13. März 2014, 17:51 "Vor dem Fest" von Saša Stanišić Wir fahren übern See, übern See

Mit seinem Roman "Vor dem Fest" über ein Dorf in der Uckermark ist Saša Stanišić für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert - so komisch-traurig sah die deutsche Provinz noch nie aus.

Von Lothar Müller

Ein Ort, zwei Seen. Im Haus der Heimat, wo die Lokalgeschichte in Leitzordnern abgeheftet wird, findet sich auf den Karteikarten mit den Chroniken und Legenden dazu die Erklärung: "Nicht der Mensch hat das Gewässer bei Fürstenfelde so geteilt, dass wir heute zwei Seen haben, ein Riese hat das vollbracht. Vor langer, langer Zeit hat er von den dalmatinischen Dinariden eine Bergkuppe abgebrochen und so weggeschleudert, dass sie hier landete und das Gewässer auf ewig entzweiriss. Ob der Riese die Bergspitze gezielt geworfen hatte, ist nicht überliefert. Auf den Dinariden erzählt man sich die Geschichte ebenfalls. Eine Bergkuppe habe einem Riesen die Sicht auf die Adria verstellt, also habe er sie beseitigt. Dass das Gestein bis in die Uckermark gelangt ist, bleibt unerwähnt."

Es gibt auch leibhaftige Wanderlegenden. Eine von ihnen heißt Saša Stanišić. Er ist 1978 in Višegrad in Bosnien-Herzegowina geboren, flüchtete 1992 mit seinen Eltern aus seiner von serbischen Truppen besetzten Heimatstadt nach Deutschland, begann um das Jahr 2000 Essays und Kurzgeschichten zu schreiben, ging im Herbst 2004 ans Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, obwohl eine Legende wissen will, dass dort nur Söhne und Töchter deutscher Lehrer, Ärzte und Rechtsanwälte studieren, und veröffentlichte im Jahr 2006 den Roman "Wie der Soldat das Grammofon repariert".

Auf Spurensuche

Den Roman erzählte jemand, der wie sein Autor im Jugoslawien Titos seine Kindheit verbracht hat und alles aufgesaugt hat, bevor er aus Višegrad nach Deutschland flieht: die Partisanenmythologie , die Geschichten, die der Fluss Drina erzählt, die Familiengeschichten, die Kriegstoten und Verschwundenen. Zehn Jahre später, 2002, kehrte dieser Ich-Erzähler in die Heimat zurück, mit Totenlisten, Telefonnummern, Notebook, auf Spurensuche.

"Ich höre Nirvana und träume auf Deutsch", das war einer der Sätze dieses Rückkehrers, und das Buch über ihn war auch ein Buch über das Erzählen, genauer über die Frage, ob es möglich sei, den Stoff der Balkankriege und die Form des humoristischen Romans zusammenzubringen, ohne dass dabei der Schrecken und die Toten sich in Wohlgefallen auflösten. Es war möglich, wie es schon im barocken Schelmenroman möglich war, wenn er den Dreißigjährigen Krieg in sich aufnahm.

Jetzt also hat Saša Stanišić einen Roman über die deutsche Provinz geschrieben, über das Dorf mit den zwei Seen, dessen Bild er schon aus der Balkan-Legende vom wasserteilenden Riesen kannte, ehe er es in Fürstenwerder in der Uckermark wiederfand, das im Roman Fürstenfelde heißt. Ein älterer Kollege hat ihm kürzlich öffentlich zugerufen, das sei doch Quatsch, sich in die deutsche Provinz zu verkrümeln, da kenne er sich doch gar nicht aus, er solle lieber bei seinem Leisten blieben und was Bosnisches oder eine Immigrantengeschichte erzählen.

Das scheint der Eingewanderte aber nicht gewollt zu haben. Es sollte das Dorf mit den beiden Seen sein, so wie im ersten Roman die beiden Flüsse Drina und Rzav und alles, was sie mitführen, von Ivo Andric' Roman "Die Brücke über die Drina" bis zu den Straßennamen und zum Bombenschutt der Stadt, zum Višegrad-Erzählfluss zusammenflossen. Und so beginnt dieser neue Roman "Vor dem Fest": "Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr. Der Fährmann ist tot. Zwei Seen, kein Fährmann."

Saša Stanišić hat sich einige Jahre Zeit gelassen zwischen seinem ersten und diesem zweiten Roman. Man merkt schon nach wenigen Seiten, wofür er die Zeit gebraucht hat: Den Stoff, den er sich gesucht hatte, das Dorf in der Uckermark und seine Seen, so in sich aufzusaugen wie früher die Heimatstadt und die Flüsse in Bosnien. Also nicht nur mit der Geschichte, die in den Leitzordnern steckt: "Geschichte I (1740-1939) und Geschichte II (1945-1989), Gegenwart I (1990-fortlaufend)", sondern mit den Geschichten, die in den Bewohnern stecken und in den Mythen und Sagen der Landschaft, in der brandenburgischer Landadel herrschte und durch die im Dreißigjährigen Krieg die Schweden zogen und wo 1632 der gefallene König Gustav Adolf aufgebahrt wurde.

Aus einer Recherche entsteht aber nicht schon die Form einer Erzählung. Wie die Suche nach dieser Form, nach dem Ton des Romans ausgegangen ist, zeigen die zitierten ersten Sätze. Darin tritt die Figur auf, die Stanišić neu entwickelt hat: das "Wir", der kollektive Erzähler. Dieses "Wir" ist anonym und sehr geräumig, es ist die Stimme des Dorfes selbst, ein Chor, den es aus der Bühne in die Prosa verschlagen hat, ein vielstimmiges Wesen, das schon viel gesehen hat. Manchmal ist es jahrhundertealt, manchmal so aktuell wie das Fernsehen und der Lokalanzeiger.

Und sehr oft trocken, witzig, komisch: Dieses "Wir" erzählt über weite Strecken den Roman, nur der Sohn der schwermütigen Archivarin, die im Haus der Geschichte die alten Dokumente hütet - oder erfindet? -, darf mal kurz zum Ich-Erzähler werden, und manchmal gleitet als Abgesandter des "Wir" ein stilles Auge mit Mikrofon durch den Tag und die Nacht, durch die Zeit "vor dem Fest", die dem Roman den Titel gibt: Unser Annenfest. Was wir feiern, weiß niemand so recht. "Nichts jährt sich, nichts endet oder hat genau an diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde."

Dieses chorische "Wir" ist eine Antwort auf die Figur des Reporters, aus deren Perspektive vor einiger Zeit Moritz von Uslar in "Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung" (2010) über Zehdenick berichtet hat, eine Kleinstadt in der näheren Umgebung des Dorfes mit den zwei Seen. Die Stimme des Reporters ist die des Besuchers aus der Großstadt. Die Stimme des "Wir" kommt aus dem Innern des Dorfes, aus den Seen, aus dem Archivkeller im Haus der Heimat, aus der längst geschlossenen Gaststätte Blissau, aus der Garage, in der Ulli als Ersatzwirt eine Sitzgruppe, fünf Tische und eine Heiztonne aufgestellt hat und eine nackte Polin an den Kühlschrank geklebt hat, aus dem Garten des Barockschlösschens, in dem der Besitzer der Landmaschinenfirma aus dem Geschlecht derer von Blankenburg wohnt.

Auch bei Stanišić gibt es den Reporter, der von außen kommt. Er interviewt die alte Frau Kranz, die aus dem Banat als "Jugoslawiendeutsche" zugewanderte Malerin, die über Jahrzehnte und vier Gesellschaftssysteme hinweg das Dorf porträtiert, eine Chronik in Bildern, die bis in die Gegenwart reicht: "Trotz Glatze würde ein Außenstehender jetzt nicht unbedingt davon ausgehen, dass da unbedingt ein Nazi schläft. Ist aber so. Kann man auf der Rückseite nachlesen: Der Neonazi schläft, so heißt das Bild. Die Fürstenfelder würden ohnehin wissen, dass da ein Neonazi schläft, weil das ist der Rico."

Stanišić ist ein listiger Autor. Er maskiert seinen Chor als Stimme des Volkes, der Tradition, aber er nutzt diese Maske, um den Dorfroman neu zu erfinden, die Chronologie und die Biografien der Dorfbewohner durcheinanderzuwirbeln, die Sprachschichten der Legenden und der Chroniken des 17. und 18. Jahrhunderts mit dem fernsehgetränkten Slang der Gegenwart zu mischen und über einer Totengräberszene an der unterspülten Strandpromenade die Reimgewitter einer Hip-Hop-Parodie niedergehen zu lassen. Was dabei entsteht, ist, lange bevor der Festtag anbricht und die Astrologin von Sat 1 mit Kamerateam in ihrer Heimat auftaucht, ein Fest für den Leser, und man ahnt, welchen Spaß es dem Autor gemacht hat, sein Dorf mit den zwei Seen dem Berlin-Roman vorzuziehen, den er nicht geschrieben hat.

Von der Zeitgeschichte lässt sich Stanišić weder den Ton noch die Moral vorgeben, aber sie geht diesem Provinzroman nicht verloren, schon weil Herr Schramm, der ehemalige Oberstleutnant der NVA, dann Förster, jetzt Rentner und Schwarzarbeiter, den Part des verhinderten Selbstmörders spielt. Dies ist ein komischer Patchwork-Provinzroman, vollgesogen mit Gegenwart, Familiengeschichten, Wendezeit und Vergangenheit, voller Dialoge, die das Groteske streifen, und einer Füchsin, die auf Eierjagd geht. Der Chor, das anonyme "Wir" hält das Fest zusammen. Sein Echo klingt im Leser lange nach.

Saša Stanišić: Vor dem Fest. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2014. 320 Seiten, 19,99 Seiten.