23. Dezember 2012 11:26 Sound von Pink Floyd Alle Lust will Ewigkeit

Nichts lag Pink Floyd je ferner als das Zertrümmern von Gitarren oder das Zeigen mittlerer Finger. Niemand arbeitet so hart an der Zeitlosigkeit. Das Geheimnis der Band: Sie bezwingt den heiklen, glühenden Stoff auf klassische Weise.

Von Michele Mari

Nach dem Album "Meddle" aus dem Jahr 1971 und erst recht nach dem zwei Jahre später erschienenen "The Dark Side of the Moon" inszenierte sich die britische Band Pink Floyd als Lordsiegelbewahrer von Pop-Klassizität. Ihre Kennzeichen: Sorgfalt, Ernst, Perfektion, formale Reinheit und eine architektonisch knitterfreie Konstruktion der Alben, hinzu kam die lyrische Qualität der Texte. Selbst die Bühnen-Präsenz der Bandmitglieder folgte diesen Vorgaben: betont zurückhaltend gekleidet, ohne die grellen Farben, die etwa The Who und die Rolling Stones um diese Zeit zur Schau stellten, und auch ohne das zügellose Auftreten von bad boys. Nichts lag Pink Floyd ferner als das Zertrümmern von Gitarren oder das Zeigen mittlerer Finger.

Auf der Bühne standen sie während des ganzen Konzerts fast reglos, man kann sagen, sie vergossen keinen Tropfen Schweiß. Nachdem sie gleichsam den strengen Weg von Mönchen eingeschlagen hatten, verschwanden ihre Porträts von den Plattencover, um gänzlich im Werk aufzugehen.

Dass sich die Band während der Aufführung von "The Wall", der größten Rock-Show aller Zeiten, hinter einer Mauer verbarg, erhält daher eine tiefe Bedeutung. Mit der sogenannten surrogate band, deren Mitglieder Gesichtsmasken aus Latex mit dem Konterfei der Originale trugen, überließen Pink Floyd dem Publikum ein falsches Bild ihrer selbst. Stattdessen inszenierten sie mit der Klarheit, die aus den Betrachtungen von Benjamin und Adorno herrührt, die Entfremdung und die Verdinglichung jeder Kunstproduktion.

15 Jahre lang ununterbrochen in den Top-10-Charts

Geprägt von ihrer Klassizität wurde Pink Floyd zur wichtigsten Pop-Gruppierung der Periode von 1968 bis 1983. Die Rede ist nicht von irgendwelchen 15 Jahren, sondern von der einmaligen Goldenen Zeit der modernen Musik. Es ist nicht schwer, etwa im Vergleich zu den Beatles, die Kennzeichen ihrer Überlegenheit zu erfassen. Es zweifelt sicher niemand daran, dass zum Beispiel die barocken Kleider des Sgt. Pepper oder das Yellow Submarine heute rettungslos veraltet sind, während das optische Prisma von "Dark Side of the Moon" und das Schwein von "Animals" als zeitlose Archetypen mit unveränderter Ausstrahlungskraft weiter bestehen.

Jedes Mal, wenn er hört, dass der außerordentliche Erfolg von "Dark Side of the Moon" - sie war über 15 Jahre lang ununterbrochen in den Top-10-Charts der am meisten verkauften Alben der Welt - auf die "Perfektion" zurückzuführen sei, ärgert sich Roger Waters jedoch darüber. Er erinnert daran, dass der Erfolg der Platte von der verstörenden Gewalt ihrer psychischen Inhalte herrührt.

Dies ist in der Tat das Geheimnis von Pink Floyd: sie bezwingen den heiklen, glühenden Stoff auf klassische Weise. Das heißt, sie stilisieren und vermessen, sprechen von Sex, Geld, Macht und Entfremdung, aber zunächst nur in der anmutig schwebenden und märchenhaften Weise, die das Gründungsmitglied der Band, Syd Barrett, geprägt hatte. Erst dann folgte die entsprechende, klare architektonische Konzeption von Roger Waters.

Bei deren Umsetzung hat auch das Design eine wesentliche Rolle gespielt. Damit meine ich die meisterhafte Arbeit von Storm Thorgerson, der für alle Cover, Werbezettel und das Begleitmaterial zu den Konzerten verantwortlich zeichnete. Gemeint ist auch die Arbeit von Gerald Scarfe, dem Urheber der Animationen für "The Wall". Um die Bedeutung dieser graphischen Dimension zu verstehen, bedenke man Folgendes: Der Regisseur Alan Parker verzichtete auf die echten Pink Floyd, auf ihr echtes Publikum, auf ihre echten Konzerte, um das Konzert filmisch umzusetzen. Statt dessen arbeitete er, ohne sie zu verändern, mit allen Zeichnungen und allen Animationen von Scarfe.

Doch die Geschichte von Pink Floyd wäre nicht dieselbe ohne die menschliche Tragödie von Barrett. Kritik und Fangemeinde sind hier gespalten. Für einige sind die wahren Pink Floyd jene der ersten Auftritte, angefangen bei "The Piper at the Gates of Dawn" bis zu "A Saucerful of Secrets" (also mit Barrett). Für andere haben Pink Floyd erst dann ihren Weg zu sich gefunden, nachdem sie sich von der Last Barretts befreit hatten. Anders ausgedrückt, nachdem Waters sie an die Hand genommen hatte, nicht so sehr bei der Produktion von "Ummagumma", vielmehr ab "Atom Heart Mother" und "Dark Side of the Moon".

Nach Meinung der Ersteren hätten Pink Floyd nach der Trennung von Barrett nicht mehr viel zu sagen gehabt. Ihre Gegner erwidern, dass die Struktur der beiden wichtigsten Konzept-Alben, "Dark Side" und "The Wall", einen enormen Fortschritt darstellt gegenüber den acid-getränkten Visionen der Anfänge. Außerdem sei kommerzieller Erfolg ja nicht zwangsläufig mit einer Verminderung der künstlerischen Qualität gleichzusetzen.

Ich vertrete die zweite Position. Dennoch habe ich immer versucht, diese Frage dialektisch anzugehen. Anders ausgedrückt: Ich glaube, dass Barrett für Pink Floyd wesentlich gewesen ist. Ebenso wesentlich ist es jedoch gewesen, sich von ihm zu emanzipieren - ohne ihn zu vergessen. Im Gegenteil, seine Abwesenheit mit Schuldbewusstsein und Bedauern zu thematisieren. Die Bedeutung von Barrett besteht vor allem darin, wie die anderen ihn nach seinem Ausscheiden weiter gedacht haben.

Keinesfalls rhetorisch gemeint

Letztlich haben sie ohne ihn nichts geschaffen, das sich nicht auf ihn bezogen hätte. So gesehen ist es nicht richtig, die Geschichte der Gruppe aufzuteilen in eine Epoche mit Syd und eine ohne. Barrett war immer bei Pink Floyd, und die Projektion seines Bildes am 2. Juli 2005, anlässlich der denkwürdigen Reunion zugunsten von Live Aid, ist das Symbol dieser Treue - keinesfalls rhetorisch gemeint und keineswegs selbstverherrlichend. Diese Treue nahm Gestalt an und wurde eins ist mit dem, was wir den "Pink Floyd Sound" nennen.

Abschließend möchte ich daran erinnern, dass die originäre Klassizität von Pink Floyd einem andern Künstler nicht entgangen ist. Es war Stanley Kubrick, der die Gewalt seiner Geschichten der absoluten Dominanz formaler Gestaltung unterstellt hat. 1968, als Pink Floyd noch nicht berühmt waren, dachte der große Regisseur im Zusammenhang mit dem Soundtrack für "2001 - Odyssee im Weltraum" an sie. Für die Szenen im Weltall hatte man Richard Strauss ausgesucht; Pink Floyd hätte für die klangliche Untermalung des Monolithen sorgen und die blinde Gewalt der "Morgenröte des Menschen" mit den hypertechnischen Kalligraphien der Zukunft musikalisch verbinden sollen. Wie man weiß, fand diese Vermählung nicht statt, man optierte für Ligeti. Doch schon vier Jahre vor "Dark Side of the Moon" hatte Kubrick alles verstanden.

Der Autor ist Schriftsteller und Kritiker. Er unterrichtet Literatur an der Università Statale di Milano. In Deutschland erschien zuletzt sein Buch "Mr. Pink Floyd". Aus dem Italienischen von Lucia Stock.