Zwei Todfeinde, eine Frau, Showdown: Pro Sieben verfilmt den Romanklassiker "Der Seewolf" mit einem hervorragenden Thomas Kretschmann und ausgefeilten Dialogen.
Brutaler Sozialdarwinist: Thomas Kretschmann als Kapitän Larsen in der Pro-Sieben-Verfilmung von "Der Seewolf". Foto: ProSieben/Fabian Rösler
Schuld war die Kartoffel. 1971 zerquetschte Raimund Harmstorf als Kapitän Larsen mit einer Hand den härtesten Erdapfel der Filmgeschichte. Den Ruf des ewig Starken wurde er nie wieder los. Zwar kam irgendwann heraus, dass die Knolle vorgekocht war. Trotzdem erreichte die "Kartoffelszene" aus Wolfgang Staudtes Verfilmung des Seewolf einzigartige Bekanntheit.
Nun darf Thomas Kretschmann ans Gemüse. Raubeinig, wortkarg und brutal gibt auch er den machtbesessenen Kapitän, der seine Crew nach dem Recht des Stärkeren schikaniert. Und noch immer scheint die Kartoffelszene das Maß der Dinge zu sein. "Jeder wird drauf schauen, wie ich sie spiele", gesteht Kretschmann. Diesmal sei die Knolle sogar roh und ohne Sollbruchstelle.
37 Jahre nach der letzten deutschen Verfilmung von Staudte zeigt Pro Sieben Jack Londons Romanklassiker von 1904 in neuem Gewand - und lässt einen staunen: Dieser Event-Zweiteiler, verfilmt von Christoph Schrewe, ist kein bloßes Action-Spektakel mit Hai, Mord und Meuterei, sondern ein sensibel gespieltes Kammerspiel auf See.
Western auf dem Wasser
Für Kretschmann ist das Werk ein "Western auf dem Wasser", zu Recht: Der schiffbrüchige Schöngeist Humphrey van Weyden (Florian Stetter) wird von Kapitän Larsen aufgelesen und als Matrose an Bord festgehalten. Die Situation zwischen dem Humanisten und dem brutalen Sozialdarwinisten eskaliert schnell, zumal sich beide in die schiffbrüchige Maud (Petra Schmidt-Schaller) verlieben. Kurz: Zwei Todfeinde, eine Frau, Showdown. Doch da ist noch mehr. Schrewe entfaltet ein packendes Psychodrama mit ausgefeilten philosophischen Dialogen und einer rührend altmodischen Sprache.
Während Staudtes Vierteiler auch andere Erzählungen Londons mit einwebt, konzentriert sich Schrewe auf das See-Abenteuer. Keine epischen Rückblenden in Humphreys Schulzeit, keine abschweifenden Naturaufnahmen mit Panflötensound aus Hippie-Zeiten. So geht allerdings verloren, wie der junge Larsen einst in den Slums lernte, sich mit Gewalt zu nehmen, was er brauchte, dass er nach Bildung giert, und dass die beiden Widersacher einst Freunde waren.
Rund sieben Millionen Euro verschlang das Drama, das die Reihe von Pro Sieben-Zweiteilern fortsetzt. Mit "Die Schatzinsel" und "Der Bibelcode" verzeichnete der Sender bereits gute Quoten. Vergangene Woche war der Seewolf bereits über das zum Konzern Pro Sieben Sat 1 zählende Video-on-Demand-Portal Maxdome sehen.
Hauptdarsteller Thomas Kretschmann lebt in Los Angeles und spielte in Klassikern wie "Der Pianist" und "King Kong" mit. Der 46-Jährige wurde von Tom Cruise für das Attentats-Drama "Valkyrie" besetzt. Am kommenden Sonntag ist er als Flugzeug-Kapitän Schumann in dem TV-Entführungsdrama "Mogadischu" zu sehen.
Keine nackten Muskeln
Es scheint Kretschmanns Zeit zu sein. Die Rolle bei Pro Sieben erinnert ihn an seine eigene Kindheit in der DDR: "Der Seewolf war eine meiner frühsten Fernseherinnerungen", sagt er. Auch er saß als Neunjähriger vor dem Fernseher, als Harmstorf, das Muskelpaket, die Kartoffel zerquetschte. Das war in Dessau, bevor er im Alter von 19 Jahren in den Westen floh und eine Berliner Schauspielschule besuchte.
Kretschmann, obwohl ehemaliger Langstreckenschwimmer, lässt keine nackten Muskeln spielen. Zwar schlägt er zu, doch sein eigentliches Kapital ist sein Gesicht. Kaum eine Regung durchzuckt seine kalten, glasblauen Augen, als er zwei abtrünnige Matrosen vom eigenen Schiff überfahren lässt und der bestrafte Smutje beim Kielholen ein Bein verliert. "Der Hai war nicht vorgesehen", stellt Larsen dann nüchtern fest. Selten war der Seewolf so diabolisch.
Und doch baut Schrewe Sympathie für ihn auf. Reifer, gefasster als Harmstorf wirkt dieser Larsen, und irgendwie deprimiert. Er will seine Mitmenschen psychisch und physisch brechen, doch ganz verdorben ist er nicht. Im tiefsten Inneren sehnt sich der tumorkranke Kapitän nach der Zärtlichkeit, die in Person der moralisch integren Maud an Bord gezogen wird. Doch er, der in jedem nur Selbsterhaltungstrieb und Niedertracht sieht, wird sie nie erobern können.
Es ist das Gefangensein von Kretschmann, das diese Verfilmung so besonders macht. Larsen ist ein von rasenden Kopfschmerzen gequälter, einsamer Mann. Muss man einen solchen Geist verurteilen, der seinem eigenen Weltbild nicht mehr entfliehen kann?
Skurriles Kräftemessen
"Sie können Ihr armseliges Leben behalten, wenn Sie mich jetzt töten. Oder Sie sterben für ihre Ideale." Aber "entscheiden sie sich endlich!", wirft er Humphrey am Ende entgegen. Humanismus ist ihm zur Qual geworden. Seine Abscheu äußert sich in einer Kraft, die für Humphrey - der mit dem jugendlichen Schönling Florian Stetter passend besetzt wurde - unbesiegbar scheint.
"Der Seewolf hat eine zentrale Botschaft", sagt Regisseur Schrewe. "Jeder Mensch sollte trotz widriger Umstände versuchen, für seine Ideale einzustehen."Londons Stoff ist jedenfalls immer noch so aktuell, dass dieses Jahr gleich zwei neue Seewölfe entstanden. Auch das ZDF hat einen Fernseh-Zweiteiler produzieren lassen, begab sich dann aber nicht in ein Rennen um den früheren Ausstrahlungstermin. Die öffentlich-rechtliche Fassung soll im Herbst 2009 laufen.
Tele München, die Produktionsfirma der ZDF-Version und auch der berühmten Staudte-Verfilmung, gibt sich beleidigt über das Vorpreschen von Pro Sieben: "Die Chinesen stellen eben auch Prada-Taschen her", sagt Tele-München-Chef Herbert Kloiber. Christian Balz, Leiter des Bereichs Deutsche Fiktion bei Pro Sieben, erklärt allerdings: "Die Ankündigung der Tele München Gruppe im April 2007, den "Seewolf" zu produzieren, kam für uns völlig überraschend."
Offenbar hat "Der Seewolf" ein skurriles Kräftemessen entfacht. Welcher Zweiteiler der Stärkere ist, wird sich zeigen. Die angeblich 19 Millionen Dollar teure, internationale ZDF-Produktion kämpft mit Hollywood-Stars wie Neve Campbell und Tim Roth. Sebastian Koch ("Das Leben der Anderen") ist als Seewolf ein ernst zu nehmender Konkurrent. Und eines ist klar: An der Kartoffel kommt auch er nicht vorbei.
Der Seewolf, Pro Sieben, 20.15 Uhr, Teil zwei am Dienstag, 20.15 Uhr.
(SZ vom 24.11.2008/jb)



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