11. Februar 2013 13:45 Netzfeministin Anne Wizorek Männer, ihr habt doch ein Gehirn!

Von Hannah Beitzer, Berlin

Anne Wizorek alias @marthadear hat dem Netzfeminismus ein Gesicht gegeben. Ihre Kritiker finden sie und ihre Twitter-Kampagne #Aufschrei humorlos und hysterisch. Dabei hat sie eine längst fällige Debatte angestoßen - und vor allem dem Feminismus in Deutschland einen entscheidenden Schubs verpasst.

Da sind diese Männer, die Anne Wizorek jetzt schreiben: Danke, endlich habe ich verstanden, was das soll, mit diesem Feminismus. Außerdem sind da Frauen, die erzählen, dass sie jetzt über Dinge sprächen, die sie sich zuvor nicht getraut hätten zu erzählen. Anne Wizorek, auf dem Kurznachrichtendienst Twitter bekannt als @marthadear, lächelt ihr zurückgenommenes Lächeln, wenn sie von den Reaktionen auf die Aktion erzählt, die sie zum Gesicht eines neuen, jungen Feminismus gemacht hat: Unter dem Kennwort #Aufschrei sammelte sie mit einigen Freundinnen Berichte von Frauen über den alltäglichen Sexismus in Deutschland.

Auslöser war ein Artikel einer Stern-Journalistin, in dem diese über eine Begegnung mit dem FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle, 67, schrieb, bei der sich der Politiker der 29 Jahre alten Reporterin mit zweideutigen Anspielungen und Berührungen näherte. Wizorek erkannte, dass in dem Artikel mehr steckt als nur ein politisches Skandälchen. Dass er Anstoß sein könnte für eine Debatte über die Frage, die in Deutschland im Jahr 2013 immer noch nicht gelöst ist: Wie sollen und wollen Frauen und Männer miteinander umgehen?

Der Feminismus regt sich schon seit einigen Monaten wieder ganz gewaltig. Quotendebatten, der Streit ums Betreuungsgeld und jetzt eben #Aufschrei. Es sind viele alte Fragen, die auftauchten: Warum bleibt in so vielen Familien immer noch die Mama daheim und der Papa schuftet sich buckelig? Warum gibt es immer noch so viele Chefs und so wenige Chefinnen? Und warum, verdammt nochmal, müssen sich Frauen immer noch anhören, sie sollen halt keine kurzen Röcke anziehen, wenn sie nicht angegrabscht werden wollen?

Im Netz gibt es eine aktive feministische Szene

Und nun hat das Land jemanden gefunden, von dem es sich Antworten erhofft: Anne Wizorek, 31 Jahre, Kommunikationsberaterin aus Berlin. Sie meistert diese Rolle, als hätte sie nie etwas anderes gemacht, lässt sich nicht provozieren, nicht als Krawallfutter missbrauchen, sondern macht nüchtern ihren Standpunkt klar, wieder und immer wieder. Erklärt, warum es einen Unterschied zwischen Flirten und sexueller Belästigung gibt. Kritiker beschimpfen sie als humorlos, sie gehöre "mal wieder ordentlich durchgevögelt".

Einige Tage später sitzt sie in einem dieser typischen Berliner Kaffeeläden mit blasser Fotokunst an der Wand und macht eine kleine Handbewegung, als würde sie die Pöbler und ihre Anfeindungen vom Tisch wischen wollen: "Ach, da kommt es mir zugute, dass ich schon lange zum Feminismus blogge." Wizorek spricht in Sätzen, in denen kein Wort zu viel fällt. Ihre Argumente beherrscht sie mit Leichtigkeit - und fügt sich damit so gar nicht in das Bild einer überemotionalen, hysterischen Emanze, das Feminismuskritiker gerne zeichnen. Eine fiese Herabwürdigung, die Wizorek grundsätzlich nicht stehen lassen will - denn Frauen, so macht sie mit ernstem Gesicht klar, hätten das Recht dazu, auf sexuelle Belästigung wütend zu reagieren, sie nicht wegzulachen. Mit Hysterie habe das nichts zu tun.

Wizorek ist Teil einer jungen feministischen Szene, die auf Twitter Kontakt zueinander hält und die in Blogbeiträgen schon lange vor dem Stern-Artikel Geschlechterbilder in Frage stellte. Unternehmen, die für ihre Werbekampagnen Frauen mit Hilfe von Fotoshop auf Barbie-Maße verändern, schicken diese Netzfeministinnen zu Hunderten Twitter-Nachrichten, in denen sie "sexistische Kackscheiße" anprangern. Sie sprengen Termine von Familienministerin Kristina Schröder. Vor allem aber schreiben sie, analysieren Filme, Bücher und Fernsehserien mit coolen weiblichen Figuren und kämpfen für die Frauenquote. Auch Wizorek betreibt gemeinsam mit anderen ein Blog, es heißt Kleinerdrei.org.

Dort erschien einer der Texte, die den Anstoß zu #Aufschrei gaben. "Ich merke, wie unangenehm es ist, wenn mir ein Mann aus dem Bus auffordernd die wackelnde Zunge entgegenstreckt, als wolle er mich küssen. Ich merke, wie unangenehm es ist, beim Fahrradfahren mit anzüglichen Bemerkungen überholt zu werden", schreibt Autorin Maike Hank unter der Überschrift "Normal ist das nicht".

Auch andere Bloggerinnen meldeten sich zu Wort, und was sie schrieben, war erschütternd und glaubhaft, gerade weil es aus der Ich-Perspektive erzählt war. "Es ist ein Tabubruch, denn bisher gehörte es sich nicht, solche Erlebnisse an die große Glocke zu hängen", bilanziert Antje Schrupp, eine der bekanntesten feministischen Bloggerinnen. "Zum Thema Aufschrei sind so viele kluge Blogeinträge entstanden", sagt auch Anne Wizorek, "es sind so viele Perspektiven eingeflossen, jede konnte ihre eigene Geschichte erzählen."

Das ist vielleicht die größte Besonderheit der Netzfeministinnen. Sie analysieren gesellschaftliche Missstände nicht nur anhand von Statistiken, sondern berichten von eigenen Erlebnissen, zum Beispiel wie ihnen eine Frauenquote geholfen hat oder wie der Chef sie im Vorstellungsgespräch nach den Familienplänen fragte. Dank #Aufschrei haben sie nun mit ihren Gedanken und Ideen den Weg in die großen Medien gefunden. Die Bloggerinnen sind zumeist Vertreterinnen jener selbstbewussten Generation, die es gewohnt ist, Missstände nicht stillschweigend hinzunehmen.

Nie zuvor hatten so viele junge Frauen eine akademische Ausbildung wie heute, ihnen wurde das Gefühl vermittelt, sie könnten alles schaffen. Und auch die Männer, mit denen sie zur Universität gingen, befreundet sind, entsprechen in der Regel nicht mehr dem typischen Bild des schlechte Witze röhrenden Machos. Keine Frage, unangenehme Situationen auf der Straße hat wohl jede Frau schon einmal erlebt. Doch ansonsten schien es für die meisten ganz gut zu laufen. Auch Anne Wizorek ist in einem solchen Umfeld aufgewachsen, ihre Mutter ist Maschinenbauingenieurin, die Familie lebte in der DDR - "da hatten wir schon immer ein anderes Frauenbild".

Doch mit dem Eintritt ins Arbeitsleben werden viele dieser selbstbewussten jungen Frauen mit einer Welt konfrontiert, in der männlich dominierte Netzwerke und Macho-Spielchen sie ausbremsen - und wo ihnen häufig einfach schon deswegen weniger zugetraut wird, weil sie Frauen sind. Wenn sie etwa ein Projekt leiten und Anrufer dennoch stur am Telefon nach "dem Chef" verlangen.

Männer, ihr könnt das doch besser

Die Lösung dafür sehen die jungen Feministinnen jedoch nicht darin, ihr eigenes Verhalten zu ändern. Nie würden sie - wie es auch Alice Schwarzer in einem Artikel für die FAZ getan hat - eine Verbindung herstellen zwischen Geringschätzung im Job und "weiblicher" Kleidung. Sie setzen stattdessen bei den Männern an. Wenn der Kommilitone, der Freund oder der Partner einen selbstverständlich als vollwertigen Menschen anerkennt, warum soll das dann anderen Männer nicht gelingen?

"Eigentlich haben wir Feministinnen doch das bessere Männerbild", sagt Wizorek, "wir reduzieren Männer nicht auf ihren Penis, sondern gestehen ihnen auch ein Gehirn zu." Sie lächelt, als wollte sie sagen: Ist doch logisch. Und das ist es ja eigentlich auch. Männer haben doch einen Verstand! Von ihrem Gegenüber erwartet Wizorek in cooler Selbstverständlichkeit, dass er zumindest in dieser grundlegenden Frage mit ihr auf einer Linie ist.

Auf eine Anfrage für ein Streitgespräch mit dem FDP-Politiker Wolfgang Kubicki zum Thema "Flirten" reagierte sie auf Twitter mit einem Link auf ein animiertes Bildchen, auf dem die Hauptperson ihrer Lieblingsserie "Buffy, the Vampire Slayer" entrüstet das Gesicht verzieht. "What?" steht darunter. Das Bild drückt aus, wofür Wizorek so eine Anfrage hält: eine verdammt blöde Idee. Immerhin habe Kubicki auf die Sexismus-Debatte mit der Aussage reagiert, er werde in Zukunft keine Journalistinnen mehr im Auto mitnehmen. "Er bestraft also lieber Frauen, als einfach sein Verhalten zu reflektieren - was ist denn von so jemandem zu erwarten?" Wizorek schüttelt den Kopf, ihr Mund wird ein strenger Strich.

Kubicki ist beileibe nicht der Einzige, der die Debatte für seine Agenda nutzt und so die Feministinnen gegen sich aufbringt. Stern-Chef Thomas Osterkorn zum Beispiel leistete sich in der Jauch-Debatte einen Seitenhieb auf "unsere Freunde mit Migrationshintergrund", denen er pauschal sexistisches Verhalten unterstellte. "Da sind die USA schon weiter", sagt Wizorek, "dort würde ein Moderator rassistische Äußerungen nie durchgehen lassen."

Sexismus mit Rassismus begegnen, das geht für viele Netzaktivisten gar nicht. "Als ob irgendwer mit Migrationshintergrund mit einem Kerl befreundet sein möchte, der 15 Millionen Menschen (davon die Hälfte Frauen) pauschal Sexismus unterstellt, weil sie ausländische Vorfahren haben", ätzt etwa Bloggerin Fabienne Vespergegen Osterkorn. Sexismus, so sind sich die meisten von ihnen einig, kann man nicht isoliert von anderen Problemen betrachten, sei es nun die Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung oder Behinderung.

Deswegen haben sich die meisten Netzfeministinnen auch Alice Schwarzers Kampf gegen Kopftücher in Schulen nicht angeschlossen - zu sehr erschien er wie ein pauschaler Angriff auf eine fremde Kultur. In den Streit um rassistische Begriffe in Kinderbüchern schalteten sich zahlreiche Leute aus der Community ein. Sie konnten nicht nachvollziehen, dass manche Feuilletonisten "das N-Wort" verteidigten.

Da lässt der Vorwurf der übermäßigen "politischen Korrektheit" natürlich nicht lange auf sich warten - den die Netzaktivisten lässig kontern. "Wir werden zunehmend sensibler für sprachliche Diskriminierungen - allen voran die Betroffenen. Die halten nämlich nicht mehr den Mund, wenn sie diskriminiert werden", schreibt der Autor Daniel Warwel auf Kleiner Drei, "dann wirft sich der WHM (der weiße heterosexuelle Mann - Red.) an der Kasse des Sprachsupermarktes auf den Boden und brüllt, weil er sich das N-Wort nicht mitnehmen oder ,schwul' nicht als Schimpfwort benutzen darf."

In klarer Sprache macht der Autor deutlich, um was es geht: Die alten Machtstrukturen, in denen heterosexuelle weiße Männer bestimmen, was normal ist, was "lustig" und was "hysterisch", "humorlos" oder "prüde" - sie wackeln gewaltig. Und das nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, wo sich ähnliche Initiativen bilden, wie die Forbes-Autorin Deanna Zandt in einem Artikel über #Aufschrei schreibt: "Everyday Sexism" in Großbritannien, #assez im französischsprachigen Twitter, #gridala in Italien. "Hier geht es nicht nur um ein paar zeternde Damen, die sich über ihr Schicksal beklagen", schreibt Zandt, "es gibt hier eine weltweite Bewegung von Frauen, die all die Strukturen satt haben, die dafür sorgen, dass Frauen sich nicht frei bewegen können."

Eines haben die jungen Feministinnen schon bewiesen. Ein #Aufschrei kann heute Fernsehsender dazu bringen, ihr Programm zu ändern und große Magazine und Zeitungen dazu, ihm Titelgeschichten zu widmen. Endlich ist in Deutschland eine Feminismus-Debatte entstanden, die nicht nur einigen wenigen Leuten vorangetrieben wird, sondern von vielen. Die sich nicht an Zahlen und Statistiken aufhängt, sondern am tief empfundenen Gefühl vieler Menschen, dass etwas nicht stimmt. Die #Aufschrei-Initiatorinnen haben Frauen vermittelt, dass sie nicht selbst schuld sind, wenn ihnen Schlimmes widerfährt. Sondern dass sich in der Gesellschaft etwas ändern muss. Denn natürlich kann und muss es auch anders gehen zwischen Männern und Frauen. Wie? Auf diese Frage haben Anne Wizorek und ihre Freundinnen sicher noch einige Antworten.

Inzwischen sammeln Netzaktivistinnen Berichte von Frauen auch unter Alltagssexismus.de.