Von Susan Vahabzadeh

Die Mostra Nummer 62 steht ganz im Zeichen der Terrorgefahr und -abwehr. Mit Riesenaufwand ist die Lagunenstadt zur Sicherheitszone gemacht. Der Eröffungsfilm stammt aus China und beginnt mit einer bildschönen Gewaltorgie, die kaum allen Galagästen gemundet haben dürfte.

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Carabiniere, goldene Löwen Foto: dpa

Mit der Sicherheit ist es so eine Sache. Seit Inkrafttreten des Otto-Katalogs haben wir immer mal wieder darüber diskutiert, ob der Preis der Reduktion der Freiheit, der für die Sicherheit zu entrichten ist, zu hoch sein könnte. Aber hat irgend jemand sich je über die ästhetische Komponente Gedanken gemacht?

Die Mostra Nummer 62 hat die schärfsten Sicherheitsvorkehrungen seit Erfindung der Filmfestivals angekündigt, und ungefähr so sieht der Lido auch aus. Militärschiffe kreuzen in der Lagune, und auf dem Platz vor Palast und Casino ist über Nacht ein Labyrinth eisenvergatterter Gänge entstanden, das vor den Toren der Festivalgebäude in eine Art mobilen Flughafen-Eingangsbereich mit Metalldetektoren unter freiem Himmel mündet.

Das Casino und der Festivalpalast von Venedig sind zwar, im Vergleich zu der gigantischen siebziger-Jahre-Bausünde in Cannes und dem zauberlosen Potsdamer Platz, zu klein für das, was sie leisten müssen, aber wenigstens sind sie annehmbar – nur sieht man vor lauter Gerüsten und Planen und Zelten nichts mehr davon. Wie soll das werden in den kommenden zehn Tagen: Wird ein Festival, das schon ohne größere Sicherheitsvorkehrungen ein Pünktlichkeitsproblem hatte, die ganzen Durchleuchtungen und Durchsuchungen bewältigen? Werden die Gala-Gäste auch durchleuchtet? Wird Monica Belucci bei der Premiere von „Brothers Grimm“ am Sonntag den Inhalt ihres Handtäschchens vorzeigen müssen?

Fragen über Fragen. Solche Entscheidungen liegen in der Hand der Behörden; bei der Wahl des Eröffnungsfilms, über den Direktor Marco Müller selbst zu verfügen hat, ließ er mehr Mut zum Risiko walten. Er hat sich für „Seven Swords“ von Tsui Hark entschieden. Der Film beginnt mit einer bildschönen Gewaltorgie, die wohl kaum allen Galagästen gemundet haben dürfte. Der Eingangssequenz des Films hat Tsui Hark fast alle Farbe ausgetrieben. Eine schwarzgewandete Armee fällt brutal über ein Dorf her, rote Tücher und das Blut sind die einzigen Farbtupfer in dieser grausamen Schlacht, die abgeschlagenen Köpfe und Extremitäten fliegen nur so herum.

Der Schlägertrupp ist im Auftrag der Regierung in den chinesischen Provinzen unterwegs, um alle zu töten, die die Kampfkunst beherrschen, es geht um die Erhaltung der Macht. Wo die Truppen waren, hinterlassen sie eine staubige Schwarzweißwüste, und auf dem Weg in den letzten belebten, begrünten Winkel, in dem sie noch nicht getobt haben, begegnen sie einem alten Kämpfer und einem Mädchen, die Widerstand leisten. Die beiden schaffen es in ihr Dorf, die Bevölkerung wird evakuiert, und der Alte, in seiner Jugend selbst ein Folter-knecht, führt das Mädchen und ihren Schwarm – der aber eine langweilige, friedliebende Lehrerin heiraten will – in die Berge, wo die sieben magischen Schwerter auf sie warten.

Aus der Gruppe der Hüter der Schwerte und den drei Neuzugängen aus dem Dorf formiert sich ein Kampftrupp, dem die riesige Armee nicht gewachsen ist. „It’s mind over matter“, der Verstand siegt über die Materie, heißt es einmal in „Seven Swords“, und damit berührt Tsui Hark den Kern des Martial-Arts-Kinos. Es geht um den Triumph über die eigene Schwäche, über die Schwerkraft gar – über das Schicksal. Beispielsweise sind – wenn man Zhang Yimou glauben darf – die weiblichen Kämpferinnen keine moderne Erfindung, sondern traditionelle Figuren in der chinesischen Literatur; eben weil es bei diesen Kämpfen nicht um Größe oder Kraft geht.

Die Drohung der Maiskörner

Tsui Hark hat dem wunderbare Szenen abgerungen, einen Zweikampf zwischen der guten Fee mit dem magischen Schwert und der punkigen Schlächterin der schwarzen Armee, großartig choreographierte Duelle. Man kann darüber staunen, dass ihm noch ein paar neue Dinger eingefallen sind – herabfallende Maiskörner, die eine Drohung in den Sand schreiben, ein Schwert, für dessen Handhabung man Flöte spielen können muss. „Seven Swords“ ist voller großartiger Einstellungen, westerngleicher Landschaftsaufnahmen – voller Wunder, die nicht zusammenfinden. Der Film weiß nach einer Weile nicht mehr wohin mit sich, zerfällt in Episoden – mal geht’s um ein Pferd, dann um würdelose Kanonen-kugeln gegen ehrenvolle Schwerter, dann wieder um eine koreanische Sklavin. Das Dutzend Hauptfiguren bekommt er nicht in den Griff.

Zhang Yimou und Ang Lee haben aus ihren Martial-Arts-Epen kein Gemetzel gemacht, das Herz von „Hero“ und „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ ist die Sehnsucht nach Erlösung – wonach sich „Seven Swords“ sehnt, ist nach zweieinhalb Stunden immer noch nicht ganz klar, außer nach einer Fortsetzung, die in den letzten Minuten schon mal angelegt wird. Der Anblick der herumfliegenden Gliedmaßen, das ist das „Kill Bill“-Syndrom, tut nach einer Weile nicht mehr weh; aber wozu ist er dann gut? Vielleicht ist es so, dass ein solcher Film in seinen besten Momenten die Ängste bündelt und kanalisiert, die man im Angesicht der Metalldetektoren und Militärboote unterdrückt: Das Schrecklichste an den Sicherheitsvorkehrungen ist nicht der Charme einer futuristischen Baustelle, den sie verbreiten, oder die Belästigung, die mit ihnen einhergeht – sondern der Gedanke, sie könnten nötig sein.

(SZ vom 1. September 2005)