Tatsächlich lebendige Menschen werden vom belgischen Künstler Lawrence Malstaf (1972) vakuumverpackt. Sie sind eingespannt zwischen zwei durchsichtige PVC-Folien, nur ausgestattet mit einer Art Schnorchel für die Atmung. Dann saugen sich die Plastikhäute um ihre Körper, die senkrecht von der Decke hängen. Eine Allegorie auf unsere Verletzlichkeit will der Künstler darin erkannt sehen. Eine Allegorie auf Scheibenkäse wäre auch passend.

Malstaf, der klaustrophobische Erfahrungsräume inszeniert, hat übrigens für "Nemo Observatorium" eine Nica, den Preis der Ars Electronica, bekommen. Das Observatorium besteht aus einem Sessel inmitten eines Zylinders, in dem Ventilatoren Styroporkügelchen über die Innenwand wirbeln. Der Beobachter hat also Platz genommen im Auge eines Sturms.

Diese seltsame Ruhe inmitten eines Orkans meint man auch zu verspüren, wenn man Professor Hiroshi Ishiguro von der japanischen Osaka University im Beisein seines Begleiters sieht. Denn der Begleiter ist ein Geminoid, ein auf zwillingshaftes Aussehen und Verhalten optimierter Roboter. Der Geminoid sieht also aus wie der Professor, spricht, blinzelt und atmet wie sein Schöpfer. Ich ist ein Wanderer.

Nein, noch ist diese Blade-Runner-Fantasie nicht perfekt, denn Ishiguro - oder ein anderer - steuert den Roboter fern: Die Androiden-Bewegungen werden per Computer übertragen, ebenso die akustischen, taktilen und optischen Reize, die dem Doppelgänger widerfahren. Ishiguro sieht so - auch über weite Entfernungen hinweg - durch Maschinenaugen, hört die Maschinentöne und erlebt über Sensoren, was dem Stellvertreter über Haut und Leber läuft.

Wenn man Menschen dann im Gespräch mit der Maschine sieht, hält man die Luft an. Und zwar deswegen, weil die Menschen mit der Elektronik plaudern wie mit Freund oder Beichtvater. Ishiguro selber wirkt im Zusammensein mit seinem Geschöpf wie die Hälfte eines bestens eingespielten Ehepaares.

"Kannst du mir ein Lächeln schenken", fragt ein Besucher den etwas bedächtigen Zwilling. Der Roboter antwortet erst: "Ich glaube nicht, dass ich das jetzt möchte." "Klar möchtest Du", schaltet sich Vadder Ishiguro ein. "Gib dir etwas Mühe!" Und siehe: Das Silikon lächelt!

In einer Vorlesung zum Geminoiden meint man dann eine gewisse erkenntnisgesättigte Ratlosigkeit, fast Zerknirschung beim Forscher Ishiguro feststellen zu können. Er wolle nicht die Robotic neu erfinden, sondern den Menschen verstehen. Und da gelte: Je menschlicher der Roboter agiert, umso glaubwürdiger erscheine er.

Hält der Mensch die Maschine für seinesgleichen, dann ist sie es. Doch je menschlicher die Maschinen werden, umso schwieriger werde es, sie zu bauen. Wann aber sind sie glaubwürdig? Denn was ist der Mensch, was zeichnet menschliche Präsenz aus, was ist und wo sitzt der Geist des Menschen? "Ich weiß es nicht" bilanziert der Professor, "ich weiß nicht, was mich ausmacht, an welcher Stelle meines Körpers mein Geist sitzt."

Er setze den ferngesteuerten Vertreter schon für Arbeits-Meetings ein, da agiere die Puppe auch ganz passabel, das ja. "Wenn man die Zwecke reduziert, kann man Geist simulieren."

Was er aber nicht verstehe: Er, der arbeitnehmende Mensch, bekomme nie Honorar, wenn er seinen Vertreter schickt. Dabei sei er doch anwesend - jedenfalls so gut wie. Es ist dann der großartig aufgeräumte Friedrich Kittler, der mit seinem Vortrag diesen Maschinenmenschenpark in die europäische Geistesgeschichte einsortiert: Hephaistos, der gelähmte Schmiedegott, schuf die ersten Automatenmädchen als Dienerinnen, Mägde ohne Sprache.

Als die Götter fielen, ängstigte ein animierter Lehmklumpen, der Golem, die Menschen. Auch Goethe - "Die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, Werd ich nun nicht los. In die Ecke, Besen! Besen! Seids gewesen!" - fürchtete die animierten Werkzeuge. "Heute sind wir erschaffende Mütter", sagt Kittler, "Geburtshelfer, die unsere Computer heranwachsen sehen. Die Technik lernt, die Natur wird wissend." Doch noch fehle ihr das, was den sich selbst erkennenden Menschen zur Selbsterkenntnis auszeichnet: der Logos.

Am Abend dann das Saurieroratorium am Fluss. Die Tiere auf dem Weg zur Arche. Eine Frauenstimme raunt: "Der Mensch ist das einzige Tier, das nicht Tier sein will. Dabei spüren die Tiere die Katastrophen immer zuerst. Nur der Mensch will sie vergessen."

(sueddeutsche.de/bavo)

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In diesem Artikel:

  1. Fabelhafte Kreaturen
  2. Mensch, Tier und Maschine
  3. Sie lesen jetzt Ich ist ein Wanderer