirrtheit, der das Risikomanagement auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene erschwert.
Die Bild-Zeitung fragt regelmäßig "Wie gefährlich ist der Impfstoff wirklich?", und berichtet groß über Internet-Gerüchte, dass der Impfstoff das Golfkriegssyndrom auslösen könnte. Gleich daneben steht allerdings eine lange Liste der offiziellen Impfstationen, sowie die vorwurfsvolle Frage: Herr Minister, warum kann nicht jeder geimpft werden?
Oder anders formuliert: Handelt es sich bei dem Impfstoff womöglich um Gift? Und genauso dringlich stellt das Boulevard die Frage, ob von dem, was möglicherweise Gift ist, auch genug für alle da ist.
Manchmal in diesen Tagen erscheinen Medien selbst wie ein gefährlicher Erreger. Die Zweifel, Widersprüche und Fragen, die produziert werden, verhalten sich wie ein Virus (ein proteinumhülltes Datenpaket), sie speisen Informationen in den Gedankenkreislauf ein, provozieren einen entzündlichen Zustand und verbreiten sich rasend schnell in der Gesamtpopulation. Die Medien wirken für die neue Grippe als "erweiterter Wirt", wie es der Historiker Philipp Sarasin mal über den Zusammenhang zwischen Viren und Infogesellschaft geschrieben hat. Seit Ende April wurden dem Robert-Koch-Institut 86.654 Infektionen mit der neuen Grippe übermittelt, 34 Patienten starben. Doch das Virus infiziert nach dem Mechanismus, den Sarasin beschreibt, "den Vorstellungskomplex von Millionen".
Gegen Medienviren gibt es keinen Impfstoff.
(SZ vom 24.11.2009/iko)
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In diesem Artikel:
- Impfstoff-Engpass - Sorge um die Vorsorge
- Folgen der Schweinegrippe-Vorsorge - Impfstoffe für Kinder fehlen
- Impfung gegen Schweinegrippe - Hinterher sind alle klüger
- Impfung gegen die Schweinegrippe - Pest oder Cholera?
- H1N1 - Schweinegrippe-Welle ebbt langsam ab
- Impfung gegen Schweinegrippe - "Es gibt kein Signal für ein Risiko"
- Kanada - Schweinegrippe-Impfstoff zurückgerufen











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