15. Februar 2013 16:18 Wettbewerb der Berlinale 2013 Abgetaucht und untergegangen

Von Philipp Stadelmaier

David Gordon Green und Emir Baigazin zeigen auf der Berlinale Filme über eine neue, andere Welt. Die ist beim einen so hell und lustig, wie sie beim anderen grausam ist.

Im bisherigen Wettbewerb der Berlinale hatte sich das Kino aus der Welt zurück gezogen, an ihre Ränder ("Vic et Flo") und in ihre Verliese ("La Religieuse", "Camille Claudel", "Closed Curtain"). Auch David Gordon Greens Wettbewerbsbeitrag "Prince Avalanche" zeigt Leben und Arbeit zweier Straßenarbeiter in völliger Abgeschiedenheit: in einem texanischen Wald, wo sie den Sommer 1988 verbringen, um nach einem schweren Brand neue Fahrbahnmarkierungen anzubringen.

Zunächst haben beide noch eine Sehnsucht nach der Welt, die sie verlassen haben. Der kultivierte, schnauzbärtige, Deutsch lernende Alvin (Paul Rudd) schreibt aus der Einsamkeit romantische Liebesbriefe an die Schwester von Lance, während es diesen selbst (Emile Hirsch) eher zu Parties und Sex in die Städte zurück zieht.

Aber bald schon werden diese Verbindungen zur Außenwelt gekappt: Die Schwester macht per Brief Schluss und auch die Partywochenenden laufen nicht mehr wie sie sollen. Im Stehen sei er eingeschlafen, berichtet Lance, und mit der Freundin seines besten Freundes habe es auch nicht geklappt. Der hat ihn stattdessen verprügelt. So konkretisiert sich immer mehr das Gefühl, dass die Welt außerhalb des Waldes, die der Film nie zeigt, längst untergegangen ist. Von ihr zeugen nur noch Ruinen, von denen beinahe noch der Rauch aufsteigt, der Geist einer Frau, die hier einst gewohnt hatte und ein skurriler Lastwagenfahrer, der immer wieder unvermittelt auftaucht um sie mit Schnaps zu versorgen und dann sofort wieder verschwindet.

Was Greens Film so grandios komisch macht, ist, dass seine Figuren die Welt viel zu sehr lieben, um aufzuhören, über sie zu reden. "I love you so much", erscheint da einmal im Bild. Alvin und Lance wollen sich einfach nicht einlassen auf das verbrannte Leben und die Stille des einsamen Waldes.

Und so wird in ihren wunderbaren Dialogen die Erinnerung an die untergegangene Welt zur Morgenröte einer neuen. "Looking for a new connection", singen sie am Ende im Schnapsrausch. Das Neue, mit dem sie sich da verbinden wollen, ist komplett erfunden: ein erst verlorenes und dann wiedergefundenes Paradies - das ausgedachte Königreich von "Prince Avalanche", von dem Lance einmal erzählt.

Als Alvin einmal erzählt, er sei manchmal zu unmöglichen Dingen imstande, und als Lance von seiner beinahe hellseherischen Intuition beim Abschleppen von Mädchen spricht, ist klar, dass die beiden Straßenarbeiter tatsächlich Superhelden sind, "last men on earth". Sie suchen nach etwas, das ihnen entspricht, nach einer ihrer Größe angemessenen Superhelden-Welt. Irgendwann wird vielleicht mal jemand einen Comic über sie machen, überlegen sie sich am Ende. Genug Farbe, mit der sie hier die Straße und vieles andere bemalen, haben sie schon mal aufgetragen.

Auch in einem anderen Wettbewerbsfilm, "Harmony Lessons" des kasachischen Regisseurs Emir Baigazin, geht es um einen Rückzug von dieser Welt, um eine andere, wenn auch nicht bessere zu machen. Der Film spielt mitten in der Gesellschaft, zeigt den Mikrokosmos eines Gymnasiums auf dem Lande, wo die blanke Gewalt regiert: eine kriminelle Bande von Oberstufenschülern terrorisiert und erpresst alle anderen. Die Hauptfigur, der dreizehnjährige Aslan (Timur Aidarbekov), wird immer mehr in diese dunklen Machenschaften und Intrigen hineingezogen, bis er schließlich sogar einen Mord begeht. Gleichzeitig schafft sich der stille, beinahe autistische Außenseiter mit dem unbewegten, aber durchdringenden Ausdruck in den Augen zu Hause ein noch viel grausameres, immer ausgetüftelter werdendes Folter- und Hinrichtungssystem - für Insekten. Heuschrecken werden von ihm lebendig entbeint, auf elektrische Stühle gespannt oder Leguanen zum Fraß vorgeworfen.

Während Alvin und Lance also immer noch davon träumen, sich wieder mit der Welt zu verbinden, schafft Aslan einfach mit aller Gewalt eine andere, in der er der absolute Machthaber ist. Wenn man etwa ein Insekt dabei beobachtet, wie es, angelockt von Marmelade, eine Stromleitung entlangkrabbelt, bis es zu einer tödlichen Stelle gelangt, und wenn man dann Aslans durchdringenden Blick auf das herabfallende tote Tier sieht, dann ist es, als hätte er durch Telekinese getötet, so als würde er jetzt schon die Superkräfte besitzen, von denen Alvin und Lance nur phantasieren können.

Wo also Gordon Greens Handkamera in Erwartung einer kommenden Zeit der neuen Mythen und Superkräfte noch zu zittern begann, wo seine Figuren mitten im Farbenrausch noch davon träumen durften, einmal in die Vignetten eines Comics eingezeichnet zu werden und in ein verlorenes Königreich einzugehen, da sind Baigazins Einstellungen schon einen grausamen Schritt weiter. Seine streng akribisch komponierten Bilder, in denen allerhand Fensterrahmen, Schultafeln und Türen die Rahmung hervorheben, zeigen einen kleinen absolutistischen Fürsten, der bereits in einem ganz und gar von ihm kontrollierten Reich angekommen ist: der Comic-Held in seiner Vignette, mitten in seiner neuen, schrecklichen Welt.

Aus Prinz Avalanches unsichtbarem Königreich ist bei Baigazin ein allzu wirklicher, widerlich glitzernder und blinkender Ort namens "Happylon" geworden, eine Spielhölle, die das Glück verspricht und es dabei grausam verhöhnt.