20. November 2012, 14:11 Popfestival "Rolling Stone Weekender" Zwischen Klimperklavier und Kitsch-Attacke

Elektronisch, betörend traurig bis hin zu maximal herzzerreißend: Es sind die vielen Facetten der Popmusik, die immer noch Tausende Fans begeistern. Und die zeigen, warum man Popmusik immer noch hören sollte. Eine Fahndung an der Ostsee beim "Rolling Stone Weekender".

Von Jens-Christian Rabe und Jan Biener

Maximal künstlich, maximal herzzerreißend: Poliça-Sängerin Channy Leaneagh.

(Foto: Cameron Wittig)

Der europäische Popfestival-Kalender ist mittlerweile so dick wie ein Buch. Der "Rolling Stone Weekender" ist trotzdem einzigartig. Das zweitägige, immer sehr kundig kuratierte Festival am Weißenhäuser Ostseestrand nördlich von Lübeck findet auf dem Gelände eines Ferienparks mit Spaßbad und Kinder-Dschungelland statt. Man schläft nicht in Zelten, sondern in kleinen Apartments, und bei den Konzerten - in diesem Jahr waren es 27 auf vier Bühnen - gibt es keine Schlammschlachten. Anders gesagt: Es gibt Mitte November vielleicht keinen besseren Ort für ein paar gute Antworten auf die Frage, warum man heute eigentlich noch Popmusik hören sollte.

[] Das Klimperklavier

Also erst mal: Van Dyke Parks. Der bald 70-jährige Musiker, Komponist, Produzent, Arrangeur, Textdichter und Schauspieler, der schon als Kind in Hollywood-Filmen mit Grace Kelly auftrat und einmal sogar - 1958! - der Peter in einer Heidi-Verfilmung war; der hochbegabte junge Pianist, der Mitte der Sechziger am Beach-Boys-Album "Smile" arbeitete; und der Mann, der 2004 dieses vielleicht berühmteste unvollendete Album der Popgeschichte mit Brian Wilson tatsächlich fertigstellte. Dieser Van Dyke Parks hockte da also auf der Bühne hinter seinem schwarzen Flügel im eigentlich viel zu niedrigen "Baltic Festsaal", mit iPad und Lesebrille, erzählte, wie seine Frau mit Elvis, also: ELVIS - "don't be confused!" -, in Memphis auf der Veranda saß, und klimperte mit einem Cellisten, einer Harfenistin, einem Schlagzeuger und einem Kontrabassisten, wahnsinnig gut gelaunt herum auf Klassikern der amerikanischen Unterhaltungsmusik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, als die Songwriter noch Reverend Gary Davis hießen und ihre Hits "Delta Queen Waltz". Und er klimperte so irre glücklich und toll herum auf seinen Lieblingsliedern, dass es - ja, was eigentlich? - dass es plötzlich viel mehr als eine Gewissheit war, dass das Leben eigentlich noch viel größer und leichter ist, als wir es uns in unseren schönsten Träumen ohnehin schon vorstellen.

[] Das Rätsel

Staunend stand man auch vor Animal Collective, die am Weißenhäuser Strand ihr erstes Deutschland-Konzert der laufenden Tour spielten. Nur staunte man ganz anders. Die meistgefeierte Avantgarde-Popband der Gegenwart hatte ein Bühnenbild dabei, das aussah wie ein riesiges psychedelisches Schenkel-Gewölbe - und führte eine Musik auf, die klang, als seien die späten Beach Boys in ein heftiges elektronisches Soundgewitter geraten. Der verhallte Harmoniegesang hatte nichts Schmeichelndes mehr, er war schneidend scharf. Und man hörte weniger Songs als ihre kontrollierte Zerlegung. Also: psychedelischen Pop, für den Bewusstseinserweiterung kein Heilsversprechen mehr ist. Seltsam. Aber eindrucksvoll zeitgemäß.

[] Der Kitsch

Es gibt Popmusik, die klingt, als ob sie sich ein depressiver Komponist an einem dunkelgrauen Herbsttag am Strand ausgedacht hat. So betörend traurig ist die. Da haben bestimmt sogar die Möwen mitgeweint. Stuart A. Staples macht solche Musik. Und dass er hier tatsächlich vom herbstlichen Strandspaziergang direkt auf die Bühne kam, das ist natürlich grausiger Indiepop-Kitsch. Aber dann steht er da mit ausgebeulter Stoffhose, Leinenhemd, Altherrenweste und den größten Koteletten des Pop vor 2000 Menschen und singt mit seinen Tindersticks in stiller Souveränität: "Show me everything!" Der Drummer streichelt den Takt eher, als dass er ihn schlägt, sogar das Saxofon wird würdevoll gewürgt - und man denkt: Okay, Stuart, du alter Fuchs. Hast gewonnen.

[] Die Slogans

Es komme im Pop nicht darauf an, was gesagt werde, heißt es gern, viel wichtiger sei, wie etwas gesagt werde. Einerseits ist das natürlich vollkommen richtig, also der Weisheit allerletzter Schluss. Man denke nur an, sagen wir, die Zeile: "Love, love me do / you know I love you". Die Popmusik ist immer auch ein Sängerkrieg darum, wer dem größten Unsinn die meiste Bedeutung verleihen kann. Andererseits war da im großen Zelt das Konzert von Tocotronic. Man weiß ja nicht immer sofort, was die wichtigste deutsche Indie-Band mit ihrer doch immer wieder auch nervtötend glanzlosen Schrammel-Musik eigentlich will. Besonders wenn der Sound schlecht und Sänger Dirk von Lowtzow kaum zu verstehen ist. Wenn es aber so gut klingt wie hier, dann ist plötzlich klar, was für eine Kraft sogar deutsche Popmusik haben kann, wenn es zur Abwechslung mal darauf ankommt, was gesagt wird. Dann kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, obwohl das ja alles lange in der Welt ist, die Band gibt es seit fast 20 Jahren. Aber wie viele unglaublich gute, verblüffende, kluge, wahre, lustige Zeilen und Slogans sich dieser große zeitgenössische deutsche Dichter Dirk von Lowtzow ausgedacht hat! Und dabei wären wir schon ein besseres Land, wenn es nur diese eine Strophe aus "Was du auch tust, mach es nicht selbst" gäbe: "Wer zu viel selber macht / Wird schließlich dumm / Ausgenommen Selbstbefriedigung."

[] Die Stimme

Wie lange der Band Poliça, der großen Pop-Entdeckung dieses Jahres, wohl noch nachhängen wird, dass sie der Neo-Folk-Zauberer Justin Vernon alias Bon Iver als beste Band bezeichnet hat, "die ich je gesehen habe"? Und sogar der Rap-Superstar Jay-Z seinen Segen gab? Bis zum ersten großen Hit vermutlich, den die Indie-Band aus Minneapolis bitte unbedingt ganz bald verdient hat. Und zwar schon allein wegen der verblüffenden Dreistigkeit der Sängerin Channy Leaneagh, ihren ohnehin großartigen Gesang konsequent extrem zu verfremden mit einem Tonhöhenkorrekturprogramm, das normalerweise verwendet wird, um Sänger zu retten, die gar nicht singen können. Leaneaghs Stimme flattert also auch im Baltic Festsaal sehr seltsam humanoid sirenenhaft im Raum herum. Gleichzeitig maximal künstlich und maximal herzzerreißend. Wow.

[] Die Show

Es kann böse enden, wenn Schlagzeuger erfolgreicher Bands endlich auch mal im Mittelpunkt stehen wollen. Joshua Tillman war zuletzt Drummer der Neo-Folk-Helden Fleet Foxes, jetzt ist er Father John Misty, Hirte des Country-Pop und Hüter der unterschätzten Kunst der Bühnenansage. Und was für ein Glück das ist! Er tanzte die notorische Introvertiertheit des neuen Folk einfach mit einem ironischen Hüftschwung weg. Musikalisch ist er ganz Traditionalist, äußerlich eher ein stilbewusster, aber leicht abgewrackter Late-Night-Moderator. Also eine durch und durch zeitgenössische Figur. Eine zeternde Diva, ein Aufreißer, ein Grenzgänger, ein großer Entertainer, der das Publikum sogar mit einer Beschimpfung auf seine Seite bringen kann. Zur Begrüßung auf diesem mehrheitlich von nicht mehr allzu jugendlichen Männern besuchten Festival sagt er erst mal nur: "Welcome to Dude Fest 2012!" Und dann plaudert und ätzt und spaßt und croont er sich tatsächlich so unwiderstehlich mies gelaunt mit seiner Band durch den Auftritt, wie es der Titel seines Albums verspricht: "Fear Fun". Was für ein Mann.