15. Februar 2013, 17:27 "Quellen des Lebens" im Kino Ego-Monster der Unzulänglichkeit

Geborgen bei den Großeltern, verängstigt von den Eltern und zuhause bei der Jugendliebe: In seinem autobiographischen Film erforscht Oskar Roehler die drei Tonarten der Liebe. Mit Melodramatik, Überschwang und feinsinnigen Schauspielern.

Von Rainer Gansera

Herzzerreißend schöne Liebesszene. Ein Wald in der fränkischen Provinz, Ende der Siebzigerjahre, kleine Lichtung mit sprudelndem Bach. Robert (Leonard Scheicher) inszeniert mit Laura (Lisa Smit) eine Art Mini-Woodstock für zwei: Sie beschmieren sich mit Schlamm, tanzen. Nach langer Zeit haben sie sich wiedergefunden. Schon in Kindertagen liebten sie sich.

Damals trug Laura Zöpfe, Zahnspange und Brille. Sie war die Tochter der Nachbarn, die Robert als ideale, harmonische Familie bewunderte. Jetzt sind beide siebzehn und das Schlammritual wird zum Inbild der Zusammengehörigkeit. Eine Szene, in der alles steckt, was Regisseur Oskar Roehler liebt: Melodramatik, Melancholie und Überschwang, Selbstironie, die Hautnähe der Empfindungen.

Das Familienepos, das Roehler, Jahrgang 1959, in "Quellen des Lebens" erzählt, durchquert drei Generationen, drei Liebesgeschichten und die drei Tonarten von Groteske, Tragödie und Romanze. Vor dem Hintergrund der westdeutschen Nachkriegsgeschichte zwischen 1949 und 1979. Ausgehend von seinem autobiografischen Roman "Herkunft" hat Roehler die Selbsterkundung filmisch fortgeschrieben. Robert, Roehlers Alter Ego, ist der Ich-Erzähler. Immer schon waren seine Filme ("Silvester Countdown", "Der alte Affe Angst") autobiografisch gespeiste Phantasien. Sein berühmtester, "Die Unberührbare" (2000), war eine Hommage an seine Mutter, die Schriftstellerin Gisela Elsner. "Quellen des Lebens" könnte man nun als "Abrechnung mit der Mutter" bezeichnen, aber die Faszination überwiegt. Im Kern sind alle Filme Roehlers, selbst die schrillsten, Liebeserklärungen.

Die erste Liebesgeschichte in "Quellen des Lebens" enthüllt sich als solche erst zum Schluss. Erst dann gelingt dem Mann das Geständnis, dass die Frau an seiner Seite "Quelle meines Lebens war - ich konnte es ihr nur nicht sagen!" Zu Beginn will Ehefrau Elisabeth Freytag (Meret Becker) nichts mehr von ihrem Gatten Erich (Jürgen Vogel) wissen, der 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrt. Als ehemaliger Hitler-Verehrer wird er zum Paria, der, geplagt von fauligen Zähnen und Diarrhö, auf der Parkbank nächtigen muss. Bei der Zeichnung dieser Geschichte schwelgt Roehler in einer trashigen Groteskmalerei, die zuerst verstört, bis man sie als Erzählperspektive kindlicher Erinnerung versteht. Eine Erinnerung, die verzerrt und ausdrücklich aufs Peinliche gerichtet ist.

Mit fiebriger Rhythmisierung und einer groß aufspielenden Lavinia Wilson kommt die zweite Liebesgeschichte in Fahrt. Jetzt geht es um Roberts Eltern: Klaus Freytag (Moritz Bleibtreu) und Gisela Ellers (Lavinia Wilson), zwei schriftstellerisch Ambitionierte, die sich gegenseitig anheizen in ihrem antibürgerlichen Furor. Taumel einer Amour fou, die den Keim des Scheiterns schon in sich trägt.

Die Gegensätze sind zu groß. Gisela hat Talent und reüssiert, Klaus bleibt als Schriftsteller erfolglos und wird Lektor. Sie entstammt einem wohlhabenden Elternhaus, er gefällt sich darin, die kleinbürgerliche Enge seines Herkommens als Bodenständigkeit auszugeben. Gisela, gewöhnt an reiche Verehrer und exzentrische Partys, taugt nicht als seine Muse, und sie taugt schon gar nicht als Mutter. Sie pflegt ihr Diva-Image (Kleopatra-Perücke), verschanzt sich hinter der Schreibmaschine, und Sohn Robert ist ihr nur lästig.

Die Eltern trennen sich, als Robert drei Jahre alt ist. Die Odyssee des Jungen beginnt. Bei den Großeltern Erich und Elisabeth in ländlicher Idylle fühlt er sich wohl. Seine schrecklichste Zeit erlebt er beim Vater, der in West-Berlin mit dem Umsturz des kapitalistischen Systems und der eigenen sexuellen Befreiung beschäftigt ist. Da ist für den Jungen kein Platz mehr. Roberts Verhängnis: Eltern zu haben, die zu Ego-Monstern der Unzugänglichkeit werden. Das ist die zentrale traumatische Erfahrung Roberts, die sein ganzes Erleben imprägniert: den Ekel vor dem Glas Milch, das ihm der Vater aufzwingt; das Glück, wenn ihm die Großeltern eine dreifache Pommes-Portion spendieren; die Sehnsucht nach einer Harmonie-Familie. Roehler erforscht elementare Lebensszenarien, die von den durchweg brillanten Darstellern feinnervig durchfühlt werden.

Zuletzt die Jugendromanze von Robert und Laura. Die wunderbare dritte Liebesgeschichte, mit dem Höhepunkt des Schlammbadrituals. Laura spricht den Satz aus, der Robert rettet: "Ich werde immer zu dir halten!"

Quellen des Lebens, D 2013 - Buch, Regie: Oskar Roehler. Kamera: Carl-Friedrich Koschnick. Mit: Jürgen Vogel, Meret Becker. X-Verleih, 174 Minuten.