6. Februar 2011, 15:07 Rockkritiker Pat Blashill über Klassik One-Night-Stand für die Ohren

Opern sind meistens unterhaltsamer als Filme von Kate Hudson, obwohl sie wirklich super aussieht: Wie ich als Rockkritiker lernte, die Klassik zu lieben - und zu fürchten.

Von Pat Blashill

Es heißt, die Klassik habe in Amerika keine Tradition. Das ist nicht wahr. Wir hören alle klassische Musik: die klassischen Werke der Beatles, die klassischen Songs Springsteens, den Klassiker Clapton. Wir verehren die Meisterwerke der Eagles. "Highway To Hell" ist eine unserer heiligen Schriften. Wir lieben auch den Tanz: den Moonwalk, den Hippy Hippy Shake, den Rock Lobster.

"Manchmal ist klassische Musik wie ein One-Night-Stand, weil man sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnert": Für die Musiker der Semperoper (im Bild) wird dies nicht zu treffen - wohl aber für den ehemaligen Rockkritiker Pat Blashill.

(Foto: dpa)

Als ich vor ein paar Jahren nach Österreich zog, merkte ich allerdings, dass Europäer etwas ganz anderes meinen, wenn sie von klassischer Musik und Tanz reden. Sie meinen seltsame, altmodische Klänge. Ohne elektrische Verstärkung. Sie meinen Violinen, Ballett-Tutus und Mezzosopran. Und so phantastische Dinge wie die Triangel, die ich besonders unerträglich finde. Ich habe immer den Wohlklang eines ordentlich verzerrten Wah-Wah-Pedals bevorzugt.

Dennoch habe ich versucht, mich auf Opern und alles andere europäische Klassische unvoreingenommen einzulassen. Meine Frau nahm mich mit zu den Bregenzer Festspielen - und es war fast wie Profi-Wrestling. Ich sah mir eine der unbekannteren Verdi-Opern an der Wiener Staatsoper an - und am Ende wurden alle niedergestochen. Wie in einem Film von Martin Scorsese. Aus Spaß kaufte ich mir eine Karte fürs Ballett. Und es gefiel mir! Ich sah den Tänzern gerne dabei zu, wie sie auf ihren Zehenspitzen standen. Ein paar Tage später wurde eine der Tänzerinnen entlassen, weil Nacktfotos von ihr in einer lokalen Zeitung erschienen waren. Aber ich dachte nur: "Wow, jetzt ist sie ein richtiger Star!"

Mir kam der Gedanke, dass meine amerikanischen Freunde, die die Synthiepop-Sängerin La Roux mögen, den Gangster-Rapper 50 Cent oder die Extreme-Metal-Band Cradle Of Filth, hier in Wien vielleicht doch etwas verpassten. Nachdem mich eine Freundin gebeten hatte, ihr den Plot der Tschaikowsky-Puschkin-Kollaboration "Eugen Onegin" zu erklären und ich ihn für sie zusammengefasst hatte - gut aussehende Streberin trifft Melancholiker, der Melancholiker gibt die Diva, es fließt Blut, die gut aussehende Streberin sagt: ,Später vielleicht' - meinte sie: "Du solltest das Buch ,Klassik für Dummies' schreiben." Deshalb gibt es diesen Artikel.

Ich habe gerade das Buch "The Rest Is Noise" des amerikanischen Klassikkritikers Alex Ross gelesen. Es heißt darin, im 20. Jahrhundert sein die klassische Musik zugrunde gegangen. Sie sei lärmig und merkwürdig geworden. Dann seien Jazz und Blues und die Beatles und Hip-Hop aufgekommen und Mahler vergessen worden. Dennoch behauptet Alex Ross, dass Opern und Symphonien immer noch wichtig seien. Die Musik sei schließlich ein "Kontinuum". Deswegen dachte ich vielleicht immer, dass sich Eric Satie wie Brian Eno anhört, und Krzysztof Penderecki wie Sonic Youth mit Celli.

Auf meiner österreichischen Klassik-Entdeckungsreise habe ich aber auch den entscheidenden Unterschied zwischen Bela Bartok und der Death-Metal-Band Deicide gelernt. Man kann zu Bartok nicht abwaschen, man muss wirklich auf jedes noch so kleine ,Kerrang!' achten. Vor ein paar Jahren sah ich ein französisches Orchester in Bregenz. Sie spielten irgendetwas von Beethoven und ich nickte ein. Aber als sie Igor Strawinskys "Le sacre du printemps" aufführten, war ich sofort wieder hellwach. Die Geiger lehnten sich nach vorne wie Skirennläufer. Ich wusste nicht, warum ich so begeistert war. Später erfuhr ich, dass Strawinsky einmal gesagt hat: "Kinder und Tiere verstehen meine Musik am besten." Das erklärt natürlich manches.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum sich bei der Betrachtung von Opern manches relativiert - und wann sie einen völlig fertig machen.

Völlig hingerissen

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Stehplatzkarte für die Wiener Staatsoper kostet nur drei oder vier Euro. Man bekommt also für wenig Geld ziemlich viel Unterhaltung. Denn Opern sind meistens unterhaltsamer als Filme von Kate Hudson, obwohl sie wirklich super aussieht. Nachdem ich erfahren hatte, dass Richard Strauss' "Salome" vor hundert Jahren für ziemlich viel Aufsehen gesorgt hatte, ging ich zu einer Aufführung in die Wiener Staatsoper.

Im Programmheft stand, dass Peter Schneider dirigieren und Catherine Naglestad die Salome spielen würde. Wow. Und ich dachte immer, meine Familie sei verrückt. Die Musik hörte sich an, als rutschte sie ununterbrochen einen Berg herunter. Sie brachte Naglestad um - sie tat mir leid, obwohl sie vorher den König aufgefordert hatte, diesen anderen Typen zu köpfen. Als sie tanzte, musste ich an die Szene in Fritz Langs Film "Metropolis" denken, in der der böse Roboter für die stinkreichen Perverslinge tanzt. Bei der Betrachtung von Opern relativiert sich manches.

Auf der anderen Seite kann einen diese Musik immer wieder ziemlich fertig machen. Ich habe es zum Beispiel einmal im Wiener Konzerthaus mit Schostakowitsch versucht. Das Orchester des Sankt Petersburger Mariinski Theaters spielte unter der Leitung von Valery Gergiev die Siebte und die Zwölfte seiner Symphonien. Ich rechnete allerdings damit, in der riesigen Konzerthalle mit ihren funkelnden goldenen Kronleuchtern vor lauter Nebengeräuschen die Musik kaum hören zu können. Tatsächlich konnte man noch das leiseste Geräusch, das die Musiker machten, genau hören. Selbst zarte Trommelwirbel waren gut wahrnehmbar und kleinste Schwingungen irgendeiner Geigensaite. Es entging einem nicht einmal, wenn irgendwo jemand mit seinem Programmheft raschelte. Und das nur, weil alle so still waren und so unglaublich aufmerksam die Musik verfolgten.

Es ist verblüffend: In der Zeit, die ich brauche, um einen einzigen Satz zu schreiben, schafft es ein Orchester vom Pianissimo bis ins Fortissimo. Außerdem riechen die Leute auf einem Klassik-Konzert viel besser als auf einem Konzert der Heavy-Metal-Band Machine Head.

Das Orchester Schostakowitschs Siebte, die sogenannte "Leningrader Symphonie", spielen zu sehen, die Schostakowitsch während des Zweiten Weltkriegs komponierte, war dann, als sähe man einem wirklich bizarren Pilz beim wachsen zu. Erst wuchs die Musik, dann kochte sie, und schließlich schlug sie Blasen.

Von honigsüß bis wild-tobend

Am Anfang hörte es sich wie ein schöner Tag in Leningrad an, am Ende wie im Kugelhagel. Nach einer Weile fühlte ich mich wie ein geprügelter Hund. Mir hatte das Konzert wirklich gefallen, aber ich hielt einfach keine Crescendos mehr aus. Ich dachte: "Der Typ mit den Becken soll aufhören!" Irgendwann tat er es und ich ging nach Hause. Aber ich musste erstmal eine Weile Iron Butterfly hören, um schlafen zu können.

Das nächste Mal war ich bei einem Auftritt des Sängers Georg Nigl und des Pianisten Gérard Wyss im Konzerthaus. Sie spielten Stücke von Mahler, Berg und dem noch lebenden Pascal Dusapin. Und es war großartig. Von honigsüß bis wild-tobend brauchte Nigl keine vier Sekunden. Wenn er brüllt, wird sein Gesicht roter als das des Hardcore-Punk-Sängers Henry Rollins. Auch Wyss ging gut ab. Immer wenn die beiden eine Pause machten, atmete das Publikum tief aus.

Manchmal ist klassische Musik wie ein One-Night-Stand, weil man sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnert. Ich dachte: "Ich werde auf keinen Fall nachher eins der Stücke vor mich hinpfeifen." Aber das ist in Ordnung. Popmusik pflanzt einem Hooklines ein, Klassik ist eher mit der bildenden Kunst vergleichbar. Ich habe mich an Musik gewöhnt, die wie ein Vorschlaghammer klingt. Aber es gibt eben auch Musik, die eher geisterhaft ist. Sie quält einen eine Weile, und später kommt sie zurück, um einem noch ein bisschen auf den Wecker zu gehen. Cool.

Männer laufen in europäischen Opernhäusern gerne mit hinter dem Rücken verschränkten Armen umher wie sehr nachdenkliche Mönche. Es muss ansteckend sein, weil ich den Gegensatz zwischen Klassik und Pop hier wohl etwas überstrapaziert habe. Oper, Ballett und Zwölftonmusik sind in Europa nicht bedeutender als in den USA. Und Strawinsky ist im 21. Jahrhundert nicht unwichtiger als er es im 20. war. Man muss sich nicht zwischen Bela Bartok und Cradle Of Filth entscheiden. Das wäre, als würde man den Film "King Kong vs. Godzilla" machen. Wer würde so etwas tun?

Ganz am Anfang von "The Rest Is Noise" erzählt Alex Ross die Geschichte, wie George Gershwin den alten Miesepeter Alban Berg in Wien besucht. Gershwin spielte Berg ein paar seiner Sachen vor, war aber bald viel zu nervös, um noch etwas Vernünftiges zustande zu bringen. Er fürchtete, Berg würde seine Stücke für nicht anspruchsvoll genug halten. Dann sagte Berg zu ihm: "Mr. Gershwin, Musik ist Musik."

Der Autor schrieb lange für große amerikanische Magazine wie den "Rolling Stone", "Details" oder "Wired". Seit 2005 lebt er in Wien. Deutsch von Jens Christian Rabe.

Hölle, Hölle, Hölle

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