6. Dezember 2012, 08:21 Zum Tod von Oscar Niemeyer Letzter Gigant der architektonischen Moderne

Kurven, Wölbungen, der enge Tanz der Architektur mit der Landschaft: Die Gebäude von Oscar Niemeyer waren berühmt für ihre Sinnlichkeit und ihren utopischen Überschuss. Nun ist der weltbekannte Architekt in Rio de Janeiro gestorben.

Ein Nachruf von Jörg Häntzschel

Der Architekt Oscar Ribeiro de Almeida Niemeyer Soares Filho schien in der Lage, die Schwerkraft aufzuheben. Er stützte riesige Wohnblocks auf Pfeiler, die so schlank und anmutig wirkten wie Frauenbeine. Geschwungene Pfade führten durch die Stockwerke wie von einer Wolke zur anderen. Geländer waren überflüssig.

Der Mensch Oscar Niemeyer schien in der Lage, die Sterblichkeit zu überwinden. 1988, als er schon 80 Jahre alt war, bekam er den Pritzker-Preis. Mit 98 heiratete er zum zweiten Mal. Und gleich nach der Hochzeit kehrte er wieder an den Zeichentisch zurück. Wie ist es möglich, wie kann ein Mann durch die Epochen wandern, als sei er erhaben über das Fortschreiten der Zeit?, fragte man sich, wenn man wieder auf ein Interview mit ihm stieß oder von einem neuen Projekt hörte, darunter nicht wenige, die ihrerseits erschienen wie nicht ganz von dieser Welt: ein Museum in Form eines Ufos, ein Spaßbad in Potsdam, eine Bibliothek des Paranormalen.

Nun ist Niemeyer, der Boy von Ipanema, am Mittwochabend zehn Tage vor seinem 105. Geburtstag an einer Infektion der Atemwege gestorben. Er wurde seit Wochen im Samaritano-Hospital in Rio de Janeiro behandelt. Zuletzt lag er im künstlichen Koma und wurde nur noch mit Hilfe von Geräten am Leben gehalten.

Niemeyer war nicht nur der letzte noch lebende Gigant der architektonischen Moderne, sondern auch ihr erfolgreichster Überwinder. Dass sich die Welt durch Bauen verbessern lasse, davon war er ebenso überzeugt wie Le Corbusier und andere seiner Zeitgenossen. Doch es war nicht das Rationalitätsideal und die kalte Lust am Sozialengineering, denen er dabei folgte, sondern ein zärtlicher und empfindsamer Humanismus.

Lesen Sie den ausführlichen Nachruf am morgigen Freitag in der Süddeutschen Zeitung.

Lesen Sie hier ein Interview mit Oscar Niemeyer aus der SZ vom 15.11.2011 sowie eine Reportage zu seinem Projekt Belo Horizonte.