Von Alexander Kissler

Am heutigen Samstag veröffentlicht der Vatikan ein Schreiben, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt: Benedikt XVI. gibt der alten liturgischen Form wieder einen festen Platz in der Kirche.

Nein, der morgige Samstag markiert keine Rückkehr zur Tridentinischen Messe, war diese doch nie verboten. Der morgige Samstag bedeutet keinen Rückfall hinter das Zweite Vatikanische Konzil, bleibt doch der 1970 eingeführte neue Ritus die Regel und die Alte Messe die Ausnahme. Wohl aber schwinden mit dem motu proprio (einem Sendschreiben "auf eigenes Begehren") "summorum pontificum", das am Samstag im Vatikan veröffentlicht wird und das der Süddeutschen Zeitung vorliegt, die Diskriminierungen, denen sich die Anhänger der überlieferten Liturgie oft ausgesetzt sehen. Benedikt XVI. macht wahr, was Joseph Ratzinger von seiner Kirche erhoffte: Er schafft die Voraussetzungen für die "Wiederentdeckung des Wesentlichen", die der Klerikalisierung und Banalisierung des Gottesdienstes entgegenwirken soll.

Benedikt XVI.Grossbild

Benedikt XVI. vor dem Start einer Audienz im Vatikan. (Foto: dpa)

So sprach Joseph Ratzinger 1998 beim Jubiläum der päpstlichen Kommission "Ecclesia Dei". Diese hatte Johannes Paul II. 1988 gegründet, zwei Tage nach einer gültigen, aber unerlaubten Bischofsweihe durch den traditionalistischen Erzbischof Marcel Lefebvre. "Ecclesia Dei" sollte dessen Anhänger bewegen, sich von Lefebvres "Priesterbruderschaft St. Pius X." zu lösen. Ihnen stellte der Papst in Aussicht, künftig würden die Bischöfe "weit und großzügig" die Alte Messe gestatten. Darauf hoffte auch der päpstliche Chefunterhändler, Kardinal Ratzinger: Man müsse "die Bischöfe überzeugen, dass die Präsenz der alten Liturgie nicht ein Störungselement und eine Bedrohung der Einheit ist, sondern eine Gabe, die dem Aufbau des Leibes Christi dient".

Das Ziel wurde nicht erreicht. Einerseits wuchs die Pius-Bruderschaft weiter, andererseits hat der Episkopat seine Aversionen gegen den letztmals 1962 festgeschriebenen klassischen Ritus nicht überwunden. Viele deutsche, französische, belgische und Schweizer Bischöfe fühlen sich unbehaglich, wenn sie Priester sehen, die Latein sprechen und mit dem Rücken zur Gemeinde beten und die Hostie statt in die Hand in den Mund der Gläubigen legen; da sehen sie ihr theologisches Lebenswerk diskreditiert, wittern jenen Formalismus, den der Schriftsteller und diesjährige Büchner-Preisträger Martin Mosebach so furios verteidigt: "Der Aufstand gegen die große Form landet nach kurzem nicht in der großen Freiheit, sondern in Kitsch- und Kümmerformen."

 
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Darum will Joseph Ratzinger seinen Überzeugungen jetzt Nachdruck verleihen. Im Begleitschreiben heißt es: "Das neue Missale wurde vielerorts nicht seiner Ordnung getreu gefeiert, sondern geradezu als eine Ermächtigung oder gar als Verpflichtung zur ‚Kreativität’ aufgefasst, die oft zu kaum erträglichen Entstellungen der Liturgie führte. Ich spreche aus Erfahrung, da ich diese Phase in all ihren Erwartungen und Verwirrungen miterlebt habe."

Fälle von seltener Bildung

Keinen Zweifel lässt Benedikt XVI. daran, dass keineswegs, wie es Kardinal Karl Lehmann insinuiert, vor allem Senioren die Alte Messe schätzen: "Junge Menschen", schreibt der Papst, "entdecken diese liturgische Form, fühlen sich von ihr angezogen". Ihnen soll das "motu proprio" zugute kommen, eine Abfolge von zwölf Paragraphen: Vom 14. September 2007 an, dem Fest Christi Kreuzerhöhung, ist das umständliche Genehmigungsverfahren hinfällig. Nicht länger muss ein Bischof die Alte Messe genehmigen, nicht länger darf er sie umstandslos verbieten.

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"Nicht wenige Gläubige" hängen laut "summorum pontificum" mit "großer Liebe" dem alten Ritus an. Dieser solle als "außerordentliche Ausdrucksform" der Messfeier ebenso in Ehren gehalten werden wie die "normale Form" nach den Vorgaben von 1970. Weihwassersegen, Stufengebet, Gregorianik, Hochaltar treten demnach gleichberechtigt neben Shakehands im Kirchenschiff, landessprachliche Gebete, zeitgenössisches Liedgut, Volksaltar. Es handele sich um "einen zweifachen Usus ein- und desselben Ritus". Mit dieser gewagten Formulierung will Benedikt "eine innere Versöhnung in der Kirche" bewirken.

Deshalb sollen die Anhänger überlieferter Formen zu ihrem Recht kommen: Wo immer eine solche Gruppe "stabil existiert", soll der zuständige Pfarrer sich bemühen, die Alte Messe zu ermöglichen. Auch Hochzeiten und Beerdigungen können in dieser Form zelebriert werden. Außerdem sind Taufe, Heirat, Beichte, Krankensalbung nach dem "alten Ritual" zugelassen. Äbte und Bischöfe dürfen die Firmung auf vorkonziliare Weise spenden. All diese Möglichkeiten waren in den Bestimmungen Johannes Pauls II. nicht vorgesehen.

Was aber geschieht, wenn der Pfarrer den Antragstellern nicht über den Weg traut oder heilfroh ist, die klassischen Formen hinter sich gelassen zu haben? Dann soll die "Schar der Gläubigen" sich an den Bischof wenden, damit dieser sich ihrer Bitte annehme - etwa also den Pfarrer in die Pflicht nimmt oder die Gläubigen an alternative Gebetsstätten verweist. Er darf auch Personalgemeinden oder Kapellen eigens zu diesem Zweck errichten. Sofern der Bischof dem Wunsch nicht entsprechen kann, tritt "Ecclesia Dei" auf den Plan. Die Kommission ist der Ansprechpartner für störrische Bischöfe und unzufriedene Freunde der Tradition. An Rom liegt es dann, der Alten Messe den Weg zu bahnen.

Wird eine Flut von Eingaben den Vatikan überschwemmen? Benedikt geht von einer überschaubaren Gruppe aus, die auf das "motu proprio" pochen wird: "Der Gebrauch des alten Missale setzt ein gewisses Maß an liturgischer Bildung und auch einen Zugang zur lateinischen Sprache voraus; das eine wie das andere ist nicht gerade häufig anzutreffen." Insofern ist "Summorum Pontificum" vor allem ein Akt der Gerechtigkeit. Der, wie Benedikt mehrfach betont, nie abgeschaffte vorkonziliare Ritus soll aus seinem Schattendasein treten.

Der Blick auf den Herrn

Der "Schmerz über eine hastig und oft äußerlich durchgeführte Reform", den Joseph Ratzinger 1998 beklagte, soll geheilt werden durch ein produktives Nebeneinander, einen Wettstreit der Frömmigkeitsstile, auf dass beide Spielarten profitieren. Im Jahr 2000 schlug Ratzinger vor, in den reformierten Ritus die ursprüngliche Gebetsrichtung zu integrieren: "Wesentlich bleibt die gemeinsame Wendung nach Osten beim Hochgebet. Nicht der Blick auf den Priester ist wichtig, sondern der gemeinsame Blick auf den Herrn." Im Schreiben "Sacramentum Caritatis" empfahl Benedikt, "die bekanntesten Gebete aus der Überlieferung der Kirche auf Latein" zu sprechen.

Dreierlei wird nun gespannt zu beobachten sein: Ergreifen die im Begleitschreiben erwähnten Lefebvristen die ausgestreckte Hand? Darauf wetten sollte man nicht. Machen die Bischöfe sich das Anliegen Benedikts zur Herzenssache? Und woher wird sich bei wachsender Nachfrage der altrituelle Nachwuchs rekrutieren? Ganz ohne Zweifel wird das "motu proprio" große Auswirkungen haben auf die Priesterausbildung und nicht ganz so große auf das Gemeindeleben. Dort gilt nun das altrömische Motto "Variatio delectat" - die Vielfalt sei’s, die Freude schafft.

(SZ v. 7./8.7.2007)

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Leserkommentare (71)



10.07.2007 15:14:40

zickade: Tschö

Außer Ihnen wird man kaum wirr finden können, was ich schreibe, ich kenne meinen Stil. Daß Ihnen nicht paßt, was ich schreibe, ist Ihr Problem und hat andere Gründe.

Luther hatte Recht? Klar: Ein Pfund Fleisch gibt eine gute Suppe Suppe. Damit hatte er Recht. Er hat aber auch noch andere Sachen gesagt. Und zu denen sind sich "katholische Fachkollegen" in der Tat überwiegend einig, nur nicht in Ihrem Sinne. Wäre es anders, gäbe es keine Kirchentrennung mehr. Erstaunlich, wie man das einfach so daherreden kann. Und wie gut, daß es diese Trennung noch gibt.

Na gut, jetzt kenne ich wenigstens das Schubladen-Etikett: "Liberaler Demokratie-Protestantismus". Muß man sich mal merken.

Immerhin habe ich endlich mal einen getroffen, der den Stoa-Schüler Jesus per Du kennt. Falls ich den mal treffe, werde ich ihm raten, etwas Geld mitzubringen, dann kann ich ihm eine Adresse empfehlen, wo er noch was lernen kann über das, was er eigentlich sagen wollte. Zum Lehmann-Platz ins Heilsamt werde ich ihn dann auch schicken, damit er sich mal anhören kann, was er nie wissen wollte.


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